Die 10 grössten Anlagefehler


Investieren ist einfach. Investiert zu bleiben ist schwer. Die grössten Renditekiller sind nicht Crashes oder Rezessionen — es sind die Fehler, die wir selbst machen. Zehn davon sehen wir immer wieder. Bei Kunden, bei Freunden, bei uns selbst.
Es gibt ein Paradox beim Investieren: die Theorie ist unfassbar einfach, die Praxis unfassbar schwer. Die Theorie passt auf eine Notizkarte — breit diversifiziert, tiefe Gebühren, lange investiert bleiben, automatisiert besparen, im Crash nicht verkaufen. Das war's. Und doch: die Mehrheit der Privatanleger erreicht die Renditen ihrer eigenen Fonds nicht. Nicht, weil sie die Theorie nicht kennen. Sondern weil sie zwischen Theorie und Praxis ein Abgrund klafft, und der heisst Verhalten.
Diese Verhaltenslücke ist mittlerweile ausgiebig gemessen. Vanguard's Advisor's Alpha-Studie, Morningstar's Mind the Gap-Report, Dalbar's Quantitative Analysis of Investor Behavior (QAIB), JP Morgan, Envestnet — sie alle kommen zum gleichen Resultat: Privatanleger verlieren pro Jahr etwa 1.5% bis 3% gegenüber den Renditen der Fonds, in denen sie investiert sind. Nicht wegen Gebühren. Wegen Timing-Fehlern, Panic-Selling, Trend-Jagd und Strategiewechseln im ungünstigsten Moment.
Wir haben die zehn häufigsten dieser Fehler gesammelt. Mit verifizierten Zahlen, Schweizer Kontext und konkreten Lösungen. Am Ende findest du eine Zusammenfassung, die du ausdrucken und an den Kühlschrank kleben kannst — gedacht für den nächsten Moment, in dem der Markt fällt und du versucht bist, auf "Verkaufen" zu klicken.
Der teuerste Fehler von allen — und der unsichtbarste. Denn du siehst nie, was du verpasst hast. Die Differenz zwischen einem Sparplan, der mit 25 startet und einem, der mit 35 startet, sieht auf den ersten Blick nach "10 Jahren weniger" aus. Die Realität ist brutaler: durch den Zinseszins-Effekt wirken die frühen Jahre überproportional.
| Szenario | Start mit 25 | Start mit 35 |
|---|---|---|
| Horizont bis 65 | 40 Jahre | 30 Jahre |
| Monatliche Einzahlung | CHF 300 | CHF 300 |
| Total eingezahlt | CHF 144'000 | CHF 108'000 |
| Endwert bei 7% p.a. | ~CHF 787'500 | ~CHF 366'000 |
| Differenz | ~CHF 421'500 | |
Annahme: 7% nominale Jahresrendite, monatliche Kompoundierung, vor Gebühren und Steuern. Historische Aktienmarkt-Durchschnitte über lange Zeiträume.
Lies das nochmal genau. Zusätzliche CHF 36'000 Einzahlung (über 10 Jahre, CHF 300/Monat) erzeugen CHF 421'500 zusätzlichen Endwert. Das ist der Zinseszins-Effekt, den Albert Einstein angeblich als "achtes Weltwunder" bezeichnet haben soll. Ob das Zitat von ihm stammt ist umstritten — die Mathematik dahinter nicht.
Lösung: Fang heute an. Nicht morgen, nicht "wenn ich mehr verdiene", nicht "wenn der Markt besser aussieht". Ein Sparplan ab CHF 100/Monat reicht zum Starten — das wichtigste ist der Start selbst, nicht die Höhe. Du kannst den Betrag später jederzeit erhöhen, aber die verlorene Zeit bekommst du nie zurück.
"Der Markt ist gerade auf einem Allzeithoch — ich warte auf einen Rücksetzer." Diesen Satz hören wir buchstäblich jede Woche. Er klingt vernünftig, ist aber einer der teuersten Fehler überhaupt.
Der Grund: Der Aktienmarkt verbringt statistisch einen überraschend grossen Anteil seiner Zeit auf oder nahe einem Allzeithoch. Das ist kein Zeichen von Übertreibung — sondern eine mathematische Folge davon, dass die globale Wirtschaft und die Unternehmensgewinne langfristig wachsen. Jeder neue Höchststand fühlt sich gefährlich an. Und jeder neue Höchststand wird später zum neuen "Tief", im Vergleich zu dem, was danach kam.
