Die 4%-Regel in der Schweiz: Wie viel kannst du wirklich entnehmen?

April 6, 2026 10 Minuten Lesezeit
Pensionierung · Withdrawal-Strategie

Die 4%-Regel in der Schweiz: Wie viel kannst du wirklich entnehmen?

Von Thierry Borgeat, CFA & Co-Founder · Geprüft von Patrick Rissi, CFA und Florian Jauch, CFA · Stand Mai 2026 · 11 Minuten Lesezeit

Die «4%-Regel» ist die berühmteste Faustregel der Pensionierungs-Planung. Bei einem Anfangsvermögen von CHF 500'000 darfst du im ersten Jahr CHF 20'000 entnehmen — und über 30 Jahre wird das Geld reichen. So einfach klingt das. Nur: die Regel stammt aus den USA. Aus einer anderen Marktrealität, mit anderen Steuern, einer anderen Lebenserwartung und einer anderen Sozialversicherung. In Schweizer Finanz-Foren wird sie trotzdem als universelle Wahrheit zitiert. Dieser Artikel rückt das gerade. Wir zeigen dir, woher die 4%-Regel kommt, in welchen 5 fundamentalen Punkten sich die Schweizer Realität unterscheidet, und wie deine realistische Schweizer Entnahmerate aussieht — mit konkretem Beispiel und drei alternativen Withdrawal-Strategien.

3.5%
Realistische CH-Entnahmerate (statt 4%)
22 Jahre
Restlebenserwartung CH mit 65 (Frauen)
CHF 30'240
Max. AHV-Einzelrente p.a. ab 12/2026

Woher die 4%-Regel kommt — Bengen und die Trinity-Study

1994 veröffentlichte der amerikanische Finanzberater William Bengen eine Studie im Journal of Financial Planning. Seine Frage: wie viel kann ein Pensionierter sicher aus einem Aktien-Anleihen-Portfolio entnehmen, ohne dass das Geld in seiner Lebenszeit ausgeht? Bengen testete jedes 30-Jahres-Fenster von 1926 bis 1976 mit historischen US-Marktdaten. Seine Antwort: 4% des Anfangsvermögens im ersten Jahr, danach jährlich inflationsangepasst — und das Geld reichte in jedem getesteten 30-Jahres-Fenster.

1998 verifizierten drei Professoren der Trinity University die Berechnungen mit erweitertem Datenmaterial. Die «Trinity Study» bestätigte: bei einem 50/50 oder 60/40 Aktien-Anleihen-Portfolio überlebte das Kapital in 95%+ der historischen 30-Jahres-Fenster mit einer 4%-Entnahmerate. Die Studie wurde mehrfach aktualisiert, zuletzt 2011 mit Daten bis 2009 — die Schlussfolgerung blieb stabil.

So entstand die «4%-Regel»: einfach, robust, breit zitiert. Die FIRE-Bewegung (Financial Independence, Retire Early) übernahm sie als Goldstandard. Aus der US-Faustregel wurde global das Standardmass für Pensionierungs-Vermögen.

Die mathematische Idee dahinter: bei einem langfristigen realen Portfolio-Return von ca. 5-6% pro Jahr (nominal 7-8%, abzüglich 2-3% Inflation) und einer Entnahme von 4% reicht die Substanz statistisch praktisch sicher 30 Jahre — meistens sogar deutlich länger. In rund 50% der historischen Fenster wuchs das Vermögen sogar während der Verzehrphase.

Die 5 Gründe, warum sie in der Schweiz nicht 1:1 funktioniert

Die Trinity-Study basiert auf US-Daten — und die Schweizer Realität ist in fünf wichtigen Punkten anders. Manche davon sprechen für eine niedrigere Entnahmerate, manche für eine höhere. Das Nettoergebnis macht sie aber zu einer eigenständigen Schweizer Rechnung.

