100 Jahre Schweizer Aktien: Die Silent Compounders


"Unus pro omnibus, omnes pro uno" — das inoffizielle Motto der Schweiz: einer für alle, alle für einen
CHF 1'743'563.
So viel wurden aus CHF 1'000, investiert in Schweizer Aktien Ende 1925 — gefolgt vom Schwierigsten, was es an der Börse gibt.
Nichts tun.
Hundert Jahre lang.
Kein Big Tech. Keine Moonshots. Kein Hebel, kein Timing-Glück, kein Genie nötig. Nur ein breit gestreuter Korb Schweizer Unternehmen, Dividenden reinvestiert, ein Jahrhundert lang in Ruhe gelassen — durch einen Weltkrieg, das Ende des Goldstandards, zwei Ölschocks, eine Dotcom-Blase, eine globale Finanzkrise und eine Pandemie.
Das Resultat: 7,75% pro Jahr. In Schweizer Franken — der härtesten Währung, die Menschen je zustande gebracht haben. Nach Abzug der Teuerung bleiben 5,73% real. Pro Jahr. Hundert Jahre lang.
Dieselben CHF 1'000 in Schweizer Obligationen wuchsen im gleichen Jahrhundert auf CHF 47'898. Durchaus respektabel. Und trotzdem sechsunddreissig Mal weniger.
Und jetzt der Teil, der mich nach zwei Jahrzehnten vor dem Bildschirm immer noch verblüfft: Das alles hat ein Binnenland mit neun Millionen Einwohnern geschafft. Kein Erdöl. Kein Meer. Kein Imperium. Nicht einmal eine gemeinsame Sprache — die Schweiz brauchte vier. Ein Land, dessen berühmteste Exporte Diskretion, Schokolade und Pünktlichkeit heissen.
Der Aktienmarkt dieses Landes hat still und leise mit dem lautesten Markt der Welt Schritt gehalten, dem S&P 500 — sobald man beide in derselben Währung misst. Wir rechnen das später gemeinsam nach, und ich verspreche: Mindestens ein amerikanischer Leser wird sich ärgern.
Die Frage dieses Essays — die Frage, über die ich schreiben wollte, seit es arvy gibt — ist also einfach.
Wie?
Wie bringt ein kleines, konservatives Bergland mit einer Währung, die die eigenen Exporteure bestraft, eine der grossen Zinseszinsmaschinen der Finanzgeschichte hervor?
Die Antwort steht nicht im Spreadsheet. Im Spreadsheet wird sie nur sichtbar. Die Antwort beginnt mehr als sechshundert Jahre bevor der erste Schweizer Aktienkurs gedruckt wurde — auf einer Wiese über einem See, auf der drei Bauern ein Versprechen abgaben.
Chart 1: Wo das Compounding begann: die drei Eidgenossen über dem Vierwaldstättersee

Chart 2: Aus CHF 1'000 werden CHF 1,74 Millionen: Nominalwert von Schweizer Aktien, Obligationen und Konsumentenpreisen, 1925–2025 (log. Skala, Ende 1925 = 100)

Für die Eiligen — und für alle anderen als Brotkrumenspur durch diesen Essay:
Jede Zahl verifiziert, jede Zahl mit Quelle, jede Zahl unten erklärt. Und jetzt — die Geschichte.
1291 schworen drei Bergkantone — Uri, Schwyz und Unterwalden — auf dem Rütli einen Bund zur gegenseitigen Verteidigung. Alles für die Gruppe, nichts für den Applaus der Aussenwelt. «Unus pro omnibus, omnes pro uno.»
Kein Eroberungsplan. Keine Exit-Strategie. Nur ein Versprechen: Wir überleben zusammen — oder gar nicht.
Ich nenne es gerne den ersten Aktionärsbindungsvertrag der Geschichte. Er läuft seit 735 Jahren und ist damit der erfolgreichste Langfristvertrag Europas. Die meisten Unternehmen halten nicht einmal eine Strategie 735 Tage durch.
Um zu verstehen, warum aus diesem Schwur dereinst Nestlé, Roche und Uhren im Preis eines Einfamilienhauses wurden, muss man sich das Blatt ansehen, das der Schweiz ausgeteilt wurde. Es war ein miserables Blatt.
Berge, wohin man schaut — auf der Postkarte romantisch, in der Volkswirtschaft brutal. Keine Küste, also keine Flotte, keine Kolonien, kein billiger Seehandel. Praktisch keine Kohle, kein nennenswertes Eisen, Erdöl schon gar nicht. Ackerland so steil, dass die Kühe eine bessere Balance brauchen als die meisten Fondsmanager. Und obendrein: keine gemeinsame Sprache. Das Land, das daraus entstand, spricht Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch, verteilt auf 26 Kantone, die ihre Eigenständigkeit bis heute hüten wie ein Berner seine Mittagspause.
Jeder vernünftige Stratege hätte 1291 gesagt: aufgeben.
Die Schweizer taten etwas anderes. Weil ihnen alles fehlte, was andere Nationen reich machte, blieben ihnen nur die Rohstoffe, die man nicht aus dem Boden graben kann: Vertrauen, Präzision und Geduld. Die Knappheit wurde zur Mutter der Qualität.
Schaue dir die drei Industrien an, die das Land berühmt machten — und du wirst feststellen: Jede einzelne ist eine getarnte Überlebensstrategie.
Finanz. Wer keine Rohstoffe verkaufen kann, verkauft Vertrauen. Die Schweiz machte aus politischer Neutralität, Rechtssicherheit und Diskretion ein Produkt — und wurde zum Tresor eines Kontinents, der sich verlässlich jede Generation selbst anzündete. Vertrauen ist das ultimative knappe Gut: Es braucht ein Jahrhundert zum Aufbauen und ein schlechtes Jahrzehnt zum Zerstören. Die Schweizer haben das verstanden, bevor es den Begriff «Markenwert» überhaupt gab.
Uhren. Wenn die Ware auf einem Maultier über einen Alpenpass muss, ist Gewicht der Feind und Wertdichte der Freund. Eine Uhr ist das wertvollste Objekt pro Gramm, das ein Mensch herstellen kann. Die Schweizer Uhrmacherei entstand nicht aus Liebe zu winzigen Zahnrädern; sie entstand aus der Ökonomie des Bergpasses. Die Liebe kam später — und wurde dann zum Burggraben.
Schokolade. Die Schweiz produziert exakt null Kakaobohnen. Nicht eine. Trotzdem ist «Schweizer Schokolade» eine Weltkategorie — weil die Schweizer begriffen, dass man den Rohstoff nicht besitzen muss, wenn man die Veredelung, den Prozess und den Ruf besitzt. Bohne kaufen, Präzision dazugeben, Marge behalten. Das ist, wenn man ehrlich ist, das gesamte moderne Schweizer Geschäftsmodell in einer Tafel. (Wir haben der Tafel einen ganzen Liebesbrief gewidmet: «Lindt & Sprüngli: Die Welt mit Schokolade verzaubern».)
Konservativ aus Notwendigkeit. Opportunistisch aus Prinzip. Merke dir diesen Satz — er ist der nationale Anlagestil, und am Ende dieses Essays wirst du ihn in einem Spreadsheet wiederfinden.
Bevor das hier zur Tourismusbroschüre wird, zeige ich dir das Kapitel der Schweizer Finanzgeschichte, über das kaum jemand spricht — weil es wehtut, und weil es alles erklärt, was danach kam.
Die Pictet-Langfriststudie zu Schweizer Aktien und Obligationen, auf die sich dieser Essay stützt, wurde dieses Jahr bis 1900 zurück verlängert. Und das erste Viertel dieser Datenreihe ist keine Geschichte des stillen Compounding. Es ist eine Geschichte der Beinahe-Vernichtung.
Die Schweiz blieb im Ersten Weltkrieg neutral. Die Schützengräben machten an der Grenze halt. Die Inflation nicht.
Die Konsumentenpreise stiegen 1917 um 24,7% und 1918 um weitere 25,7%. Für ein Land, das von importierter Nahrung und Kohle lebte, war das ein monetäres Trauma erster Ordnung. In realer Kaufkraft gemessen fiel der Schweizer Aktienindex von 161 im Jahr 1913 auf 46 im Jahr 1920.
Lies das noch einmal. Minus 71 Prozent, real, in einem Land, das keinen einzigen Schuss abgab.
Obligationen — das «sichere» Papier — verloren allein 1918 real 21,4%. Das ist bis heute das schlechteste reale Obligationenjahr der gesamten 126-jährigen Datenreihe. Nicht 2022. 1918. Die Sparer wurden nicht vom Krieg ruiniert, sondern von der Rechnung für den Krieg der anderen.
Und dann geschah etwas Bemerkenswertes. Die Rechnung wurde bezahlt, die Preise deflationierten hart — minus 10,8% im Jahr 1921, minus 17,7% im Jahr 1922 — und 1922 lieferte der Schweizer Markt das beste Realjahr der gesamten Datenreihe. Für beide Anlageklassen gleichzeitig: Aktien +59,4%, Obligationen +56,1% real.
Zuerst überleben. Dann verzinsen.
Ich behaupte: Dieses Jahrzehnt, mehr als jedes andere, hat den monetären Charakter der Schweiz geschmiedet. Eine Nation, die zusehen musste, wie die Inflation einen Drittel ihrer Ersparnisse frass, flirtet nie wieder mit weichem Geld. Die harte Währung hörte auf, eine Präferenz zu sein, und wurde so etwas wie eine Staatsreligion — mit der Nationalbank als leicht mürrischem Klerus. Jedes Zinseszinswunder der folgenden neunzig Jahre steht auf diesem Trauma.
Chart 3: Der Stresstest: Realwert der Schweizer Aktien durch zwei Weltkriege, 1900–1945