JP Morgan hat in seiner berühmten Guide to Retirement-Studie untersucht, was es einen Anleger kostet, die besten Börsentage zu verpassen. Das Ergebnis: Wer zwischen 2003 und 2022 im S&P 500 investiert blieb, erzielte eine annualisierte Rendite von etwa 9.8%. Wer die 10 besten Tage dieses 20-Jahres-Zeitraums verpasste, fiel auf ca. 5.6%. Wer die 30 besten Tage verpasste, war bei ca. 0.8%.
Und das wirklich perverse: die besten Tage kommen fast immer unmittelbar nach den schlimmsten. 7 der 10 besten Tage der letzten 20 Jahre lagen innerhalb von zwei Wochen nach einem der 10 schlimmsten Tage. Wer panisch verkauft, verpasst nicht nur den Crash — er verpasst auch die Erholung.
Lösung: Sparplan einrichten. Du investierst automatisch am 1. des Monats — egal was der Markt macht, egal was die Schlagzeilen sagen, egal wie du dich fühlst. Das eliminiert die Timing-Frage komplett, weil sie nie gestellt wird. In steigenden Märkten kaufst du zu höheren Kursen, in fallenden zu tieferen, und über 20+ Jahre mittelst sich der Einstandspreis so aus, dass er meist unter dem Durchschnittskurs des Zeitraums liegt. Das ist der berüchtigte Cost Averaging Effect.
Der Klassiker. Der Markt fällt 20%, 30%, 40%. Die Nachrichten schreien "die grösste Krise seit X Jahren". Dein Portfolio blutet. Jeder Tag fühlt sich schlimmer an als der vorherige. Du verkaufst, "um das Schlimmste zu vermeiden". Und dann passiert das, was immer passiert:
COVID-Crash (Februar–März 2020): Der S&P 500 fiel innerhalb von ca. 5 Wochen um rund 34%. Wer am 23. März 2020 auf dem Tiefpunkt verkaufte, verpasste eine Erholung von über 70% in den folgenden 12 Monaten. Der Markt war Ende August 2020 bereits wieder auf Allzeithoch.
Finanzkrise 2008/09: Der S&P 500 fiel vom Oktober 2007-Hoch bis zum März 2009-Tief um rund 57%. Wer bei −40% verkaufte und erst nach dem "klaren Signal" eines Trendwechsels wieder einstieg (was typischerweise Ende 2009 oder 2010 passierte), brauchte bis 2013 oder später, um sein altes Level zu erreichen. Wer einfach gehalten hat, war 2012 wieder dort.
Dotcom-Blase 2000–02: Der Nasdaq fiel um fast 78%. Wer nur Tech hielt, brauchte bis ungefähr 2015, um sich zu erholen. Wer einen breit diversifizierten Aktienfonds hielt (nicht nur Tech), verlor deutlich weniger und war nach etwa 5–6 Jahren wieder im Plus.
Das Muster ist immer gleich: die besten Börsentage kommen direkt nach den schlimmsten. Das liegt an der Natur von Angst-getriebenen Märkten: sie fallen zu tief, dann korrigiert sich die Panik, dann springen die Kurse mit Gewalt zurück. Wer zum Tiefpunkt verkauft, ist weg, wenn die Erholung kommt — und kommt fast immer erst zurück, wenn das meiste Erholungspotenzial schon weg ist.
Lösung: In Krisenzeiten diesen Satz auf die Kühlschranktür kleben: "Jeder Crash fühlt sich an wie das Ende der Welt. Keiner war es." Und: Sparplan unverändert weiterlaufen lassen. Du kaufst in der Krise zu tieferen Kursen, was die Rendite nach der Erholung verstärkt. Das ist nicht "tapfer" — es ist einfach mathematisch richtig.
Der gefährlichste Fehler, weil er unsichtbar ist. Niemand schickt dir eine Rechnung über CHF 190'000. Keine Überweisung, keine Abbuchung, keine Benachrichtigung. Die Gebühren werden leise vom Fondsvermögen abgezogen, bevor die Rendite überhaupt bei dir ankommt. Die meisten Anleger haben keine Ahnung, wie viel ihre Produkte wirklich kosten — und das ist Absicht im Geschäftsmodell vieler Bankberater.