Unterschied 1

AHV als verlässlicher Rentensockel

Die Schweizer AHV zahlt eine reale Volksrente von bis zu CHF 30'240 jährlich für Einzelpersonen, CHF 45'360 für Ehepaare (Stand Dezember 2026 inkl. 13. AHV-Rente). Die US Social Security ist wesentlich variabler und langfristig politisch unsicher. Für Schweizer Pensionierte bedeutet das: ein Grossteil der Grundkosten ist abgedeckt, das Wertschriften-Vermögen muss nicht für alles herhalten. Diese Sicherheit erlaubt tendenziell höhere Aktienquoten und Entnahmen aus dem Vermögensteil — du musst weniger Risiko-aversiv kalkulieren.

Unterschied 2

Tiefere historische Inflation

Die durchschnittliche Schweizer Inflation lag 1995-2024 bei rund 0.8% pro Jahr. Die US-Inflation im selben Zeitraum bei rund 2.5%. Diese Differenz wirkt sich erheblich auf die nominale Anpassung der Entnahme aus. Bei einer 4%-Startentnahme von CHF 20'000 verlangt eine 2%-Inflation nach 20 Jahren CHF 29'700. Bei 1% Schweizer Inflation nur CHF 24'400. Die niedrigere Inflation entlastet dein Portfolio — du brauchst weniger Vermögen für dieselbe Lebenshaltung.

Unterschied 3

Höhere Lebenserwartung

Schweizer haben mit Abstand eine der höchsten Lebenserwartungen weltweit. Eine 65-jährige Schweizerin lebt statistisch weitere 22 Jahre, ein Mann 20 Jahre. Das Vermögen muss also nicht 30, sondern eher 25-35 Jahre reichen. Wer mit 65 in Pension geht und 90 wird, braucht eine konservativere Entnahmerate. Die klassische Trinity-Study testet 30 Jahre — bei längeren Horizonten sinkt die «sichere» Rate auf 3.5% oder 3.2%.

Unterschied 4

Steuerfreie Kapitalgewinne für Privatpersonen

Schweizer Privatanleger zahlen keine Kapitalgewinnsteuer auf realisierte Wertschriften-Gewinne. In den USA werden langfristige Kapitalgewinne mit 15-20% besteuert. Das verändert die Entnahme-Mathematik fundamental: ein US-Pensionierter muss aus jedem realisierten Gewinn ca. 15% an die Steuer abgeben — ein Schweizer behält 100%. Effektiv kann ein Schweizer mit derselben Nettoentnahme eine niedrigere Bruttorate fahren — oder umgekehrt bei gleicher Bruttorate mehr Nettoausgaben haben.

Unterschied 5

CHF-Aufwertung und Schweizer Aktienmarkt

Der Schweizer Franken hat über die letzten 30 Jahre real gegenüber USD, EUR und GBP aufgewertet. Das macht Importgüter (Auto, Elektronik, Reisen) günstiger — die effektive Kaufkraft der Schweizer Rente steigt langsam relativ zum Ausland. Zudem ist der Schweizer Aktienmarkt (SMI) historisch defensiver als der S&P 500 — niedrigere Volatilität, höhere Dividendenrendite, dominiert von Quality-Unternehmen wie Nestlé, Roche, Novartis. Das alleine ändert die 4%-Regel nicht, aber es macht ein global diversifiziertes Portfolio mit Schweizer Anteil weniger volatil als ein reines US-Portfolio.

Die realistische Schweizer Entnahmerate

Wenn man die 5 Schweizer Spezifika sauber durchrechnet, ergibt sich folgende Bandbreite:

ProfilEmpfohlene EntnahmerateBegründung
Pensionierung mit 65, Lebenserwartung 85-90, Vermögen soll erhalten bleiben3.0-3.3%Konservativ, vererbungs-orientiert
Pensionierung mit 65, Lebenserwartung 85, Vermögen darf aufgezehrt werden3.5-4.0%Klassische Schweizer Trinity-Anpassung
Pensionierung mit 60-62 (Frühpensionierung), 30+ Jahre Horizont3.0-3.5%Längere Verzehrphase
FIRE mit 45-50, 40+ Jahre Horizont2.8-3.2%Sehr lange Verzehrphase, vor AHV
Späte Pensionierung mit 70, kurzer Horizont4.5-5.0%Kürzere Verzehrphase, höhere Entnahme tolerierbar

Die Faustregel «3.5% in der Schweiz» ist ein guter Mittelweg für die meisten Pensionierten zwischen 60 und 65. Wer das Vermögen vererben will, geht eher auf 3.0%. Wer es aufzehren will und gesund ist, kann auf 4% gehen.