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Join 12k+ readers →Auch das folgende Jahrhundert war keine Gerade — ehrliche Jahrhunderte sind das nie. Und jede Jahreszeit hat den Schweizer Anleger etwas gelehrt, das das Land nie mehr vergass.
Die Dreissigerjahre brachten die Depression in ein Land, das nichts dafür konnte. Schweizer Aktien verloren allein 1931 30%; ihr nominales Hoch von 1928 sahen sie erst nach dem Krieg dauerhaft wieder. Und doch — dieses Detail liebe ich — hatten die Schweizer Obligationen das Jahrzehnt ihres Lebens: In der Deflation der frühen Dreissiger erreichten die realen Obligationenrenditen bis zu +14,7% in einem einzigen Jahr. Wenn die Preise fallen, bekommen fixe Coupons plötzlich Zähne. Es ist das Spiegelbild von 1918, und zusammen lehren die beiden Episoden die ganze Lektion: Keine Anlageklasse ist sicher; sie sind nur für unterschiedliches Wetter verwundbar.
Der Zweite Weltkrieg war, finanziell betrachtet, ein seltsames Nicht-Ereignis — der Markt dümpelte rationiert und zensuriert vor sich hin, und dann kam 1945. Was folgte, war der heiterste Boom der Schweizer Geschichte: Von den späten Vierzigern bis 1961 verzinste sich der Markt fast ohne Unterbruch, gekrönt von zwei Jahren, die wie Tippfehler klingen — +44,5% im Jahr 1960 und +49,4% im Jahr 1961. Die Schweiz war intakt, die Fabriken liefen, und ein Kontinent im Wiederaufbau vertraute einem Land mehr als allen anderen.
Dann der Kater: Der überhitzte Markt von 1961 gab bis 1966 mehr als einen Drittel seines Nominalwerts zurück. Die Siebziger lieferten den Ölschock und das schlechteste moderne Jahr überhaupt — 1974, minus 33,1% nominal, minus 37,8% real. Und 1985, der Fairness halber, das beste: +61,4% in zwölf euphorischen Monaten. Die Maschine stoppt. Die Maschine ruckelt. Die Maschine läuft weiter. Hundert Jahre lang hat sie nie etwas anderes getan.
Spulen wir vor bis heute und schauen wir, was dieses Betriebssystem produziert, wenn man es hundert Jahre laufen lässt.
Die Schweiz steht im Global Innovation Index auf Platz eins — auch 2025 wieder, wie seit Jahren — getragen von Weltklasse-Hochschulen und einer ungewöhnlich kurzen Leitung zwischen Labor und Fabrikhalle. Es gibt einen Grund, warum Google seinen grössten Entwicklungsstandort ausserhalb der USA mit rund fünftausend Leuten still und leise in Zürich aufgebaut hat, und der Grund hat drei Buchstaben: ETH.
Schweizer Erwerbstätige erwirtschaften rund CHF 100 Wertschöpfung pro Arbeitsstunde — Weltspitze. Die Staatsverschuldung liegt bei rund 27% des BIP, nach G7-Massstäben ein Rundungsfehler. Das Nettoauslandvermögen beträgt rund 124% des BIP — auf gut Deutsch: Die Schweiz besitzt deutlich mehr von der Welt als die Welt von der Schweiz.
Keine dieser Zahlen ist der Grund, Schweizer Aktien zu besitzen. Sie sind etwas Besseres: der Beweis für die Kultur, die die Unternehmen hervorbringt, die man besitzen will.
Und jetzt das Vergnügliche. Du musst keinem Vermögensverwalter glauben, worin diese Kultur besteht. Im Jahr 2012 hat ein Schweizer Unternehmen das nationale Wertesystem schriftlich festgehalten — ausgerechnet im Geschäftsbericht — und zwar in einer Sprache, die der Rest der Welt nicht einmal lesen kann.
Ein Uhrenkonzern, natürlich.
2012 tat die Swatch Group etwas wunderbar, provokativ Schweizerisches. Sie publizierte ihren gesamten Geschäftsbericht auf Schwiizerdüütsch — die «Eimaligi Dialäkt-Usgaab». Eine Identitätserklärung im Gewand einer Pflichtpublikation: «Mer wänd eusi schtarch Identifikation mit eusem Land und sine Wärt no meh underschtriche.»
Und dann nannte der Bericht die Werte beim Namen: «Verlässlechkeit, die höchi Qualität i de Uusfüehrig, Intelligänz, aber hauptsächlech Villfalt, Eifachheit und Bescheideheit.»
Verlässlichkeit. Qualität. Intelligenz. Vielfalt. Einfachheit. Bescheidenheit.
Chart 4: Der Berühmte: der Swatch-Geschäftsbericht 2012 — die «Eimaligi Dialäkt-Usgaab», gerahmt von Kantonswappen