Die Mathematik ist deshalb so schmerzhaft, weil sich Gebühren-Unterschiede über lange Zeiträume dramatisch aufbauen:
| CHF 100'000 investiert, 7% Brutto-Rendite p.a. | 0.3% TER | 1.5% TER |
|---|---|---|
| Nach 10 Jahren | ~CHF 190'800 | ~CHF 170'800 |
| Nach 20 Jahren | ~CHF 364'100 | ~CHF 291'800 |
| Nach 30 Jahren | ~CHF 694'900 | ~CHF 498'400 |
| Differenz nach 30 Jahren | ~CHF 196'500 | |
Brutto-Rendite 7% p.a., netto entsprechend 6.7% bzw. 5.5%. Verifiziert mit Compound-Interest-Formel.
Dein Bankberater empfiehlt dir gerne aktiv verwaltete Fonds mit 1.5%+ TER — nicht weil sie besser performen (die Mehrheit schneidet über lange Zeiträume schlechter ab als der Index), sondern weil seine Bank oder er selbst an den Gebühren verdient (Retrozessionen, Verwaltungsgebühr, Ausgabeaufschläge). Und er wird dir niemals diese Tabelle zeigen.
Lösung: Frage bei jeder Anlage nach dem Total Expense Ratio (TER) — der enthält alle laufenden Kosten. Und stelle eine Gegenfrage, die fast immer entlarvend ist: "Investieren Sie Ihr eigenes Geld in dieses Produkt?" Die Antwort (und vor allem wie sie gegeben wird) sagt dir fast alles, was du wissen musst. Bei arvy investieren die drei Gründer je über CHF 100'000 ihres eigenen Geldes in dieselben Portfolios wie die Kunden. Das ist kein Marketing-Gimmick — es ist ein struktureller Incentive-Fit.
"Mein Kollege hat mit Tesla 300% gemacht." Ja. Und dein anderer Kollege hat mit Credit Suisse alles verloren. Einzelaktien-Wetten sind kein Investieren — es ist Spekulieren. Und in der Schweiz haben wir 2023 das lebende Beispiel dafür bekommen, wie selbst scheinbar unverwundbare Blue Chips auf Null gehen können.
Die Credit Suisse war eine der ältesten und grössten Banken der Schweiz, eine der 30 "Global Systemically Important Banks" der Welt, mit über 160 Jahren Geschichte. Im März 2023 kollabierte sie innerhalb weniger Tage und musste von der UBS für einen Bruchteil ihres Buchwerts übernommen werden. AT1-Obligationäre verloren komplett, Aktionäre verloren praktisch alles.
Wer 2021 CHF 50'000 in CS-Aktien hatte (damals ein "vernünftiger Blue Chip"), hat praktisch alles verloren. Wer die gleichen CHF 50'000 in einen breit diversifizierten globalen Aktienfonds hatte, hat den CS-Kollaps kaum gespürt — der Verlust war kleiner als eine typische Tagesbewegung des Gesamtmarkts.
Diversifikation ist nicht "Vorsicht für Feiglinge". Es ist eine mathematisch nachweisbar überlegene Strategie, um pro Risiko-Einheit mehr Rendite zu generieren. Das ist das Fundament der Modernen Portfoliotheorie, für die Harry Markowitz 1990 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften bekam. Die Essenz: nicht-korrelierte Positionen reduzieren das Portfoliorisiko überproportional, ohne die erwartete Rendite zu reduzieren.
Lösung: Diversifiziere. Mindestens 20–30 Unternehmen über verschiedene Branchen und Regionen. Ein ETF macht das automatisch (ein MSCI World hält ca. 1'500 Titel). Ein Quality-Fonds wie arvy konzentriert auf die besten ~30 Unternehmen — konzentriert genug für Outperformance-Chancen, diversifiziert genug, damit ein einzelner Ausfall wie Credit Suisse nicht dein gesamtes Vermögen bedroht.
NFTs. Meme-Stocks. SPACs. Cannabis-Aktien. Cathie Wood's ARK Innovation-ETF. Krypto-ICOs. KI-Hype. Das Muster ist immer gleich: du hörst davon, wenn es schon zu spät ist. Und wenn du dann einsteigst, bist du der Letzte, der noch glaubt — und der Erste, der verkauft, wenn die Blase platzt.
Phase 1: Insider und Frühanleger kaufen. Niemand berichtet darüber.
Phase 2: Fundamentale Trends treiben erste Gewinne. Branchen-Presse berichtet.