Der Schweizer Vorteil: die niedrigere Entnahmerate klingt erstmal nach Verzicht. Aber sie wird durch die verlässliche AHV-Basis mehr als kompensiert. Ein US-Pensionierter mit CHF 500'000 muss seine ganze Lebenshaltung daraus finanzieren. Ein Schweizer Pensionierter mit gleichem Vermögen hat zusätzlich CHF 25-45'000 AHV. Effektiv hat er also mehr verfügbares Einkommen bei niedrigerer Vermögensentnahme.

Konkretes Beispiel: Frau Meier mit CHF 500'000

Frau Meier ist 65, gerade pensioniert. Sie hat:

  • AHV-Rente: CHF 27'000/Jahr (knapp unter Maximum)
  • PK-Rente (Restbetrag nach 50% Kapitalbezug): CHF 12'000/Jahr
  • Vermögen aus PK-Bezug + freiem Sparen: CHF 500'000
  • Wohnsitz: Zürich, Eigentumswohnung amortisiert
  • Lebenshaltungs-Bedarf brutto: CHF 60'000/Jahr

Garantiertes Einkommen aus AHV + PK: CHF 39'000. Lücke aus Vermögen: CHF 21'000/Jahr. Auf CHF 500'000 Vermögen sind das 4.2% Entnahmerate. Knapp über der klassischen Schweizer 3.5%-Empfehlung — aber nicht panisch.

Klassische Trinity-Test-Berechnung

4.2% Entnahme, 60% Aktien / 40% Anleihen, 1% Inflation, 5% Rendite

Frau Meier entnimmt jedes Jahr inflationsangepasst CHF 21'000, dann CHF 21'210, CHF 21'422, etc. Bei einer Netto-Realrendite von 4% wächst ihr Kapital trotzdem leicht.

Vermögen mit 75: ~CHF 510'000 (real ~CHF 460'000)

Vermögen mit 85: ~CHF 510'000 (real ~CHF 415'000)

Reicht bis: 95+ — substantieller Erbschafts-Bestand

Stress-Test: Schwacher Start

Was wenn die Märkte in den ersten 5 Jahren stagnieren?

Stell dir vor, die ersten 5 Jahre nach Pensionierung bringen 0% Rendite (Marktphasen wie 2000-2005). Frau Meier entnimmt trotzdem CHF 21'000 pro Jahr.

Vermögen nach 5 Jahren: ~CHF 395'000 (CHF 105'000 weniger)

Danach normale 4%-Renditen über 20 Jahre. Endvermögen mit 90: ~CHF 380'000.

Reicht immer noch — aber der Puffer für die letzten 5 Jahre wird knapp. Hier zeigt sich das Sequence-of-Returns-Risiko in der Praxis.

Konservative Variante mit 3.5%

Frau Meier reduziert ihre Entnahme auf 3.5% (CHF 17'500/Jahr)

Lücke deckt sich nicht zu 100% aus Vermögen — Frau Meier passt Lebensstil leicht an (CHF 56'500 statt CHF 60'000 Brutto).

Vermögen mit 85: ~CHF 580'000 (real ~CHF 470'000)

Reicht bis: 100+ — Erbschafts-Reserve hoch

Diese Variante bietet die psychologische Sicherheit: auch bei einer schweren Marktkrise muss Frau Meier nicht angstvoll die Entnahme kürzen.

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Sequence-of-Returns-Risiko — der unterschätzte Killer

Das Sequence-of-Returns-Risiko (oft auf Englisch belassen) beschreibt einen mathematisch eleganten, aber psychologisch unangenehmen Effekt: die Reihenfolge der Renditen in den ersten 5-10 Pensionierungsjahren ist disproportional wichtig. Selbst wenn deine durchschnittliche Rendite über 30 Jahre 5% beträgt — entscheidend ist, ob du die schlechten Jahre am Anfang oder am Ende hattest.

