Die 4%-Regel in der Schweiz: Wie viel kannst du wirklich entnehmen?


Die «4%-Regel» ist die berühmteste Faustregel der Pensionierungs-Planung. Bei einem Anfangsvermögen von CHF 500'000 darfst du im ersten Jahr CHF 20'000 entnehmen — und über 30 Jahre wird das Geld reichen. So einfach klingt das. Nur: die Regel stammt aus den USA. Aus einer anderen Marktrealität, mit anderen Steuern, einer anderen Lebenserwartung und einer anderen Sozialversicherung. In Schweizer Finanz-Foren wird sie trotzdem als universelle Wahrheit zitiert. Dieser Artikel rückt das gerade. Wir zeigen dir, woher die 4%-Regel kommt, in welchen 5 fundamentalen Punkten sich die Schweizer Realität unterscheidet, und wie deine realistische Schweizer Entnahmerate aussieht — mit konkretem Beispiel und drei alternativen Withdrawal-Strategien.
1994 veröffentlichte der amerikanische Finanzberater William Bengen eine Studie im Journal of Financial Planning. Seine Frage: wie viel kann ein Pensionierter sicher aus einem Aktien-Anleihen-Portfolio entnehmen, ohne dass das Geld in seiner Lebenszeit ausgeht? Bengen testete jedes 30-Jahres-Fenster von 1926 bis 1976 mit historischen US-Marktdaten. Seine Antwort: 4% des Anfangsvermögens im ersten Jahr, danach jährlich inflationsangepasst — und das Geld reichte in jedem getesteten 30-Jahres-Fenster.
1998 verifizierten drei Professoren der Trinity University die Berechnungen mit erweitertem Datenmaterial. Die «Trinity Study» bestätigte: bei einem 50/50 oder 60/40 Aktien-Anleihen-Portfolio überlebte das Kapital in 95%+ der historischen 30-Jahres-Fenster mit einer 4%-Entnahmerate. Die Studie wurde mehrfach aktualisiert, zuletzt 2011 mit Daten bis 2009 — die Schlussfolgerung blieb stabil.
So entstand die «4%-Regel»: einfach, robust, breit zitiert. Die FIRE-Bewegung (Financial Independence, Retire Early) übernahm sie als Goldstandard. Aus der US-Faustregel wurde global das Standardmass für Pensionierungs-Vermögen.
Die mathematische Idee dahinter: bei einem langfristigen realen Portfolio-Return von ca. 5-6% pro Jahr (nominal 7-8%, abzüglich 2-3% Inflation) und einer Entnahme von 4% reicht die Substanz statistisch praktisch sicher 30 Jahre — meistens sogar deutlich länger. In rund 50% der historischen Fenster wuchs das Vermögen sogar während der Verzehrphase.
Die Trinity-Study basiert auf US-Daten — und die Schweizer Realität ist in fünf wichtigen Punkten anders. Manche davon sprechen für eine niedrigere Entnahmerate, manche für eine höhere. Das Nettoergebnis macht sie aber zu einer eigenständigen Schweizer Rechnung.
Die Schweizer AHV zahlt eine reale Volksrente von bis zu CHF 30'240 jährlich für Einzelpersonen, CHF 45'360 für Ehepaare (Stand Dezember 2026 inkl. 13. AHV-Rente). Die US Social Security ist wesentlich variabler und langfristig politisch unsicher. Für Schweizer Pensionierte bedeutet das: ein Grossteil der Grundkosten ist abgedeckt, das Wertschriften-Vermögen muss nicht für alles herhalten. Diese Sicherheit erlaubt tendenziell höhere Aktienquoten und Entnahmen aus dem Vermögensteil — du musst weniger Risiko-aversiv kalkulieren.
Die durchschnittliche Schweizer Inflation lag 1995-2024 bei rund 0.8% pro Jahr. Die US-Inflation im selben Zeitraum bei rund 2.5%. Diese Differenz wirkt sich erheblich auf die nominale Anpassung der Entnahme aus. Bei einer 4%-Startentnahme von CHF 20'000 verlangt eine 2%-Inflation nach 20 Jahren CHF 29'700. Bei 1% Schweizer Inflation nur CHF 24'400. Die niedrigere Inflation entlastet dein Portfolio — du brauchst weniger Vermögen für dieselbe Lebenshaltung.
Schweizer haben mit Abstand eine der höchsten Lebenserwartungen weltweit. Eine 65-jährige Schweizerin lebt statistisch weitere 22 Jahre, ein Mann 20 Jahre. Das Vermögen muss also nicht 30, sondern eher 25-35 Jahre reichen. Wer mit 65 in Pension geht und 90 wird, braucht eine konservativere Entnahmerate. Die klassische Trinity-Study testet 30 Jahre — bei längeren Horizonten sinkt die «sichere» Rate auf 3.5% oder 3.2%.