Phase 3: Mainstream-Finanzpresse berichtet. Erste Private kommen dazu.
Phase 4: Du hörst davon. Taxifahrer geben Tipps. Dein Arbeitskollege ist "dabei".
Phase 5: Der Preis fällt. "Normale Korrektur", heisst es.
Phase 6: Stille. Das nächste Thema ersetzt das alte. Du sitzt auf −60%.
Wenn du von einem Investment in der Tagesschau hörst, bist du in Phase 4. Die Rendite liegt in Phase 1–3 — und da bist du per Definition nicht dabei.
Aktuelle Beispiele, die diesem Muster folgen: Cannabis-Aktien nach Kanada-Legalisierung 2018 (viele fielen 70–90% von ihren Hochs), SPAC-Boom 2020/21 (viele SPACs verloren 50–80% seit Closing), Meme-Stocks Januar 2021 (GameStop, AMC — die meisten Late-Joiner sitzen auf massiven Verlusten), ARK Innovation-ETF (von über 150 USD Anfang 2021 auf unter 40 USD im Tief).
Lösung: Investiere in Unternehmen, nicht in Stories. Qualitätsunternehmen mit starken Margen, wachsenden Gewinnen und echten Wettbewerbsvorteilen performen unspektakulär — aber zuverlässig. Langweilig ist profitabel. Wer 2018 statt in Cannabis-Aktien in einen Quality-Compounder-Fonds investierte, hat heute dramatisch mehr Geld. Und deutlich weniger graue Haare.
Investieren ohne Strategie ist wie Autofahren ohne Ziel — du fährst im Kreis und verbrennst Benzin. Die meisten Menschen haben keinen schriftlich formulierten Plan. Sie haben vage Absichten ("Ich sollte mal investieren") und emotional gesteuerte Entscheidungen ("Jetzt sieht es gerade gut/schlecht aus"). Das reicht nicht — vor allem nicht, wenn der Markt mal unter Stress kommt.
Ein guter Plan muss nicht kompliziert sein. Er muss vier Fragen beantworten:
1. Ziel. Wofür investierst du? Pensionierung mit 65? Haus in 10 Jahren? Generationenvermögen? Das Ziel bestimmt den Horizont, und der Horizont bestimmt das Risiko.
2. Wieviel pro Monat? Ein Betrag, den du auch in schwierigen Monaten halten kannst. Lieber CHF 500 zuverlässig als CHF 1'000 mit jährlichen Aussetzern.
3. In was? ETF, Quality Fonds, Mischung mit Anleihen — und dann dabei bleiben. Der spezifische Baustein ist weniger wichtig als die Disziplin, nicht andauernd zu wechseln.
4. Was, wenn's kracht? Dies ist der Punkt, den fast niemand vorab klärt. Wie reagierst du bei −30%? Bei −40%? Wirst du halten? Wirst du zusätzlich investieren? Wirst du in risikoärmere Anlagen umschichten? Diese Frage musst du vor dem Crash beantworten. Im Crash selbst funktioniert rationales Denken schlechter.
Lösung: Schreib deinen Plan auf. Wirklich. Auf Papier oder digital. "Ich investiere CHF X pro Monat in Y bis zum Alter Z, und ich werde bei einem Crash nicht verkaufen — im Gegenteil, ich werde meinen Sparplan fortführen, weil tiefere Kurse bessere Einstiege bedeuten." Dann unterschreibe ihn. Das klingt albern, aber es funktioniert, weil es dein zukünftiges panisches Ich an dein heutiges rationales Ich bindet. Verhaltensökonomisch nennt man das Commitment Device.
Die Schweiz hat eines der investorenfreundlichsten Steuersysteme der Welt — aber nur, wenn du es nutzt. Die drei wichtigsten Punkte, die viele Privatanleger ignorieren:
Ein Kursgewinn beim Verkauf einer Aktie ist in der Schweiz für Privatpersonen steuerfrei (so lange du als "Privater Investor" eingestuft wirst und nicht als "Gewerbsmässiger Wertschriftenhändler"). Eine Dividendenzahlung hingegen ist voll als Einkommen steuerbar. Das macht thesaurierende ETFs (die Dividenden reinvestieren statt ausschütten) steuerlich deutlich attraktiver als ausschüttende — vor allem in hochprogressiven Kantonen.