Die meisten Unternehmen hängen solche Wörter auf ein Poster in der Kantine, gleich neben die Kaffeemaschine, die niemand putzt. Die Schweiz hat sie in ihre Bilanz geschrieben. Was folgt, ist mein Versuch zu zeigen, dass diese sechs Wörter keine Adjektive sind — sondern Renditetreiber. Für jeden Wert ein Unternehmen aus arvys eigener Schweizer Coverage. Betrachte es als geführte Tour durch den Nationalcharakter, mit Tickern.
Nenne das grösste Unternehmen der Welt in seiner Branche, von dem du noch nie gehört hast. Wenn du «Givaudan» geantwortet hast, bist du entweder Schweizer, Aromachemiker — oder zahlender Abonnent.
Givaudan steckt morgens in deiner Zahnpasta, unter der Dusche im Shampoo, im Joghurt am Frühstückstisch, im Parfum fürs Meeting und abends in der Bouillon. Du bist Givaudan heute sechsmal begegnet und hast den Namen nie erfahren — genau so will es das Unternehmen. Es verkauft Geschmack und Duft an die Marken, die du kennst, kassiert eine unsichtbare Maut auf Milliarden täglicher Routinen und reinvestiert mit der Ruhe einer Firma, die das seit 1895 tut.
Bescheidenheit ist nicht Schüchternheit. Bescheidenheit heisst, keine Marge für Applaus auszugeben. Wie wir im Deep Dive schrieben: Langweilig riecht gut. (Siehe: «Givaudan: Langweilig riecht gut»)
Qualität ist die einzige Marketingausgabe, die sich verzinst. Cartier muss sich nicht erklären; eine Vacheron Constantin erklärt sich seit 1755 nicht — das ist einundzwanzig Jahre länger, als es die Vereinigten Staaten gibt.
Richemonts Genie liegt darin, jene Luxuskategorien zu besitzen, in denen Qualität am schwersten zu fälschen und am langsamsten zu verblassen ist: Schmuck und Haute Horlogerie. Handtaschen unterliegen Modezyklen; eine Diamantfassung unterliegt nur der Physik und dem Begehren. Ein Logo kann man rabattieren. Ein Jahrhundert Handwerkskunst kann man nicht abwerten — der Versuch selbst würde mehr Wert zerstören, als er freisetzt, weshalb es niemand Ernsthaftes versucht.
Qualität, schweizerisch gelesen, ist ein Versprechen an die Zukunft, dessen Bruch man teuer gemacht hat. (Siehe: «Richemont: Schweizer Luxus-Powerhouse»)
Wenn die moderne Medizin ein ausgelagertes Gehirn hat, dann sitzt es in Visp, einem Ort mit siebentausend Einwohnern im Wallis, am Ende eines Tals, umringt von Viertausendern. Natürlich.
Lonza baut und betreibt jene wahnsinnig komplexe Produktion, die Biotech- und Pharmafirmen nicht selbst bauen können oder wollen. Es ist das Schaufel-und-Pickel-Geschäft des biologischen Jahrhunderts: Wer auch immer das Medikamentenrennen gewinnt — der Produktionspartner wird bezahlt. Verteidigt wird diese Position nicht von Patenten allein, sondern von akkumuliertem Prozesswissen, das man über Jahrzehnte verdient und nicht fotokopieren kann.
Intelligenz auf Schweizerisch ist nicht Brillanz. Es ist Tiefe — die Bereitschaft, in etwas Schwierigem und Unglamourösem unersetzlich gut zu werden. (Siehe: «Lonza: Schweizer Compounder vor neuem Aufwärtstrend»)
Hier ist meine Lieblingsstatistik über den Schweizer Markt, mit Abstand: Die zwanzig Konzerne des SMI erwirtschaften rund 8% ihres Umsatzes in der Schweiz. Zweiundneunzig Prozent kommen von überall sonst. Von ein paar nordischen Nachbarn abgesehen ist kein grosser Aktienmarkt der Welt derart global.
Nestlé ist der Extremfall: gegen zweitausend Marken, verkauft in 188 Ländern, von der Schweizer Bergquelle bis zur brasilianischen Kaffeetheke. Wer den Schweizer Markt kauft, kauft nicht die Schweiz — er kauft einen schweizerisch geführten Anspruch auf Frühstück, Mittag- und Abendessen des ganzen Planeten. Das Heimatland liefert Governance, Währung und Disziplin; die Welt liefert das Wachstum.
Vielfalt war hier nie ein Slogan. In einem Land mit vier Sprachen war sie schlicht der Eintrittspreis — und sie lehrte Schweizer Firmen, überall lokal zu sein. (Siehe: «O Nestlé, Meine Nestlé!»)
Schindlers Geschäft kann man einem Fünfjährigen erklären: Menschen wollen nach oben, und dann wollen sie wieder nach unten. Alles andere ist Detail.
Im Detail steckt freilich das Geld. Ein Lift wird einmal verkauft, mit dünner Marge — und vierzig Jahre lang gewartet, mit fetter. Das klassische Rasierer-und-Klingen-Modell, nur dass der Rasierer zwei Tonnen wiegt und ins Skelett des Gebäudes geschraubt ist. Niemand reisst einen Schindler-Lift heraus, um beim Servicevertrag zu sparen. Die installierte Basis ist die Rente; die Urbanisierung ist der Rückenwind; das Produkt ist eine Metallkiste an einem Seil.
Einfachheit ist nicht die Abwesenheit von Raffinesse. Sie ist Raffinesse, bei der es nichts mehr wegzulassen gibt. (Siehe: «Schindler: Rasierklingen-Geschäftsmodell (Swiss Made)»)
Der Flughafen Zürich wurde öfter zum besten Flughafen Europas gewählt, als ich zählen kann — und entschuldigt sich immer noch über Lautsprecher, wenn ein Abflug drei Minuten Verspätung hat. Drei Minuten. An den meisten Flughäfen der Welt heisst drei Minuten Verspätung «early boarding».
Als Investment ist er die Schönheit eines Monopols mit Abflugtafel: ein regulierter Infrastrukturkern, ein Einkaufszentrum mit angebauter Piste und ein Einzugsgebiet voller pünktlicher Gutverdiener. Man braucht keine heroischen Annahmen. Man braucht landende Flugzeuge, einkaufende Menschen — und eine Schweiz, die Schweiz bleibt.
Verlässlichkeit ist der Wert, der alle anderen investierbar macht. Ein brillantes Versprechen, das zu 95% gehalten wird, ist einen Bruchteil eines bescheidenen Versprechens wert, das immer gehalten wird. (Siehe: «Flughafen Zürich: Reiz eines natürlichen Monopols»)
Lies diese sechs Geschichten noch einmal und achte darauf, was sie gemeinsam haben. Hohe Bruttomargen, verteidigt durch Vertrauen, Handwerk oder installierte Basen. Kapitaldisziplin statt Reichsbau. Globale Umsätze unter Schweizer Governance. Unternehmen, die lieber exzellent als aufregend sind.
Und noch etwas fällt auf, versteckt in den Aktienregistern: Familie. Schindler wird noch immer von Schindlers und Bonnards gesteuert. Richemont untersteht Johann Rupert, Swatch den Hayeks, Roche seinen Gründerfamilien, Partners Group dem Kapital seiner Gründer. Ein ungewöhnlich grosser Teil des Schweizer Marktes ist bei Eigentümern verankert, deren Zeithorizont in Generationen gemessen wird, nicht in Quartalen — Menschen, die das Unternehmen als Erbe begreifen, das man weitergibt, nicht als Option, die man ausübt. Wenn der Ankeraktionär in Jahrzehnten denkt, hört «langfristig» auf, eine Investor-Relations-Folie zu sein, und wird zum Betriebssystem. Es ist der Rütli-Bund, aktualisiert: alles für das Unternehmen, nichts für den Applaus.
Später in diesem Essay zeige ich dir — mit 25 Jahren Daten und sauberer Statistik —, dass dieses Muster einen Namen, eine Zahl und eine Renditeprämie hat.
Vorher aber eine unbequeme Frage. Stolze Werte und schöne Geschäftsberichte haben viele Länder. Warum wurden ausgerechnet diese Werte, in diesem Land, zu Zinseszinsmaschinen statt zu Kantinenpostern?
Weil jedes Schweizer Unternehmen seit hundert Jahren beim härtesten Coach der Weltwirtschaft trainiert. Der Coach schreit nie. Der Coach schläft nie. Der Coach ist das Geld selbst.
1973 wurden die Währungen der Welt vom Dollar abgekoppelt, und der Dollar vom Gold. Geld wurde zu einem Versprechen, gedeckt durch nichts als die Disziplin des Versprechenden. Die meisten Länder verstanden das als Freipass. Die Schweiz verstand es als Prüfung.
Ein halbes Jahrhundert später liegen die Resultate vor. Der Schweizer Franken ist die stärkste grosse Währung der Welt — nicht knapp, sondern haushoch. Der US-Dollar hat über fünf Jahrzehnte rund 2–3% pro Jahr gegen den Franken verloren. Ein Dollar, der Anfang der Siebzigerjahre über vier Franken kaufte, kauft heute noch rund achtzig Rappen. Pfund, Yen und die Vorfahren des Euro erzählen dieselbe Geschichte mit anderem Akzent. Alle sind gegen den Franken geschmolzen.
Halte kurz inne und überlege, was das für einen Schweizer Exporteur bedeutet.
Deine Kosten laufen in der härtesten Währung der Welt. Deine Kunden bezahlen dich in Währungen, die gegenüber deiner Kostenbasis jedes Jahr an Wert verlieren — automatisch, strukturell, für immer. Du wachst am 1. Januar auf und liegst bereits 2% zurück, bevor du eine einzige Uhr, Pille oder Turbine verkauft haben. Und nächstes Jahr beginnt das Laufband von vorn.
Auf so ein Laufband gibt es nur zwei mögliche Antworten. Entweder du konkurrierst über den Preis — dann zermahlt dich die Währung innerhalb einer Generation zu Pulver. Oder du wirst so gut — so differenziert, so unverzichtbar, so vertrauenswürdig —, dass deine Kunden den Frankenpreis zahlen, ohne zu blinzeln. Jahrzehnt für Jahrzehnt.
Die Unternehmen, die den ersten Weg wählten, existieren nicht mehr. Wir lesen ihre Geschäftsberichte nicht; es gibt keine zu lesen. Die Unternehmen, die den zweiten Weg wählten, haben wir im letzten Kapitel kennengelernt.
Das ist der Punkt, den selbst viele Schweizer Anleger übersehen. Der starke Franken ist keine bedauerliche Nebenwirkung des Schweizer Erfolgs. Er ist der Filter, der ihn produziert hat. Hundert Jahre hartes Geld wirkten wie ein permanenter, sich aufzinsender Fitnesstest — der die Mittelmässigen leise in den Konkurs schickte und Preissetzungsmacht, Marke, Präzision und Unverzichtbarkeit unerbittlich belohnte. Darwin, denominiert in CHF.
Andere Länder werten sich aus der Krise ab und nennen es Wettbewerbsfähigkeit. Die Schweiz hat sich den einfachen Ausweg verboten — und ihre Unternehmen damit gezwungen, den schweren zu finden. Die Qualitätsanomalie, die wir in Kapitel V messen werden, wurde in Schweizer Daten nicht entdeckt. Sie wurde von Schweizer Geld hergestellt.
Wer den Filter in Echtzeit sehen will, erinnere sich an den 15. Januar 2015. Um 10:30 Uhr an jenem Morgen gab die Nationalbank den Euro-Mindestkurs ohne Vorwarnung auf, und der Franken wertete sich innert Minuten zweistellig auf. Für einen Exporteur war das, als würde der Schiedsrichter einem Spiel, das man knapp führt, eine dritte Halbzeit anhängen. Ökonomen prophezeiten das Gemetzel; Schlagzeilen schrieben Nachrufe auf die Schweizer Industrie. Was in den Folgejahren tatsächlich geschah, ist die These dieses Kapitels im Miniaturformat: Margen wurden gequetscht, die schwächsten Geschäftsfelder abgestossen, Preise gehalten, Produktivität gefunden — und die Exportmaschine exportierte weiter. Ein Unternehmenssektor, hundert Jahre auf hartes Geld trainiert, absorbierte an einem Vormittag einen Schock, der die meisten Volkswirtschaften gebrochen hätte. Der Coach schreit nicht. Der Coach verschiebt nur die Ziellinie — und schaut, wer weiterläuft.
Drehe den Spiegel um, und dieselbe Kraft, die den Exporteur quält, wird zum Geschenk für den Aktionär.
Wenn dir jemand erzählt, sein Markt habe 10% pro Jahr gebracht, sollte deine erste Frage immer lauten: in was? Zehn Prozent in einer Währung, die 5% pro Jahr verliert, sind ein Zaubertrick auf Kosten deiner Ersparnisse. Renditen ohne Währung sind Zahlen ohne Bedeutung.
Schweizer Aktienrenditen kommen ohne Sternchen aus. Diese 7,75% pro Jahr über ein Jahrhundert — 5,73% real — wurden in der einen Währung verdient, die nie Ausreden brauchte. Es ist, würde ich behaupten, die ehrlichste Langfrist-Renditereihe der Welt.
Und selbst das ehrlichste Geld der Welt schmilzt. Über die letzten dreissig Jahre verlor der Franken selbst rund 17,6% seiner Kaufkraft — sanft, höflich, unumkehrbar. Im selben Zeitraum rentierte der Schweizer Aktienmarkt +638% — real. Die beste Währung der Erde konnte Vermögen nicht bewahren. Die Unternehmen konnten es — und haben es nach Teuerung versiebenfacht.
Das ist die stille, unmoderne Lektion aus hundert Schweizer Jahren: Cash ist, womit man den Punktestand notiert; Unternehmen sind, womit man Vermögen hält.
Chart 5: Das Laufband, letztes Vierteljahrhundert: USD −49%, GBP −52%, JPY −61% und EUR −37% gegen den Schweizer Franken seit 2003

Chart 6: Selbst die stärkste Währung verliert gegen die Teuerung — Schweizer Aktien nicht: 30 Jahre realer SPI-Gesamtertrag versus Kaufkraft des Frankens