SzenarioDurchschnittliche RenditeEndvermögen nach 30 Jahren
Gleichmässige 5% jedes Jahr5%CHF 1.05 Mio
Erste 5 Jahre -5%, danach 7%5%CHF 380'000 (-64%!)
Erste 5 Jahre +12%, danach 4%5%CHF 1.50 Mio (+43%)

Drei Szenarien, dieselbe durchschnittliche Rendite, drei sehr verschiedene Ergebnisse. Der Grund: Entnahmen aus einem fallenden Portfolio sind irreversibel. Wer in einem Crash-Jahr CHF 20'000 entnimmt, hat einen grösseren prozentualen Anteil entnommen als gedacht — und kann den Verlust später nicht aufholen, weil das Geld bereits weg ist.

Drei Schutz-Strategien

  1. Liquiditätspuffer in den ersten 5 Jahren: 2-3 Jahresentnahmen in Cash/Geldmarkt halten. Bei Marktrückgang wird daraus entnommen, nicht aus dem Aktienteil.
  2. Defensivere Allokation kurz vor und nach Pensionierung: in den 2 Jahren vor und 5 Jahren nach Pensionierung Aktienanteil reduzieren (60% statt 70%).
  3. Dynamische Entnahme («Guardrails»): bei einem Marktrückgang von >20% die Entnahme um 10-20% kürzen für 1-2 Jahre. Das gibt dem Portfolio Zeit zur Erholung.

Praktische Folge: die «statische» 4%-Regel ist eine Annäherung. In der Realität sollten Pensionierte flexibel sein — bei schlechten Märkten sparsamer, bei guten grosszügiger. Das erhöht die nachhaltige Entnahmerate de facto um 0.3-0.5 Prozentpunkte. Wer also flexibel ist, kann statt 3.5% durchaus 4% wagen.

Drei Alternativen zur starren 4%-Regel

Alternative 1 — Dynamische Entnahme (Variable Percentage Withdrawal)

Statt einem festen Frankenbetrag jedes Jahr entnimmst du einen festen Prozentsatz vom aktuellen Vermögen — z.B. 4% pro Jahr. Bei guten Märkten wächst die Entnahme automatisch, bei schlechten schrumpft sie.

  • Vorteil: Kapital läuft nie aus, mathematisch unmöglich
  • Nachteil: unsicheres Jahres-Einkommen, planungstechnisch schwierig
  • Geeignet für: Pensionierte mit flexiblem Lebensstil und AHV/PK-Basis-Sicherung

Alternative 2 — Bucket-Strategie

Das Vermögen wird in 3 «Buckets» aufgeteilt:

  • Bucket 1 (Cash): 2-3 Jahresentnahmen, sofort verfügbar
  • Bucket 2 (Anleihen): weitere 5-7 Jahresentnahmen, mittelfristig
  • Bucket 3 (Aktien): Rest, langfristig 10+ Jahre Horizont

Entnommen wird immer aus Bucket 1. Wenn Aktien gut laufen, wird Bucket 1 aus Bucket 3 aufgefüllt. Bei Marktrückgang aus Bucket 2.

  • Vorteil: psychologisch robust — du schaust nicht panisch auf den Aktien-Bucket
  • Nachteil: etwas mehr administrativer Aufwand, leichte Performance-Einbusse durch höhere Cash-Quote
  • Geeignet für: die meisten Schweizer Pensionierten — die emotional robusteste Variante

Alternative 3 — Floor-and-Upside

Du etablierst einen «Floor» (sicheres Mindesteinkommen) und investierst den Rest mit Wachstums-Fokus.