Schweizer Privatanleger zahlen keine Kapitalgewinnsteuer auf realisierte Wertschriften-Gewinne. In den USA werden langfristige Kapitalgewinne mit 15-20% besteuert. Das verändert die Entnahme-Mathematik fundamental: ein US-Pensionierter muss aus jedem realisierten Gewinn ca. 15% an die Steuer abgeben — ein Schweizer behält 100%. Effektiv kann ein Schweizer mit derselben Nettoentnahme eine niedrigere Bruttorate fahren — oder umgekehrt bei gleicher Bruttorate mehr Nettoausgaben haben.
Der Schweizer Franken hat über die letzten 30 Jahre real gegenüber USD, EUR und GBP aufgewertet. Das macht Importgüter (Auto, Elektronik, Reisen) günstiger — die effektive Kaufkraft der Schweizer Rente steigt langsam relativ zum Ausland. Zudem ist der Schweizer Aktienmarkt (SMI) historisch defensiver als der S&P 500 — niedrigere Volatilität, höhere Dividendenrendite, dominiert von Quality-Unternehmen wie Nestlé, Roche, Novartis. Das alleine ändert die 4%-Regel nicht, aber es macht ein global diversifiziertes Portfolio mit Schweizer Anteil weniger volatil als ein reines US-Portfolio.
Wenn man die 5 Schweizer Spezifika sauber durchrechnet, ergibt sich folgende Bandbreite:
| Profil | Empfohlene Entnahmerate | Begründung |
|---|---|---|
| Pensionierung mit 65, Lebenserwartung 85-90, Vermögen soll erhalten bleiben | 3.0-3.3% | Konservativ, vererbungs-orientiert |
| Pensionierung mit 65, Lebenserwartung 85, Vermögen darf aufgezehrt werden | 3.5-4.0% | Klassische Schweizer Trinity-Anpassung |
| Pensionierung mit 60-62 (Frühpensionierung), 30+ Jahre Horizont | 3.0-3.5% | Längere Verzehrphase |
| FIRE mit 45-50, 40+ Jahre Horizont | 2.8-3.2% | Sehr lange Verzehrphase, vor AHV |
| Späte Pensionierung mit 70, kurzer Horizont | 4.5-5.0% | Kürzere Verzehrphase, höhere Entnahme tolerierbar |
Die Faustregel «3.5% in der Schweiz» ist ein guter Mittelweg für die meisten Pensionierten zwischen 60 und 65. Wer das Vermögen vererben will, geht eher auf 3.0%. Wer es aufzehren will und gesund ist, kann auf 4% gehen.
Der Schweizer Vorteil: die niedrigere Entnahmerate klingt erstmal nach Verzicht. Aber sie wird durch die verlässliche AHV-Basis mehr als kompensiert. Ein US-Pensionierter mit CHF 500'000 muss seine ganze Lebenshaltung daraus finanzieren. Ein Schweizer Pensionierter mit gleichem Vermögen hat zusätzlich CHF 25-45'000 AHV. Effektiv hat er also mehr verfügbares Einkommen bei niedrigerer Vermögensentnahme.
Frau Meier ist 65, gerade pensioniert. Sie hat:
Garantiertes Einkommen aus AHV + PK: CHF 39'000. Lücke aus Vermögen: CHF 21'000/Jahr. Auf CHF 500'000 Vermögen sind das 4.2% Entnahmerate. Knapp über der klassischen Schweizer 3.5%-Empfehlung — aber nicht panisch.
Frau Meier entnimmt jedes Jahr inflationsangepasst CHF 21'000, dann CHF 21'210, CHF 21'422, etc. Bei einer Netto-Realrendite von 4% wächst ihr Kapital trotzdem leicht.
Vermögen mit 75: ~CHF 510'000 (real ~CHF 460'000)
Vermögen mit 85: ~CHF 510'000 (real ~CHF 415'000)
Reicht bis: 95+ — substantieller Erbschafts-Bestand
Stell dir vor, die ersten 5 Jahre nach Pensionierung bringen 0% Rendite (Marktphasen wie 2000-2005). Frau Meier entnimmt trotzdem CHF 21'000 pro Jahr.
Vermögen nach 5 Jahren: ~CHF 395'000 (CHF 105'000 weniger)
Danach normale 4%-Renditen über 20 Jahre. Endvermögen mit 90: ~CHF 380'000.
Reicht immer noch — aber der Puffer für die letzten 5 Jahre wird knapp. Hier zeigt sich das Sequence-of-Returns-Risiko in der Praxis.