Falls du in Dollar rechnest — oder jemanden kennst, der es tut —, enthielt dieses Kapitel ein verstecktes Geschenk, das fast niemand auspackt.
Rekapitulieren wir. Der SNB-Leitzins liegt bei null; jener der Fed über dreieinhalb Prozent. Wenn ein Dollar-Anleger sein Franken-Engagement zurück in Dollar absichert, ist diese Zinsdifferenz kein Preis, den er bezahlt. Sie ist eine Zahlung, die er erhält — rund dreieinhalb Punkte pro Jahr zu heutigen Sätzen, verdient allein dafür, die Währung eines Landes zu halten, das zu diszipliniert ist, um hohe Zinsen zu brauchen.
Rechne die heutige Arithmetik durch: ein Markt, der sich ein Jahrhundert lang mit 7,75% pro Jahr verzinst hat, plus rund dreieinhalb Punkte Absicherungs-Carry obendrauf. Aus dem defensivsten, unspektakulärsten Aktienmarkt der Welt. Der leise Markt zahlt seinen abgesicherten Besuchern derzeit laute Zahlen.
Jetzt der ehrliche Teil, denn den gibt es immer. Der Carry ist kein Naturgesetz; er ist eine Momentaufnahme. Er hält exakt so lange wie die Zinsdifferenz und wird bei jedem Rollen des Termingeschäfts neu gepreist. Und er existiert, der Theorie nach, genau deshalb, weil der Franken zur Aufwertung neigt — der abgesicherte Anleger tauscht den wahrscheinlichen Währungsgewinn von morgen gegen Cashflow von heute. Ein Gratisessen gibt es hier nicht; nur die Wahl, wann gegessen wird. Der vollständige Entscheidungsbaum — für Dollar-Leser, die der Carry lockt, und für Schweizer, die in die Gegenrichtung schielen — steht im eigenen Essay: «CHF hedgen oder nicht, das ist hier die Frage».
Was nicht abläuft, ist das Ding darunter: hundert Jahre Aktien-Compounding und die 14-Jahres-Regel des nächsten Kapitels, die jede Krise gehalten hat, die ein Jahrhundert erfinden konnte. Der Carry ist die Kirsche. Er war nie der Kuchen.
Schweizer Schokolade. Schweizer Uhren. Schweizer Aktien. Manchmal sitzt der Trade, den alle im lautesten Markt jagen, ganz still im sichersten.
(Zinssätze: SNB-Leitzins 0,00%, Fed-Funds-Zielband 3,50–3,75%, Stand Juli 2026)
So weit die Kultur, so weit die Disziplin der Währung. Schöne Worte. Aber wir sind Investoren, keine Poeten, und bei arvy gilt vor allem eine Regel: Good Story und Good Chart. Die gute Geschichte hast du jetzt.
Zeit für die Belege. Alle hundert Jahre davon.
Der Datensatz im Herzen dieses Essays ist — passenderweise — selbst ein Schweizer Compounder.
Im Januar 1988 publizierte Pictet eine empirische Studie zur Performance von Schweizer Aktien und Obligationen seit Ende 1925. Seit 1998 wird sie jährlich aktualisiert — gleiche Methode, gleiche Geduld, seit achtunddreissig Jahren. Die diesjährige Ausgabe ging einen Schritt weiter und verlängerte die Reihe mit den Dimson-Marsh-Staunton-Daten bis 1900 zurück: 126 Jahre Schweizer Jahresrenditen, eine der längsten durchgehenden Performance-Aufzeichnungen überhaupt.
Für diesen Essay bleiben wir beim sauberen Jahrhundert: 31. Dezember 1925 bis 31. Dezember 2025. Exakt hundert Jahre, zu Ende gegangen vor wenigen Monaten. Ein schöneres Geburtstagsgeschenk gibt es nicht.
Und das sagt das Jahrhundert.
Eine Anlage in Schweizer Aktien verzinste sich mit 7,75% pro Jahr nominal — 5,73% nach Teuerung. Schweizer Obligationen lieferten 3,94% nominal und 2,00% real. Auf dem Papier wirkt der Abstand höflich: nicht ganz vier Prozentpunkte pro Jahr. Über hundert Jahre aufgezinst wird aus Höflichkeit Gewalt: CHF 1,74 Millionen gegen CHF 48'000. Der Aktionär beendet das Jahrhundert mit dem sechsunddreissigfachen Vermögen des Obligationärs. Gleiches Land, gleiche Währung, gleicher Starttag — andere Anlageklasse, anderes Leben.
Und das Jahrhundert schloss mit einem Ausrufezeichen: Allein 2025 rentierten Schweizer Aktien +17,8%, während Obligationen −0,1% schafften. Hundert Jahre alt und immer noch im Sprint.
Gehe sämtliche Halteperioden der Pictet-Tabellen durch — ein Jahr, fünf, zwanzig, fünfzig, das volle Hundert — und du findest überall dasselbe stille Verdikt: Über jedes halbwegs lange Fenster schlagen Aktien Obligationen, nominal und real, ausnahmslos. Selbst im miserablen Vierjahresfenster, das 2022 enthält.
Bevor jemand das Chalet verpfändet: Die Aktienrendite ist kein Gehalt. Sie ist eine Entschädigung. Eine Entschädigung dafür, Zahlen wie diese auszuhalten.
Die Volatilität der Schweizer Aktienrenditen liegt bei rund 19% pro Jahr — grob jedes dritte Jahr endet rot. Das schlechteste nominale Jahr der modernen Aufzeichnung war 2008 mit −34,0%. Das schlechteste reale Jahr war 1974: −37,8%, die Inflation als Beleidigung obendrauf. 1987 verlor der Markt 27,5% — einen Grossteil davon in einem einzigen hässlichen Herbst. Die Zinseszinsmaschine des Jahrhunderts bleibt regelmässig stehen, schüttelt sich und wirft einen Drittel ihres Werts aus dem Fenster. Das ist kein Defekt. Das ist der Eintrittspreis — und der Grund, warum es die Rendite überhaupt gibt.
Aber jetzt die Wendung, die die meisten Anleger nie kommen sehen — weil sie auf das falsche Papier starren.
Obligationen wirken ruhig: Ihre nominale Volatilität beträgt kaum 5%. Rechne die Teuerung ein, springt sie auf 8,6% — die Ruhe ist zum Teil eine Buchhaltungsillusion. Das schlechteste reale Obligationenjahr der ganzen 126-jährigen Reihe war 1918 mit −21,4%, als die Kriegsinflation die Coupons eines neutralen Landes auffrass. Und das schlechteste nominale Obligationenjahr? Kein Sepia-Jahrgang. Es war 2022: −12,1% — real −14,5%, das schlechteste Jahr für die Kaufkraft von Obligationen seit dem Ersten Weltkrieg. In lebendiger Erinnerung jedes Lesers dieses Essays.
Zwei katastrophale Obligationenjahre, ein Jahrhundert auseinander, mit identischer Lektion: Das grösste Risiko eines «sicheren» Papiers ist nicht der Ausfall. Es ist die Kaufkraft. Daniel Wydler schrieb exakt diese Schlussfolgerung in die Pictet-Originalstudie von 1988 — und 2022 kam vierunddreissig Jahre später vorbei, um die Arbeit zu benoten. Bestnote.
Chart 7: Der wahre Gegner des Obligationärs: Schweizer 10-Jahres-Bundesobligationenrendite versus Jahresteuerung, 1955–2025

Aktien sind also brutal und Obligationen leise heimtückisch. Was tun als Langfristanleger? Hier liefert das Datenjahrhundert seinen schönsten Befund — den ich über den Eingang jeder Pensionskasse des Landes meisseln würde.
Über hundert Jahre Schweizer Börsengeschichte hat ein Anleger, der Schweizer Aktien vierzehn Jahre oder länger hielt, nie Geld verloren. Kein einziges Mal. Kein 14-Jahres-Fenster der gesamten Aufzeichnung endet im Minus.
Do hauts mer jo de Nuggi use!
Überlege, was dieses «nie» auf den Schultern trägt. Du hättest am euphorischen Hoch von 1928 investieren können, am Vorabend der Depression. Am Gipfel von 1972, direkt in den Ölschock und den schlimmsten realen Einbruch der Moderne. Anfang 2000, als das Dotcom-Fallbeil schon fiel. Im Sommer 2007, Wochen bevor das globale Finanzsystem versuchte, sich selbst zu zerlegen. Die schlechtesten Einstiegspunkte eines Jahrhunderts Kapitalismus — jeder einzelne geheilt vom selben Medikament, Geduld, und von nichts anderem.
Und die Fussnote, jetzt, da die Daten bis 1900 zurückreichen — Rigorosität ist die Hausreligion: Verlängert man die Reihe in die erweiterte Aufzeichnung, enden exakt drei 14-Jahres-Fenster unter Wasser — alle beginnen vor 1911 und kollidieren frontal mit der Inflation des Ersten Weltkriegs. Das Jahrhundert seit Ende 1925 enthält keines. Selbst die einzigen Ausnahmen der Regel sind die Geschichte aus Kapitel I in Zahlen: Das Einzige, was Schweizer Compounding je gebrochen hat, war das monetäre Trauma, das die Schweiz lehrte, es nie wieder zuzulassen.
Chart 8: Vierzehn Jahre verlieren fast nie: jede rollierende 14-Jahres-Periode für Schweizer Aktien seit 1900, sortiert nach annualisierter Realrendite

Kürzere Horizonte sind naturgemäss unordentlicher: Auf Fünfjahressicht zählt die Pictet-Analyse bis 2024 gerade vierzehn negative Fenster im knappen Jahrhundert — geballt, wenig überraschend, um 1929, die Dotcom-Baisse und 2008. Pech existiert. Aber beachte seine Form: Pech hat bei Schweizer Aktien ein Ablaufdatum, und das Ablaufdatum liegt bei rund vierzehn Jahren.
Time in the market schlägt Timing the market — Du hast es tausendmal gehört. Das Schweizer Jahrhundert ist der seltene Datensatz, der lang genug ist, es zu beweisen.
Drei kleinere Befunde verdienen Tageslicht, denn jeder korrigiert leise einen populären Instinkt.
Erstens: Das Kurzfrist-Dilemma ist real. In rund zwei von fünf Einzeljahren schlagen Schweizer Obligationen die Aktien. Zwei von fünf! Wer einen Horizont von zwölf Monaten hat, für den sind Aktien fast ein Münzwurf mit schlechteren Manieren — genau deshalb zählt die 14-Jahres-Regel, und genau deshalb ist die «durchschnittliche Jahresrendite» für alle beinahe nutzlos, die ihr Depot jährlich anschauen und dabei etwas fühlen. Dehnt man das Fenster, hört die Münze auf zu fliegen: Schon in der Originalstudie von 1988 gewannen Obligationen nur 15 von 53 möglichen Zehnjahresperioden — und magere 6 von 43 Zwanzigjahresperioden. Die Wahrscheinlichkeit der Reue ist keine Konstante. Sie ist eine Funktion der Geduld — und sie zerfällt schnell.
Chart 9: Das Rendite-Dreieck: annualisierte Schweizer Aktienrenditen für jede Kombination aus Kauf- und Verkaufsjahr, 2009–2025