Auf Schweizer Dividenden zieht der Staat automatisch 35% Verrechnungssteuer ab. Diesen Betrag kannst du in deiner Steuererklärung zurückfordern — aber nur, wenn du dein Wertschriftenvermögen korrekt deklarierst. Wer das vergisst oder ignoriert, verschenkt Geld. Bei CHF 100'000 Portfolio mit 2% Dividendenrendite reden wir über CHF 700/Jahr verschenkte Steuern, oder CHF 21'000 über 30 Jahre.
Der 3a-Beitrag (2026: CHF 7'258 für Angestellte mit PK) ist voll vom steuerbaren Einkommen abziehbar. Bei einem Grenzsteuersatz von 30% entspricht das einer jährlichen Steuerersparnis von ~CHF 2'175 — und zwar bevor das Geld irgendeine Marktrendite erzielt. Über 30 Jahre: CHF 65'250 direkte Steuerersparnis, zusätzlich zur Marktrendite im 3a-Kapital. Und seit 2026 sind sogar 3a-Nachzahlungen möglich für versäumte Beitragsjahre.
Lösung: 3a jedes Jahr bis zum Maximum einzahlen. Wertschriften in der Steuererklärung sauber deklarieren. Verrechnungssteuer zurückfordern. Thesaurierende statt ausschüttende ETFs bevorzugen. Mehrere 3a-Konten für gestaffelten späteren Bezug.
Der S&P 500 hat historisch an ungefähr 54% aller Handelstage ein Plus und an 46% ein Minus. Klingt nach einem leichten Vorteil — aber das heisst auch: wer täglich ins Portfolio schaut, erlebt fast die Hälfte aller Tage mit einem negativen Gefühl. Und negative Gefühle führen — bei den meisten Menschen — zu schlechten Entscheidungen.
Der Schriftsteller Nassim Nicholas Taleb hat dieses Phänomen in seinem Buch Fooled by Randomness elegant beschrieben: je feiner die zeitliche Auflösung, desto mehr Rauschen siehst du — und desto weniger siehst du das zugrundeliegende Signal. Je gröber die Auflösung, desto positiver und klarer wird das Bild:
Täglich: ~54% positive Tage → Stress und Impulsentscheidungen
Monatlich: ~63% positive Monate → schon deutlich besser
Jährlich: ~74% positive Jahre → Ruhe und Perspektive
Über 5 Jahre: ~88% positive 5-Jahres-Perioden → fast immer ein Gewinn
Über 15 Jahre: ~100% positive 15-Jahres-Perioden → historisch kein Verlust seit 1945
Wer täglich schaut, lebt in einem permanenten Mini-Stress-Zustand und ist dauernd versucht, "zu handeln". Wer quartalsweise schaut, ist entspannter und trifft rationalere Entscheidungen. Wer nur einmal im Jahr schaut, wundert sich oft, wie gut sein Portfolio geworden ist — ohne sein Zutun.
Lösung: Portfolio maximal einmal pro Quartal prüfen. Broker-Apps vom Homescreen entfernen. Benachrichtigungen deaktivieren. Den wöchentlichen arvy-Newsletter lesen reicht als "Investoren-Content" — dort steht alles, was du wissen musst, ohne dich emotional zu aktivieren.
Dies ist der grösste aller Fehler — die Summe aller anderen. Und gleichzeitig der schwierigste zu vermeiden, weil er sich wie "rationales Handeln" anfühlt, während er passiert.
Das Muster sieht typischerweise so aus: Du investierst 3 Jahre in einen Quality-Fonds. Dann kommt ein Tech-Hype, Tech-Aktien steigen 80%, dein Quality-Portfolio steigt 15%. Du denkst: "Falsche Strategie, ich verpasse den Zug." Du verkaufst und kaufst Tech. Sechs Monate später platzt die Blase, dein Tech-Portfolio fällt 40%. Du gerätst in Panik, verkaufst, gehst in Cash. Nach 2 Jahren Cash siehst du, wie der Markt steigt, du kaufst wieder — ausgerechnet kurz vor der nächsten Korrektur.
Ergebnis: dreimal gekauft, dreimal verkauft, dreimal zum falschen Zeitpunkt. Das ist die Verhaltenslücke in ihrer reinsten Form.