Lücke deckt sich nicht zu 100% aus Vermögen — Frau Meier passt Lebensstil leicht an (CHF 56'500 statt CHF 60'000 Brutto).
Vermögen mit 85: ~CHF 580'000 (real ~CHF 470'000)
Reicht bis: 100+ — Erbschafts-Reserve hoch
Diese Variante bietet die psychologische Sicherheit: auch bei einer schweren Marktkrise muss Frau Meier nicht angstvoll die Entnahme kürzen.
Der arvy Zinseszins-Rechner simuliert Entnahmen über 20-40 Jahre mit verschiedenen Renditen und Inflationsannahmen. Du siehst sofort, wie robust deine Strategie ist.
Zum Rechner →Das Sequence-of-Returns-Risiko (oft auf Englisch belassen) beschreibt einen mathematisch eleganten, aber psychologisch unangenehmen Effekt: die Reihenfolge der Renditen in den ersten 5-10 Pensionierungsjahren ist disproportional wichtig. Selbst wenn deine durchschnittliche Rendite über 30 Jahre 5% beträgt — entscheidend ist, ob du die schlechten Jahre am Anfang oder am Ende hattest.
| Szenario | Durchschnittliche Rendite | Endvermögen nach 30 Jahren |
|---|---|---|
| Gleichmässige 5% jedes Jahr | 5% | CHF 1.05 Mio |
| Erste 5 Jahre -5%, danach 7% | 5% | CHF 380'000 (-64%!) |
| Erste 5 Jahre +12%, danach 4% | 5% | CHF 1.50 Mio (+43%) |
Drei Szenarien, dieselbe durchschnittliche Rendite, drei sehr verschiedene Ergebnisse. Der Grund: Entnahmen aus einem fallenden Portfolio sind irreversibel. Wer in einem Crash-Jahr CHF 20'000 entnimmt, hat einen grösseren prozentualen Anteil entnommen als gedacht — und kann den Verlust später nicht aufholen, weil das Geld bereits weg ist.
Praktische Folge: die «statische» 4%-Regel ist eine Annäherung. In der Realität sollten Pensionierte flexibel sein — bei schlechten Märkten sparsamer, bei guten grosszügiger. Das erhöht die nachhaltige Entnahmerate de facto um 0.3-0.5 Prozentpunkte. Wer also flexibel ist, kann statt 3.5% durchaus 4% wagen.
Statt einem festen Frankenbetrag jedes Jahr entnimmst du einen festen Prozentsatz vom aktuellen Vermögen — z.B. 4% pro Jahr. Bei guten Märkten wächst die Entnahme automatisch, bei schlechten schrumpft sie.
Das Vermögen wird in 3 «Buckets» aufgeteilt:
Entnommen wird immer aus Bucket 1. Wenn Aktien gut laufen, wird Bucket 1 aus Bucket 3 aufgefüllt. Bei Marktrückgang aus Bucket 2.
Du etablierst einen «Floor» (sicheres Mindesteinkommen) und investierst den Rest mit Wachstums-Fokus.
Die FIRE-Bewegung (Financial Independence, Retire Early) übernimmt die 4%-Regel direkt aus den USA — was in der Schweizer Anwendung problematisch ist. Drei Gründe:
Realistische Schweizer FIRE-Mathematik:
| FIRE-Alter | Empfohlene Entnahmerate | Vermögen für CHF 50'000/Jahr |
|---|---|---|
| 45 (40+ Jahre Horizont) | 2.8-3.0% | CHF 1.67-1.79 Mio |
| 50 (35+ Jahre Horizont) | 3.0-3.3% | CHF 1.50-1.67 Mio |
| 55 (30+ Jahre Horizont) | 3.3-3.6% | CHF 1.39-1.50 Mio |
| 60 (25+ Jahre Horizont) | 3.5-4.0% | CHF 1.25-1.43 Mio |
Für tiefere Analyse zu FIRE in der Schweiz: FIRE Schweiz Guide.
Die zentrale Erkenntnis: Die 4%-Regel ist eine nützliche Faustregel, aber kein Naturgesetz. Für Schweizer Pensionierte liegt die nachhaltige Entnahmerate eher bei 3.5% — kompensiert durch die verlässliche AHV-Basis. Wer flexibel ist und in schlechten Marktjahren weniger entnehmen kann, kann näher an die 4% gehen. Wer das Vermögen vererben will oder mit 50 FIRE-Pensionierung anstrebt, sollte näher an 3% bleiben. Wichtiger als die exakte Prozentzahl ist die Flexibilität der Strategie und der Schutz vor Sequence-of-Returns-Risiken in den ersten 5 Jahren.
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