  • Floor: AHV + PK-Rente + ggf. Annuität → garantiertes Grundeinkommen
  • Upside: Wertschriften-Portfolio mit höherem Aktienanteil — die Entnahme variiert nach Marktphase
  • Vorteil: Sicherheit für Grundbedürfnisse, Wachstum für Komfort/Vererbung
  • Nachteil: Annuitäten können teuer sein, Floor-Strategie braucht Planung
  • Geeignet für: Pensionierte mit hohem Sicherheitsbedürfnis und vorhandener Rentenstruktur

Spezialfall: FIRE in der Schweiz

Die FIRE-Bewegung (Financial Independence, Retire Early) übernimmt die 4%-Regel direkt aus den USA — was in der Schweizer Anwendung problematisch ist. Drei Gründe:

  1. Längere Verzehrphase: wer mit 50 in Pension geht, plant 40+ Jahre Verzehr. Die 4%-Regel wurde für 30 Jahre validiert. Bei 40+ Jahren sinkt die «sichere» Rate auf 3.0-3.3%.
  2. Keine AHV vor 65: in der Schweiz beginnt die AHV-Rente frühestens mit 63 (Frühbezug) bzw. 65. Vor diesem Alter muss das gesamte Einkommen aus dem Vermögen kommen — keine Krücke wie US Social Security ab 62.
  3. Krankenkassen-Belastung: wer früh aufhört zu arbeiten, zahlt weiter Krankenkasse — in der Schweiz fix ca. CHF 4-6'000 pro Jahr und Person, unabhängig vom Einkommen. Das frisst signifikant ins FIRE-Budget.

Realistische Schweizer FIRE-Mathematik:

FIRE-AlterEmpfohlene EntnahmerateVermögen für CHF 50'000/Jahr
45 (40+ Jahre Horizont)2.8-3.0%CHF 1.67-1.79 Mio
50 (35+ Jahre Horizont)3.0-3.3%CHF 1.50-1.67 Mio
55 (30+ Jahre Horizont)3.3-3.6%CHF 1.39-1.50 Mio
60 (25+ Jahre Horizont)3.5-4.0%CHF 1.25-1.43 Mio

Für tiefere Analyse zu FIRE in der Schweiz: FIRE Schweiz Guide.

Checklist: Deine eigene Entnahmerate finden

Schritt 1: Basis-Inventar
  • Erwartete AHV-Rente (Konto-Auszug aktualisiert)
  • PK-Rente bei gewähltem Bezugsmodus (Rente/Kapital/Misch)
  • Weiteres Einkommen (Mieten, Lizenzen, Halbtagsjob)
  • Total «garantiertes» jährliches Einkommen
Schritt 2: Lebenshaltung schätzen
  • Ist-Lebenshaltung der letzten 3 Jahre (aus Kontoauszug, abzüglich Sparen)
  • Wegfallende Kosten (Berufsweg, Berufskleidung, BVG-Beiträge)
  • Neue Kosten (mehr Freizeit, Reisen, Gesundheit)
  • Ziel-Lebenshaltung nach Pensionierung
Schritt 3: Lücke berechnen
  • Ziel-Lebenshaltung minus garantiertes Einkommen = Vermögens-Entnahme
  • Vermögens-Entnahme / Vermögen = Entnahmerate
  • Liegt sie unter 3.5%? → komfortabel
  • 3.5-4.5%? → grenzwertig, dynamische Strategie erforderlich
  • Über 4.5%? → Lebenshaltung anpassen oder länger arbeiten
Schritt 4: Stress-Tests
  • Was wenn die Märkte in den ersten 5 Jahren -20% machen?
  • Was wenn die Inflation für 5 Jahre 4% beträgt?
  • Was wenn Pflegekosten ab 80 anfallen (CHF 80-150k/Jahr)?
  • Halbjährlich überprüfen: passt die Realität noch zum Plan?

Die zentrale Erkenntnis: Die 4%-Regel ist eine nützliche Faustregel, aber kein Naturgesetz. Für Schweizer Pensionierte liegt die nachhaltige Entnahmerate eher bei 3.5% — kompensiert durch die verlässliche AHV-Basis. Wer flexibel ist und in schlechten Marktjahren weniger entnehmen kann, kann näher an die 4% gehen. Wer das Vermögen vererben will oder mit 50 FIRE-Pensionierung anstrebt, sollte näher an 3% bleiben. Wichtiger als die exakte Prozentzahl ist die Flexibilität der Strategie und der Schutz vor Sequence-of-Returns-Risiken in den ersten 5 Jahren.