Zweitens: Die Diversifikation zwischen den beiden Anlageklassen funktioniert hier tatsächlich. Die Langfristkorrelation zwischen Schweizer Aktien- und Obligationenrenditen liegt bei rund 25% — tief genug, dass die 60/40-Ehe, was immer ich über die heutige Obligationen-Mathematik gesagt habe, nie eine irrationale Verbindung war. Es war eine gute Ehe, in einem Jahrhundert, in dem beide Partner ihr Geld verdienten.
Drittens: Alles oben Beschriebene bezieht sich auf einen passiven „Buy-and-Hold“-Anleger – die faulste Strategie, die man sich vorstellen kann, und zwar über einen Zeitraum von hundert Jahren. Jede Zahl in diesem Aufsatz stellt daher eine durch Geduld festgelegte Untergrenze dar, nicht eine durch Geschicklichkeit festgelegte Obergrenze. Was Urteilsvermögen zusätzlich zu dieser Untergrenze beitragen kann, ist Gegenstand des restlichen Teils dieses Aufsatzes; was Ungeduld davon abziehen kann, ist Gegenstand der Kontoauszüge der meisten Menschen.
Für die ausgewogenen Seelen unter uns: Ein klassisches Schweizer 60/40-Portfolio verdiente seit 1926 rund 6,6% pro Jahr und lieferte nie ein negatives Jahrzehnt. Ein wirklich würdiges Resultat — und das sage ich als jemand, der die heutige Obligationen-Mathematik ungefähr so appetitlich findet wie kaltes Fondue. Bei aktuellen Renditen fährt die 40 eher mit, als dass sie zieht. Chasch halt nöd de Füfer und s'Weggli ha. Im Moment ist die Aktienseite das Weggli.
Chart 10: Die Ehe, über 125 Jahre: CHF 1'000 in Schweizer Aktien, Obligationen, einem 60/40-Portfolio und Konsumentenpreisen (log. Skala)

Ein Vergleich fehlt noch — jener, der den versprochenen amerikanischen Leser ärgern wird.
Der S&P 500 rentierte im letzten Jahrhundert rund 10% pro Jahr — in Dollar. Schweizer Aktien 7,75% — in Franken. Fall erledigt für Amerika? Nicht so schnell. Der Dollar hat, wie in Kapitel III etabliert, in der Ära freier Wechselkurse 2–3% pro Jahr gegen den Franken verloren. Rechne beide Renditereihen in eine einzige Währung um — egal welche — und die grosse transatlantische Performancelücke verschwindet praktisch.
Lies das langsam. Ein Markt ohne Silicon Valley, ohne Nvidia, ohne Magnificent Anything — ein Markt, dessen Aushängeschilder Kaffeekapseln, Dermatologie-Cremes und Aufzüge sind — hat den gefeiertsten Aktienmarkt der Menschheitsgeschichte hundert Jahre lang eingeholt, sobald man Äpfel mit Äpfeln vergleicht.
Kein Big Tech? Keine Moonshots? Kein Problem. Renditen ohne Kontext sind Rauschen; im Kontext standen die Silent Compounders die ganze Zeit auf dem Podest. Selbst über das blosse letzte Vierteljahrhundert — gemessen, mit Absicht, vom Gipfel der Dotcom-Blase — schlug der SPI den Weltindex in Franken glatt und blieb bis zum KI-Melt-up der mittleren 2020er-Jahre innerhalb eines Prozentpunkts pro Jahr am S&P 500 dran.
Natürlich verdient heute keiner der beiden Indizes einen Heiligenschein. Der S&P 500 ist konzentrierter als je zuvor in seiner Geschichte — die zehn grössten Titel machen rund 40% aus, zu Bewertungen, die das historische 100. Perzentil besucht haben. Wenn sich die Geschichte reimt, ist das die Ausgangslage, aus der verlorene Jahrzehnte gemacht werden. S'git nüt, wos nöd git — verlorene amerikanische Jahrzehnte inklusive. Und der Schweizer Index hat sein eigenes Elefantenproblem, das ich in Kapitel VI sauber sezieren werde. Geduld.
Chart 11: Der stille Zwilling: SPI versus S&P 500 und MSCI ACWI, Gesamtertrag in CHF, vom Dotcom-Gipfel bis heute (2000–2026)

Ich höre dich bis hierhin.
«Ok Thierry. Wunderbare Geschichte, bewegender Schwur, schöne Uhren. Aber alles bisher beschreibt den Durchschnitt der Schweizer Unternehmen — eine Zahl für zweihundert sehr verschiedene Firmen. Hat wirklich ‹die Schweiz› compoundiert? Oder hat eine bestimmte Sorte Schweizer Unternehmen die meiste Arbeit geleistet, während der Rest mitfuhr?»
Das ist exakt die richtige Frage. Es ist die Frage, auf die dieser ganze Essay zusteuert.
Denn ein Durchschnitt ist eine Maschine mit zugeschweisster Haube. Die 7,75% gehören den Brillanten und den Mittelmässigen gleichermassen; die Schlagzeilenzahl des Jahrhunderts verrät nichts darüber, wie sie verdient wurde — und von wem. Also haben wir bei arvy im letzten Jahr etwas leicht Obsessives getan: die Haube über 25 Jahren Schweizer Marktdaten aufgestemmt, Unternehmen für Unternehmen, um herauszufinden, welche Teile der Maschine die Arbeit tatsächlich geleistet haben — und ob man sie im Voraus erkennen kann.
Wir haben die Research-Studie durchgeführt, mit sauberer Fama-French-Methodik und sechzehn Interviews mit den Menschen, die das Schweizer Aktienkapital verwalten. Und was wir fanden, kommt einem Gravitationsgesetz so nahe wie nichts, was ich in unserem Heimmarkt je gesehen habe:
Qualität ist keine Momentaufnahme. Qualität ist eine Erfolgsbilanz — und der Markt bezahlt systematisch zu wenig für den Beweis.
Schweizer Unternehmen mit hohem ROIC schlagen den Markt. Unternehmen mit anhaltend hohem ROIC schlagen ihn ungefähr doppelt so hart. Und der Effekt versteckt sich genau dort, wo die Elefanten nicht sind.
Jeder Qualitätsinvestor trägt denselben leisen Zweifel in der Hintertasche. Er meldet sich um zwei Uhr morgens, meist nachdem eine Position grundlos 15% gefallen ist: Gibt es «Qualität» wirklich — oder ist sie nur die Geschichte, die wir uns erzählen, um uns beim dreissigfachen Gewinn für einen Aromenkonzern besser zu fühlen?
Letztes Jahr haben wir beschlossen, nicht länger zu grübeln, sondern zu messen. In Zusammenarbeit mit der Universität St. Gallen hat Seraphin Ramhapp — HSG, betreut von Prof. Dr. Stefan Morkötter — die Frage durch die volle akademische Mangel gedreht, als empirische Abschlussarbeit, mit arvy als Praxispartner und, zugegeben, als Obsessionslieferant.
Zur Studie. Die Stichprobe: sämtliche SPI-Unternehmen ohne Finanzwerte, 2000 bis 2025 — ein Vierteljahrhundert mit Dotcom-Crash, Finanzkrise, einem Jahrzehnt Negativzinsen, einer Pandemie und einem Inflationsschock. Die Methode: der klassische Fama-French-Portfoliosortier-Ansatz, bewusst gewählt, damit die Resultate mit der internationalen Faktorliteratur vergleichbar sind statt mit einem Hausrezept-Backtest. Das Qualitätsmass: die Rendite auf das investierte Kapital, ROIC — getestet über Ein-, Drei- und Fünfjahresfenster. Und neben der Statistik: sechzehn Tiefeninterviews mit Schweizer Aktien-Portfoliomanagern und Analysten, um die Zahlen an jenen zu prüfen, die in diesem Markt leben.
Warum ROIC? Weil es die unromantischste Zahl der Finanzwelt ist — und deshalb die vertrauenswürdigste. ROIC stellt eine einzige nüchterne Frage: Für jeden Franken Kapital, der in diesem Geschäft steckt — Fabriken, Lager, Akquisitionen, alles —, wie viele Rappen Betriebsgewinn kommen pro Jahr heraus? Es ist der Zinssatz des Unternehmens selbst. Gewinne kann man für den Geschäftsbericht herausputzen; Wachstum kann man mit dem Checkbuch kaufen; ROIC muss man verdienen, Franken für Franken — es ist der Ort, an dem ein Burggraben aufhört, Metapher zu sein, und Prozentzahl wird. Stammleser kennen unsere Vorliebe für ehrliche Linsen: Free Cashflow statt Buchgewinn, ROIC statt Adjusted-EBITDA-Poesie. Es ist übrigens auch der Grund, warum für uns die perfekte Firma keine Dividende zahlt: Ein Franken, der in einer Hoch-ROIC-Maschine reinvestiert wird, verzinst sich unangetastet — ein ausgeschütteter Franken macht auf dem Weg zu dir einen Umweg übers Steueramt. Einbehalten ist kein Geiz. Bei hohen Kapitalrenditen ist Einbehalten das Geschenk.
Das sagt ein Vierteljahrhundert Schweizer Daten.
Befund 1: die Qualitätstreppe
Sortiere alle Schweizer Unternehmen nach ROIC in drei Körbe, halten, jährlich umschichten, 25 Jahre wiederholen. Das Resultat ist kein Punktehaufen. Es ist eine Treppe.
Der Hoch-ROIC-Korb rentierte 8,54% pro Jahr. Der Markt: 6,43%. Der Tief-ROIC-Korb: 3,43%. Die Renditen steigen Stufe um Stufe mit der Kapitaleffizienz — monoton, wie die Statistiker sagen: Der mittlere Korb sitzt brav in der Mitte. Und risikoadjustiert wird es noch deutlicher: Die Sharpe Ratio des Hoch-ROIC-Korbs ist mehr als dreimal so hoch wie jene des tiefen, 0,59 gegen 0,18.
Qualität zahlte. Ramsch kassierte. Über 25 Jahre aufgezinst wird aus dem jährlichen Abstand zwischen oberstem und unterstem Korb ein Unterschied, der Leben verändert — dieselbe Gewalt des Zinseszinses wie in Kapitel IV, ausgetragen innerhalb eines einzigen Marktes.
Chart 12: Die Qualitätstreppe: annualisierte Renditen von Schweizer Aktien, sortiert nach ROIC, 2000–2025