Vanguards Advisor's Alpha-Studie, Morningstars Mind the Gap-Report, Dalbars QAIB-Analyse und JP Morgans Guide to the Markets kommen alle zum selben Befund: der durchschnittliche Privatanleger erzielt pro Jahr etwa 1.5% bis 3% weniger Rendite als die Fonds, in denen er investiert ist. Nicht wegen Gebühren. Wegen Timing-Entscheidungen — Käufen zum Hoch, Verkäufen zum Tief, Strategiewechseln im ungünstigsten Moment.
Konkret: Bei einem CHF 500'000-Portfolio über 20 Jahre entspricht eine 1.5%-Lücke einer Endwert-Differenz von ungefähr CHF 420'000. Das ist kein Theoriekonstrukt — das ist die Realität, die jedes Jahr neu gemessen wird.
Lösung: Wähle eine Strategie, die zu dir passt — und bleib dabei. Qualitätsinvestments underperformen in Hype-Phasen, das ist kein Bug, das ist ein Feature. Sie fangen die Blase-Upside nicht voll mit, aber sie verlieren auch nicht 50% im Crash. Die Schildkröte gewinnt den Marathon, nicht den Sprint. Und ein Partner, der dich durch die schwierigen Phasen trägt — sei es ein Berater, eine Community oder ein regelmässiger, bildungsorientierter Newsletter — ist wertvoller als die 0.5%, die du durch ein "besseres" Produkt sparen könntest.
| Fehler | Lösung |
|---|---|
| 1. Zu spät anfangen | Heute starten, CHF 100 reichen |
| 2. Auf perfekten Moment warten | Automatisierter Sparplan eliminiert Timing |
| 3. Im Crash verkaufen | Halten + weiterkaufen; Crash = Sale-Preis |
| 4. Zu hohe Gebühren | TER vergleichen, Bankprodukte hinterfragen |
| 5. Alles auf eine Karte | Mind. 20–30 Titel, Branchen und Regionen |
| 6. Hypes jagen | In Unternehmen investieren, nicht in Stories |
| 7. Keinen Plan haben | Plan aufschreiben und unterschreiben |
| 8. Steuern nicht verstehen | 3a maximieren, VST zurückfordern, thesaurierend |
| 9. Täglich hinschauen | Maximal quartalsweise prüfen |
| 10. Strategie wechseln | Kurs halten — Schildkröte schlägt Hase |
"Es ist bemerkenswert, wie viel langfristigen Vorteil Menschen wie wir dadurch gewonnen haben, dass wir versucht haben, konstant nicht dumm zu sein — anstatt sehr intelligent sein zu wollen." — Charlie Munger
Du musst kein Genie sein, um erfolgreich zu investieren. Du musst kein Market-Timing-Experte sein. Du musst kein Stock-Picker sein. Du musst nur die grossen Fehler vermeiden — und den Rest macht die Zeit und der Zinseszins. Das ist, was Munger mit "konstant nicht dumm sein" meint: nicht das letzte Prozent optimieren, sondern die offensichtlichen katastrophalen Entscheidungen vermeiden. Im Anlegen ist das tatsächlich der meiste Wert.
Das ist der historische Durchschnitt globaler Aktienmärkte über lange Zeiträume (inkl. Dividenden, vor Inflation, in USD). Die Zukunft garantiert niemand — langfristige Schätzungen liegen aktuell bei 5–7% nominal. Konservativ zu rechnen ist sinnvoll, aber die Formel dahinter (Zinseszins-Effekt, der die frühen Jahre belohnt) ändert sich dadurch nicht.
Die Verhaltenslücke (Behaviour Gap) ist die gemessene Differenz zwischen der Rendite, die ein Fonds erzielt, und der Rendite, die der durchschnittliche Anleger in diesem Fonds tatsächlich bekommt. Sie entsteht durch Timing-Fehler: Anleger kaufen typischerweise nach guter Performance (zu hohen Kursen) und verkaufen nach schlechter Performance (zu tiefen Kursen). Gemessen wird sie regelmässig von Morningstar, Dalbar und Vanguard.
Weil es sich anfühlt, als müsste es funktionieren. Menschen sehen Muster, wo keine sind, und überschätzen systematisch ihre Fähigkeit, zukünftige Kurse vorherzusagen. Das ist ein kognitiver Bias, der fest verdrahtet ist — und wer ihn kennt, ist immun dagegen.