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Häufige Fragen

Was ist die 4%-Regel überhaupt?
Eine US-Pensionierungs-Faustregel von 1994 (Bengen) und 1998 (Trinity Study). Im 1. Jahr 4% des Anfangsvermögens entnehmen, dann inflationsangepasst weiterführen — historisch reichte das in jedem 30-Jahres-Fenster mit 50/50-Portfolio.
Funktioniert die 4%-Regel in der Schweiz?
Nicht 1:1. Die Schweizer Realität ist anders: stärkere AHV-Basis, tiefere Inflation, höhere Lebenserwartung, steuerfreie Kapitalgewinne, CHF-Aufwertung. Realistisch sind 3.5% — dafür reicht das verfügbare AHV-Einkommen weiter.
Wie viel kann ich als Schweizer Pensionierter wirklich entnehmen?
3-4% des Anfangsvermögens je nach Profil. CHF 500'000 → CHF 15-20'000/Jahr zusätzlich zu AHV/PK. Vermögen erhalten: 3%. Vermögen aufzehren bei gutem Lebensstandard: 4%. FIRE mit 40+ Jahren: 2.8-3.0%.
Was ist das Sequence-of-Returns-Risiko?
Die ersten 5-10 Jahre nach Pensionierung sind disproportional wichtig. Schlechte Renditen am Anfang können das Vermögen irreversibel beschädigen — Entnahmen aus fallendem Portfolio sind nicht aufholbar. Schutz: Liquiditätspuffer, defensivere Allokation, dynamische Entnahme.
Welche Alternativen zur 4%-Regel gibt es?
Drei: Dynamische Entnahme (Prozentsatz statt Frankenbetrag), Bucket-Strategie (Cash/Anleihen/Aktien-Buckets), Floor-and-Upside (Renten-Floor plus Wachstums-Portfolio). Bucket-Strategie für die meisten psychologisch am robustesten.
Wie wirkt die AHV auf meine Entnahmerate?
CHF 30'240 maximale Einzelrente, CHF 45'360 Ehepaar (ab 12/2026 inkl. 13. AHV). Deckt für viele Pensionierte die Grundkosten. Vermögen muss nur die «Lücke» plus Komfort decken → tiefere benötigte Entnahmerate als in den USA.
Ist die 4%-Regel für FIRE in der Schweiz nutzbar?
Zu optimistisch — FIRE-Verzehrphase 40-50 Jahre statt 30. Realistisch 2.8-3.3%. Aber: Hürde absolut tiefer, weil AHV ab 65 einsetzt. Für CHF 30'000/Jahr ab 50 brauchst du ca. CHF 1 Mio Vermögen.
Was passiert bei hoher Inflation mit meiner Entnahme?
Die 4%-Regel sieht inflationsangepasste Anhebung vor. CH-Inflation historisch tief (~1%), entlastet Portfolio. Hohe Inflation trifft Rente schwerer als Wertschriften — Aktien sind langfristig bester Inflationsschutz.

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Dieser Artikel wurde von Thierry Borgeat, CFA & Co-Founder von arvy, verfasst und von Patrick Rissi, CFA, und Florian Jauch, CFA, geprüft. Stand: Mai 2026.

Disclaimer: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und stellt keine persönliche Anlageberatung dar. Alle Rechenbeispiele basieren auf historischen Daten und Annahmen — vergangene Performance ist kein Indikator für zukünftige Ergebnisse. Die Trinity-Study und Bengen-Forschung wurden auf US-Marktdaten kalibriert; Schweizer Anwendungen sind Adaptionen, keine validierten Studien. Persönliche Steuer-, Vorsorge- und Anlagesituation variiert stark — für individuelle Entnahmeplanung empfehlen wir die Konsultation eines unabhängigen Beraters. AHV-Beträge entsprechen Stand 2026 (inkl. 13. AHV-Rente ab Dezember 2026). arvy ist ein von der FINMA beaufsichtigter Vermögensverwalter (KAG-Lizenz nach Art. 24). Impressum & Rechtliche Hinweise