Quelle: arvy Research / S. Ramhapp, Universität St. Gallen (HSG); SPI ohne Finanzwerte, 2000–2025
Befund 2: Winners keep winning — aber nur bewiesene Winner
Jetzt der Befund, der diesem Kapitel — und einem unserer früheren Essays, «Gewinner bleiben Gewinner — die Persistenz erstklassiger Geschäftsmodelle»— den Namen gibt.
Mache dieselbe Übung, aber sortiere die Unternehmen nur nach dem ROIC des letzten Jahres. Die Prämie schrumpft auf 3,18% pro Jahr und — entscheidend — fällt durch jeden Signifikanztest. Ein einzelnes gutes Kapitalrenditejahr sagt fast nichts voraus. Der Markt zuckt mit den Schultern, und der Markt hat recht: Ein einzelnes heisses ROIC-Jahr ist mit gleicher Wahrscheinlichkeit Zyklus, Windfall oder Buchhaltungszufall wie Burggraben.
Stammleser erkennen hier einen alten Bekannten. Es ist die Micron-Mirage aus unserer Halbleiter-Trilogie, im Laborkittel: Ein Geschäft, das auf Zyklusgipfel-Zahlen brillant aussieht, ist nicht brillant — es gipfelt gerade. Billig auf Spitzengewinnen ist nicht billig, und hoher ROIC in einem Glücksjahr ist keine Qualität.
Aber verlängere das Fenster, und alles ändert sich. Sortieren nach dem Dreijahresdurchschnitt: Die Prämie steigt auf 5,78% pro Jahr und wird statistisch signifikant. Sortieren nach fünf Jahren: 7,16% pro Jahr, hochsignifikant, mit einem Regressions-Alpha, das die akademischen Schwellen mit Reserve überspringt (t-Wert 4,3, für die statistisch Interessierten — komfortabel jenseits des Bereichs, in dem Glück eine plausible Erklärung bleibt).
Vom Ein- zum Fünfjahres-ROIC hat sich die Faktorrendite mehr als verdoppelt. Gleiche Unternehmen, gleicher Markt, gleiche Mathematik — die einzige neue Zutat heisst Beweis.
Der Satz, auf den dieser ganze Essay zusteuert, in einer Zeile: Der Markt bezahlt eine Prämie für Qualität — aber er bezahlt systematisch zu wenig für anhaltende Qualität. Für das Unternehmen, das fünf Jahre in Serie gezeigt hat, dass seine Kapitalrenditen kein Zufall sind.
Ein Winner gewinnt weiter. Aber nur ein bewiesener Winner. Der Markt, so zeigt sich, glaubt selbst dann nicht ganz an Burggräben, wenn man ihm einen vorführt — und dieser restliche Unglaube ist die Rendite.
Warum macht der Markt einen derart hartnäckigen, messbaren Fehler? Die Literatur liefert eine saubere Antwort: Überrenditen entstehen, wenn man künftige Kapitalrenditen korrekt antizipiert, die der Markt noch nicht eingepreist hat. Und die Kernannahme des Marktes — jedem Analysten seit dem ersten Lehrbuch eingetrichtert — heisst Mean Reversion. Die Konkurrenz kommt; die Margen erodieren; ausserordentliche Renditen zerfallen zu gewöhnlichen. Diese Annahme stimmt im Durchschnitt — und genau das macht sie an den Rändern falsch. Ein echter Burggraben ist per Definition die Ausnahme von der Mean Reversion. Der Befund der Studie: Märkte unterschätzen systematisch, wie lange echte Burggräben halten. Wenn ein Unternehmen sein fünftes Hoch-ROIC-Jahr in Serie meldet, preist der Markt noch immer still die Erosion ein, die einfach nicht eintrifft. Der Abstand zwischen angenommenem Zerfall und tatsächlicher Beständigkeit — dieser Abstand ist die Prämie.
Eine Konsequenz verdient ihren eigenen Absatz, denn sie befreit den Qualitätsinvestor von der Tyrannei der Wachstumsprognose: Ein Unternehmen mit anhaltend hohen Kapitalrenditen verzinst Vermögen selbst bei bescheidenem Wachstum. Die Wiederanlage von Hochrendite-Franken um Hochrendite-Franken leistet die Arbeit; heroische Umsatzprojektionen sind optional. Deshalb dürfen die Silent Compounders dieses Essays Kaffeekapseln und Liftserviceverträge verkaufen statt Träume — der ROIC ist die Wachstumsstory.
Chart 13: Winners keep winning: jährliche Faktorrenditen von 1-Jahres- vs. 3-Jahres- vs. 5-Jahres-ROIC

Quelle: arvy Research / S. Ramhapp, Universität St. Gallen (HSG); SPI ohne Finanzwerte, 2000–2025
Befund 3: Der Schatz liegt, wo die Elefanten nicht sind
Teile die Resultate nach Unternehmensgrösse, und die Studie liefert ihre praktischste — und subversivste — Botschaft.
Bei Small Caps beträgt der monatliche Renditeabstand zwischen hohem und tiefem ROIC 0,82%. Bei Mid Caps 0,63%. Bei Large Caps: minus 0,16%. Die Qualitätsprämie lebt und gedeiht im Small- und Mid-Cap-Segment — und sie ist an der Indexspitze verschwunden. Nicht kleiner. Weg.
Die Erklärung ist fast enttäuschend vernünftig. Nestlé wird von vierzig Analysten abgedeckt; seine Qualität ist auf die zweite Dezimale gepreist, bevor du deinen Morgenkaffee ausgetrunken hast. Aber der Mid-Cap-Maschinenraum des Schweizer Marktes — die Ventilbauer, die Gebäudeautomatisierer, die Turbolader-Champions — wird dünn abgedeckt, dünn gehandelt und dünn verstanden. Wo Aufmerksamkeit knapp ist, bleibt der Beweis unterbezahlt. Fehlbewertung wohnt dort, wo die Analysten nicht wohnen.
Halte diesen Befund fest. Im nächsten Kapitel kollidiert er frontal mit der Struktur des Schweizer Index — und die Kollision produziert die praktische Schlussfolgerung dieses Essays.
Chart 14: Wo die Anomalie wohnt: monatlicher Hoch-minus-tief-ROIC-Renditeabstand nach Unternehmensgrösse

Quelle: arvy Research / S. Ramhapp, Universität St. Gallen (HSG); SPI ohne Finanzwerte, 2000–2025
Befund 4: Qualität ist ein Bunker
Ein Resultat noch, für die Nervösen. Die ROIC-Prämie war genau dann am grössten, wenn alles andere brannte — durch die Dotcom-Baisse und die Finanzkrise weiteten sich die Abstände zwischen hohem und tiefem ROIC zugunsten der Qualität aus. Wenn Kapital knapp und Prognosen demütig werden, erinnert sich der Markt plötzlich daran, wer seine Kapitalkosten tatsächlich verdient. Burggräben zählen am meisten, wenn die Ebbe kommt — und die Beständigkeits-Portfolios nahmen diese Defensive mit, ohne in guten Jahren zurückzubleiben.
Was die sechzehn Profis sagten — und die ehrlichen Fussnoten
Die Interviews waren auf ihre Art so befriedigend wie die Regressionen. Praktisch jeder befragte Portfoliomanager nutzt ROIC als zentralen Input. Praktisch niemand nutzt ein einzelnes Jahr davon. In der Praxis beurteilen sie ihn über lange Fenster — manche bis zwanzig Jahre — und immer im dreifachen Kontext: gegen die eigene Geschichte des Unternehmens, gegen den Sektor, gegen den Markt. ROIC ist ihr erster Qualitätsfilter, nie ein Kaufsignal für sich allein. Daten und Praktiker, unabhängig voneinander an derselben Tür angekommen.
Und jetzt die Fussnoten — denn eine Studie, die man nur zitiert, wenn sie schmeichelt, ist keine Forschung, sondern Marketing. Drei ehrliche Vorbehalte.
Erstens: Momentum. Über die gesamte Faktorstichprobe war schlichtes Momentum der beste Einzelfaktor — 11,83% pro Jahr, hochsignifikant. Wir verstecken das nicht; es spielt schlicht eine andere Sportart: monatlich umgeschichtet, mit Umschlags- und Steuerreibung, die ein Qualitätsinvestor nie bezahlt — und es sagt nichts darüber, was ein Unternehmen ist. Wir notieren es, respektieren es und überlassen es anderen.
Zweitens: die Messung. Standardisierter Datenanbieter-ROIC ist ein stumpfes Instrument — Rechnungslegungen unterscheiden sich, Goodwill und überschüssige Liquidität verzerren den Nenner, und die Rohzahl driftet Richtung generischer Profitabilitäts-Proxy. In der Praxis muss ROIC von Hand justiert und über die Zeit beurteilt werden. Was, praktischerweise, genau der Job ist.
Drittens: Kein Faktor ist eine Religion. Die Studie sagt es in ihrem eigenen Fazit am besten — ROIC ist ein erster Filter, zu kombinieren mit Urteilsvermögen über Management, Burggraben-Haltbarkeit und strukturelle Risiken. Eine Zahl kann die Kandidaten identifizieren. Zur Generalversammlung gehen kann sie nicht für dich.
Und ein letztes Wort statistischer Demut, angeboten, bevor es jemand anderes für uns anbietet: Die Schweiz ist ein kleiner Markt, und kleine Märkte machen Signifikanz schwer — weniger Firmen, weniger unabhängige Wetten, ein sehr konzentrierter Index. Dass die beständigkeitsbasierten Faktoren die strengen Schwellen trotzdem nahmen, über Regime und Robustheitschecks hinweg, macht den Befund erst belastbar. Aber wir halten ihn, wie wir jede Überzeugung bei arvy halten: fest — und mit beiden Händen bereit loszulassen, falls die Evidenz dreht.
Tritt einen Schritt zurück und betrachte, was die letzten fünf Kapitel still zusammengebaut haben.
Die Knappheit des Landes erzeugte eine Kultur der Präzision und des Vertrauens. Die Kultur erzeugte Unternehmen, gebaut auf sechs unmodische Werte. Die Währung stresstestete diese Unternehmen hundert Jahre lang und schickte die Blender in den Konkurs. Die Überlebenden erscheinen in den Daten als anhaltend hohe Kapitalrenditen. Und anhaltend hoher ROIC, zeigt die Studie, erzeugte marktschlagende Aktienrenditen, die der Markt noch immer zu tief preist.
Geografie → Kultur → Währung → ROIC → Rendite. Eine ununterbrochene Kausalkette, hundert Jahre lang. Das ist die Maschine unter der Haube der 7,75%.
Bleibt genau eine Frage — jene, die jedes Framework irgendwann öffentlich beantworten muss. Welche Unternehmen?
Beginnen wir mit der unbequemen Wahrheit über die naheliegende Alternative, denn das ist der ehrliche Einstieg.
Der Swiss Performance Index ist eine Ménage-à-trois mit Publikum. Nestlé, Roche und Novartis trugen über weite Strecken dieses Jahrhunderts rund die Hälfte des Index; selbst heute, nach Jahren relativen Verblassens, wiegen sie noch rund 37% — während sich gegen zweihundert Unternehmen den Rest teilen. Alle drei Riesen sind grossartige Unternehmen mit echten, gut dokumentierten Strukturfragen — Patentklippen, Portfoliokomplexität, die schiere Physik, eine halbe Billion Franken kombinierten Börsenwerts überhaupt noch spürbar wachsen zu lassen. Probleme — und die, wie man hierzulande weiss, schläckt kei Geiss wäg.
Wer also «den Schweizer Markt» kauft, kauft nicht die Hundertjahresmaschine dieses Essays. Er mietet drei Elefanten und zweihundert Passagiere — gewichtet so, dass die Elefanten über die Fahrt entscheiden.
Und jetzt erinnere dich an Befund 3. Die Qualitätsprämie der Schweiz lebt bei den Small und Mid Caps — und fehlt vollständig bei den Riesen, die den Index dominieren. Der Index ist, per Konstruktion, genau dort konzentriert, wo die Anomalie nicht ist. Hundert Jahre Daten sagen: Schweizer Aktien haben ihren Ruf verdient. Fünfundzwanzig Jahre Faktor-Evidenz fügen die Nuance hinzu: Diese Renditen waren innerhalb des Marktes nie gleich verteilt — und die schwersten Gewichte sitzen exakt dort, wo die Qualitätsprämie am schwächsten ist. Das ist kein Verdikt über irgendeine Anlageform. Es ist eine Landkarte, wo die Arbeit der Maschine tatsächlich stattfand.
Chart 15: Ein Markt, drei Elefanten: kombiniertes SPI-Gewicht von Nestlé, Roche und Novartis, 2000–2025