Wenn du die finanziellen Ressourcen hast und deine Strategie es erlaubt: ja. Ein Crash bedeutet, dass du die gleichen Unternehmen für tiefere Preise kaufen kannst. Aber: verwende niemals Geld dafür, das du kurzfristig brauchst (Notgroschen, Haushaltsbudget). Und sei dir bewusst: der Markt kann nach einem Crash noch weiter fallen. "Catching a falling knife" ist ein Risiko — aber ein tendenziell gutes.
Schau in das Factsheet oder Kundeninformationsdokument (KID) deines Produkts. Die relevante Zahl heisst Total Expense Ratio (TER) oder Laufende Kosten. Gute ETFs liegen bei 0.10–0.30%, gute aktive Quality-Fonds bei 0.70–1.20%. Alles über 1.5% ist sehr teuer — vor allem, wenn die Performance nicht den Unterschied rechtfertigt.
Studien zeigen, dass bereits 20–30 gut ausgewählte Aktien aus verschiedenen Branchen und Regionen den grössten Teil des unsystematischen Risikos eliminieren. Mehr als 30 bringt marginal wenig zusätzlichen Diversifikationseffekt, kann aber die Kontrolle und Transparenz reduzieren. Ein ETF mit 1'500+ Titeln ist nicht "besser diversifiziert" — er ist einfach anders.
Eine Strategie ist "richtig", wenn sie zu deinem Ziel, deinem Horizont, deiner Risikotoleranz und deinem Temperament passt — und wenn du sie auch im Crash durchhalten kannst. Die "beste" Strategie ist nicht die mit der höchsten theoretischen Rendite, sondern die, bei der du tatsächlich investiert bleibst.
Ein ETF bildet einen Index ab (z.B. MSCI World), kostet sehr wenig (0.10–0.30% TER), und liefert per Definition die Marktrendite. Ein aktiver Quality-Fonds wählt gezielt hochqualitative Unternehmen aus, kostet mehr (typisch 0.70–1.20%), und versucht, die Marktrendite zu übertreffen — bei tieferer Volatilität. Welcher Ansatz besser ist, hängt von der Umsetzung ab. ETFs sind die sichere Basis; Quality-Fonds sind die Option für Anleger, die aktiv ausgewählte Unternehmen wollen.
Das hängt von deiner Selbstdisziplin ab. Robo-Advisors sind günstig (~0.5% TER), bieten aber keine Begleitung in Krisen. Wenn du im nächsten Crash wahrscheinlich panisch reagieren würdest, ist ein Partner-Modell (mit Bildung, Newsletter, Community, Skin-in-the-Game der Gründer) sein Geld wert. Die Verhaltenslücke, die du durch gute Begleitung vermeidest, ist meist deutlich grösser als die Gebührendifferenz.
Weiterlesen & Rechner
Mit arvy investierst du in 30 handverlesene Qualitätsunternehmen — diversifiziert, mit tiefen Gebühren, automatisiert per Sparplan. Drei CFA-Charterholder, die ihr eigenes Geld im selben Portfolio investieren. Ein wöchentlicher Newsletter, der dich durch Crashes trägt. Und FINMA-Aufsicht als Grundlage. Kein Hype, kein Timing, kein Stress — nur das, was über 20–30 Jahre nachweislich funktioniert.
Geschrieben von Thierry Borgeat, Co-Founder von arvy, und überprüft von Patrick Rissi, CFA und Florian Jauch, CFA. Alle drei investieren jeweils über CHF 100'000 ihres eigenen Geldes in die arvy-Portfolios. Quellen für die Verhaltenslücke: Vanguard's "Advisor's Alpha" (regelmässige Updates), Morningstar's "Mind the Gap" (jährlicher Report), Dalbar's "Quantitative Analysis of Investor Behavior" (QAIB), JP Morgan's "Guide to the Markets" und "Guide to Retirement". Historische Daten zum Credit Suisse Kollaps basieren auf öffentlich dokumentierten Ereignissen vom März 2023. Alle Berechnungen mit Standard-Finanzformeln unabhängig verifiziert. Zuletzt aktualisiert April 2026.
Disclaimer: Dieser Artikel dient allgemeinen Bildungszwecken und stellt keine persönliche Finanz- oder Anlageberatung dar. Historische Renditen sind keine Garantie für zukünftige Ergebnisse. Die genannten Beträge sind Schätzungen und variieren je nach Marktentwicklung, Kanton und individueller Situation. arvy ist ein von der FINMA beaufsichtigter Vermögensverwalter mit KAG-Lizenz. Impressum & Rechtliche Hinweise.