Deshalb studieren wir die Schweiz so, wie wir sie studieren: Unternehmen für Unternehmen. Was folgt, ist die Karte — jeder Schweizer Deep Dive, den wir publiziert haben, geordnet in vier Cluster. Ein Verdikt pro Name; die vollständigen Argumente, Charts, Bewertungen und Verkaufs-Stolperdrähte stehen in den verlinkten Essays. Und damit kein Missverständnis entsteht, aus Gründen der Regulierung wie der Selbstachtung: Was folgt, ist Urteilsvermögen und Wissen eines Praktikers — keine Aktientipps. Was wir anschauen, nicht, was du kaufen sollst.
Health — die Apotheke der Welt
Zeit & Luxus — das Unnötige verkaufen, für immer
Alltags-Burggräben — die unsichtbaren Mautstellen
Kapital & Tore zur Welt — die Infrastruktur des Schweizer Vertrauens
Vierzehn Namen. Nicht einer davon braucht eine neue Technologie, eine neue Regulierung oder eine neue Welt, um seine Existenz zu rechtfertigen — nur die alten Tugenden, fortgesetzt. Das ist der Schweizer Markt in einem Satz.
Unsere Coverage ist, wo wir volles Urteil publiziert haben. Unser Screening ist, wo die nächsten Kandidaten wohnen.
Das arvy-Screening-Universum umfasst inzwischen über 800 globale Compounder, davon 194 Schweizer — jeder bewertet mit dem Composite-Framework hinter «Good Story & Good Chart»: Geschäftsqualität, Kapitalrenditen, Bilanzsolidität und das technische Bild. Ziehe den Schweizer Filter, und die Tabellenspitze ist ein Appell genau jenes Profils, das Befund 3 vorhersagt: Mid-Cap-Champions mit Fünfjahres-ROIC-Bilanz und dünner Analystenabdeckung — Gebäudeautomation, Vakuumventile für die Chipfabriken der Welt (der stille Schweizer Zubringer zum KI-Ausbau), Spezialpolymere, Zahnimplantate. Hidden Champions, versteckt in aller Öffentlichkeit, im Segment, wo der Beweis noch unterbezahlt ist. Einige werden zu vollständigen Deep Dives aufsteigen; die Karte oben zeigt, wie jeder einzelne dorthin kam.
Wir machen aus dieser Tabelle keinen Tippzettel — siehe den Satz über die Selbstachtung weiter oben. Aber Abonnenten können die Linse, durch die wir schauen, jeden Tag selbst öffnen: auf screening.arvy.ch — inklusive der Sector Heatmap, die auf einen Blick zeigt, wo sich Schweizer Qualität ballt, und der Story-×-Chart-Karte, die jeden Namen auf den zwei Achsen verortet, nach denen dieses Haus lebt. Die Treppe aus Kapitel V ist dort keine Abstraktion; sie ist eine sortierbare Spalte.
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Chart 16: Die arvy-Screening-Linse auf die Schweiz: 194 Schweizer Titel, sortiert nach Composite Score

Ein hoher Composite Score beginnt bei arvy ein Gespräch; er beendet nie eines. Zwischen dem Screen und dem Portfolio stehen dieselben zwei Tore wie immer.
Das erste Tor ist der Preis. Qualität zu jedem Preis ist kein Qualitätsinvestieren — es ist Qualitätssammeln, und die Rechnung kommt bestimmt. Jeder Kandidat wird an seiner eigenen Zehnjahres-Bewertungsgeschichte gemessen: Ein grossartiges Geschäft am oberen Rand seiner historischen Spanne braucht einen ausserordentlichen Grund; dasselbe Geschäft zurück auf seinem Median braucht nur seine gewöhnliche Exzellenz. Die chronische Schweizer Prämie macht diese Disziplin hier wichtiger, nicht unwichtiger.
Das zweite Tor ist das Tape. Nach Stan Weinsteins Stage-Analyse auf den Wochencharts wollen wir sehen, dass sich die Meinung des Marktes von Ablehnung zu Zustimmung bewegt — eine Aktie, die eine Basis baut oder aufwärtsläuft, nicht eine im strukturellen Abwärtstrend, den die Fundamentaldaten noch nicht zugegeben haben. Die Fundamentaldaten sagen uns, was es verdient, besessen zu werden. Die Stage sagt uns, wann das Besitzen leichter wird. Good Story, Good Chart: Das war nie ein Slogan; es ist das Zwei-Schlüssel-System am Tresor.
(Für alle, die ihre Frameworks lieber in Buchform mögen: Hermann Simons «Hidden Champions» ist der Ur-Text von allem in diesem Abschnitt — und eine Book-Club-Ausgabe dazu ist exakt die Sorte Ding, die hier gelegentlich passiert.)
Bei arvy führen wir ein einziges konzentriertes globales Portfolio — rund dreissig Qualitätsunternehmen, unser eigenes Kapital investiert an der Seite unserer Kunden. Die Schweiz verdient sich ihren Platz in diesem Portfolio wie jedes andere Land auch: Unternehmen für Unternehmen, nie als Flagge. Neue Positionen beginnen als Probing Positions von rund 1% und werden erst aufgestockt, wenn sich die These beweist; jede Position trägt ein schriftliches Stolperdraht-Scoreboard in der Tradition von Nick Sleep — die vorab festgelegten Bedingungen, unter denen wir verkaufen, entschieden an einem ruhigen Dienstag statt an einem panischen Freitag.
Ein Flaggschiff-Essay, der nur singt, ist eine Broschüre. Deshalb, vor der Wiese, die sieben besten Argumente gegen alles oben — vorgetragen, wie ein kluger Bär sie vortragen würde. Denn dem stärksten Einwand zuvorzukommen ist die einzige ehrliche Art, eine Überzeugung zu halten.
Eins: kein Tech, in einer KI-Welt. Die schwerste Anklage zuerst. Die Schweiz hat keine Plattformriesen, keine Hyperscaler, praktisch kein Large-Cap-Tech — in einem Jahrzehnt, in dem eine Handvoll KI-Plattformen womöglich den Grossteil des weltweiten Wertzuwachses einsammelt. Hält diese Konzentration an, wird der Schweizer Markt hinter dem Index der Sieger zurückbleiben, wie schon in den Zehnerjahren. In Bestform ist dieser Bär real, und wir reden ihn nicht weg. Wir argumentieren um ihn herum, mit drei Beobachtungen. Erstens, der Rahmen: Die Frage für einen Qualitätsinvestor lautet nie, wer eine Basistechnologie baut, sondern wer ihren Wert einfängt — und wenn Intelligenz und Code im Überfluss vorhanden sind, bleibt genau das knapp, was das Schweizer Portfolio ist: physische Präzision, regulierte Anlagen, vertraute Marken, Biologie und hundert Jahre Prozesswissen, das kein Modell scrapen kann. Die Schweiz besass auch die Eisenbahnen nicht, die Ölmultis nicht, die Internetplattformen nicht — und hielt mit dem lautesten Markt jeder Epoche Schritt, indem sie jede Basistechnologie anwandte, in Geschäften, die Unersetzliches verkaufen. Zweitens, die Ausnahme: Der Maschinenraum besitzt still ein Stück des Ausbaus selbst — die Vakuumventil- und Instrumentierungs-Champions in jeder modernen Chipfabrik sind Schweizer Mid Caps, wohnhaft exakt dort, wo Befund 3 lebt. Drittens: Pharma kann hier gross gewinnen. KI-gestützte Wirkstoffforschung begünstigt, wem Studiendaten, Zulassungsmaschine und globale Distribution gehören — das ist Basel, nicht das Start-up mit dem Modell. Und der Produzent in Visp wird bezahlt, egal welches Molekül gewinnt.
Zwei: eine Neuauflage der Siebziger, ohne die Hedges der Siebziger. Die Stagflation kehrt zurück — und die Schweiz stellt keine Energieriesen, keine Rüstungskonzerne und (eine verbreitete Übertreibung, aber schenken wir dem Bären den Geist des Arguments) dünne Rohstoffexposure jenseits von Holcim, Sika und EMS. Können Qualitätsaktien in so einem Regime wirklich gross liefern? Die ehrliche Antwort aus unseren eigenen Daten: nein. Von 1966 bis 1975 rentierten Schweizer Aktien real +8,9% — für das ganze Jahrzehnt. Ein Zehnjahressprint auf der Stelle, während Obligationen rückwärtsliefen. Die Preissetzungsmacht der Qualität bewahrt Kaufkraft durch die Klemme; sie vervielfacht sie nicht. Aber die Aufzeichnung fügt zwei Trostpflaster hinzu, die der Bär vergisst. Der Stagflations-Hedge der Schweiz war nie ein Sektor — er war der Franken: Öl wird in Dollar gepreist, und ein aufwertender Franken importiert Disinflation. Deshalb erreichte die Schweizer Teuerung 1973 rund 12%, während die angelsächsische Welt weit heisser brannte — und stand bis 1976 wieder nahe 1%. Die schnellste Disinflation des Westens, erreicht mit Geld allein. Und der Sprint kam unmittelbar nach dem Überleben: +41,9% real allein 1975, +111% real über 1976–1985. In der Stagflation halten die Silent Compounders Winterschlaf; sie sterben nicht — und die 14-Jahres-Regel hat die kompletten Siebziger bereits im Bauch.
Chart 17: Ein Zehnjahressprint auf der Stelle: kumulierter realer Gesamtertrag von Schweizer Aktien versus Obligationen durch das Stagflationsjahrzehnt, 1965–1982

Drei: Die Pharma-Konzentration ist eine politische Hypothek. Ein riesiger Teil des Schweizer Börsenwerts untersteht letztlich amerikanischer Medikamentenpreis-Politik und Zolllaunen. Eine feindselige Wende in Washington muss nicht recht haben, um teuer zu sein.
Vier: Der Franken kann schneller überschiessen, als Unternehmen sich anpassen. Der Schock von 2015 wurde absorbiert — aber Absorption hat Grenzen, und eine ungeordnete Flucht in den Franken könnte Exportmargen schneller komprimieren, als selbst Schweizer Ingenieurskunst antworten kann. Der Coach kann, gelegentlich, einen Läufer brechen.
Fünf: Das monetäre Wetter kann wieder seltsam werden. Null Zinsen heute; Negativzinsen sind erinnerte Realität, und importierte Deflation ist der wiederkehrende Albtraum der Nationalbank. Schweizer Obligationen, die fast nichts abwerfen, schieben die Ersparnisse des ganzen Landes die Risikokurve hinauf — und schmeicheln Aktienbewertungen aus Gründen, die mit den Unternehmen nichts zu tun haben.
Sechs: Die Elefanten können die Geschichte abwürgen — und der Maschinenraum kann uns unter den Füssen weggekauft werden. Liefern die Riesen ein verlorenes Jahrzehnt, enttäuscht die Schlagzeilenzahl «Schweizer Aktien», selbst während der Mid-Cap-Maschinenraum summt; derweil höhlen Take-privates und ausländische Käufer kleine Märkte aus. Jeder Hidden Champion, der mit 30% Prämie verschwindet, ist ein guter Tag für seine Aktionäre und ein kleiner Verlust für die Landkarte.
Sieben: die Qualitätsprämie selbst. Der subtilste Bär von allen: Schweizer Qualität ist chronisch teuer — und sitzt das Einstiegs-Multiple an seiner historischen Decke, komprimiert sich die künftige Prämie, egal wie superb die Unternehmen sind. Wer für Beweis jeden Preis zahlt, verwandelt die Qualitätsanomalie in eine Qualitätssteuer.
Unsere Antwort auf alle sieben ist dieselbe, und sie ist der Essay, den du gerade gelesen hast : Wir besitzen Unternehmen, nicht die Flagge — und nie zu jedem Preis. Das Bewertungstor existiert exakt für Bär Nummer sieben, die Verkaufs-Stolperdrähte für drei bis sechs, und die eigene Bilanz des Jahrhunderts für eins und zwei. Der Datensatz aus Kapitel IV hat zwei Weltkriege überlebt, eine deflationäre Depression, ein Stagflationsjahrzehnt und das Ende des Währungssystems, in das er hineingeboren wurde. Der Bear Case verdient Respekt. Den Vertrauensvorschuss gegenüber hundert Jahren Evidenz verdient er, bislang, nicht.
Komm ein letztes Mal zurück aufs Rütli. Stelle dich dorthin, wo 1291 die drei Bauern standen.
Du prognostizierst nicht. Du hättest keine einzige Technologie, Grenze oder Krise der kommenden sieben Jahrhunderte benennen können — und es spielte keine Rolle. Du hast eine Vereinbarung getroffen, anstatt eine Prognose abzugeben: Versprechen halten, Unabhängigkeit wahren, gemeinsam überleben. Dann gingen sie zurück zu ihren Kühen und liessen die Zeit die Verzinsung erledigen.
Siebenhundert Jahre später laufen die besten Schweizer Unternehmen noch immer auf demselben Bund. Wenig versprechen. Für immer liefern. Sollen die Ungeduldigen dem Aufregenden nachjagen; die Marge behalten, das Vertrauen behalten, weitermachen. Der starke Franken wird die Blender weiter durchfallen lassen, die Werte werden weiter altmodisch aussehen — bis zu dem Moment, in dem sie nach Genie aussehen —, und irgendwo in einem Mid-Cap-Maschinenraum wird ein Unternehmen, über das niemand spricht, still sein fünfzehntes Jahr in Serie mit hohen Kapitalrenditen melden.
Niemand kann dir versprechen, dass das nächste Jahrhundert dem letzten gleicht — «vergangene Wertentwicklung», flüstern die Juristen korrekt, und ausnahmsweise stimme ich ihnen zu. Aber die Quellen der Renditen des letzten Jahrhunderts waren nie ein Geheimnis und nie ein Zyklus. Sie hiessen Geografie, Kultur, Währung und Disziplin — und keine der vier hat gekündigt.
Die Silent Compounders brauchen die nächsten hundert Jahre nicht aufregend.
Es genügt, wenn sie unseren ruhigen Dienstag sind.
«Ist die Schweiz nicht einfach teuer?»
Chronisch, ja — und chronisch ihr Geld wert, was der gesamte Befund von Kapitel V ist: Der Markt zahlt auf für Qualität und unterbezahlt trotzdem bewiesene Qualität. Aber «Qualität» ist nie eine Lizenz für jeden Preis. Jede arvy-Position muss beide Hürden nehmen — Good Story und Good Chart, mit einer Bewertung, gemessen an der eigenen Zehnjahresgeschichte des Unternehmens, nicht an der Hoffnung. Teuer und billig sind Eigenschaften des bezahlten Preises, nicht der Flagge auf dem Dach.
«Genügt es nicht, ‹den Schweizer Markt› breit zu besitzen?»
Damit besitzt du Kapitel IV — den ehrlichen Hundertjahresdurchschnitt, für den sich niemand entschuldigen muss. Was du damit konstruktionsbedingt nicht besitzt, sind Kapitel V und VI: Der breite Markt ist auf die Riesen gewichtet, und die Qualitätsprämie wohnt bei den Small und Mid Caps, die die Gewichte kaum berühren. Keiner der beiden Wege ist falsch; sie beantworten schlicht verschiedene Fragen. Die Frage dieses Essays war nie «Wie besitze ich den Durchschnitt?» — sondern «Woher kam der Durchschnitt?»
«Wunderbarer Essay — aber wo ist Roche?»
Schuldig im Sinne der Anklage. Ein Drittel der Ménage-à-trois fehlt noch in unserer Coverage, und ein Unternehmen, das die Basler Skyline quasi erfunden hat, verdient mehr als einen Absatz. Der Deep Dive steht auf der Liste — betrachte diesen Essay als Cliffhanger.
«Soll ich das Frankenexposure absichern?»
Die Kurzfassung: Für Schweizer Anleger kommen die Schweizer Renditen bereits im härtesten Geld der Welt an — sie wegzuhedgen heisst, dafür zu bezahlen, den eigenen grössten Strukturvorteil abzubestellen. Für alle anderen ist es eine Risiko-, keine Renditeentscheidung — mit genug Nuancen für einen eigenen Essay, den es gibt: «CHF hedgen oder nicht, das ist hier die Frage».
Eine Frage noch, bevor du gehst — der Briefkasten oben hat sie bereits verraten: Roche ist der Nächste auf der Coverage-Liste. Aber der Maschinenraum ist tief, und die Karte wächst weiter. Welchen Schweizer Hidden Champion sollen wir danach kartieren? Die Kommentare sind offen, und wir lesen jeden einzelnen.
Und falls dieser Essay deinen Blick auf den leisen Markt verändert hat: Leite ihn an den Freund weiter, der Schweizer Aktien immer noch langweilig findet. Er hat ein Jahrhundert aufzuholen.