Buy the Dip vs. Dollar Cost Averaging (Sparplan). Was ist besser?


Der letzte Artikel über Market-Timing, den du jemals lesen musst. Mit 100 Jahren Daten untermauert.
Stell dir vor, du hättest eine Kristallkugel. Du wüsstest genau, wann jeder Crash kommt. Du kaufst immer am absoluten Tiefpunkt. Perfektes Timing. Jedes einzelne Mal.
Würdest du damit einen simplen, langweiligen monatlichen Sparplan schlagen?
Die Antwort — untermauert mit 100 Jahren US-Marktdaten — lautet: nein. In rund 70% aller rollierenden 40-Jahres-Zeiträume verliert selbst ein allwissender «Buy the Dip»-Investor gegen jemanden, der einfach jeden Monat denselben Betrag investiert und den Markt komplett ignoriert.
Diese Erkenntnis stammt von Nick Maggiulli, Autor des Buchs Just Keep Buying, der die Zahlen durchgerechnet und in seinem inzwischen berühmten Artikel «Even God Couldn't Beat Dollar-Cost Averaging» veröffentlicht hat. Wir gehen gemeinsam durch, warum — und was das für dein eigenes Geld bedeutet.
Maggiullis Gedankenexperiment ist elegant. Zwei Anleger, gleicher Startpunkt, gleicher monatlicher Betrag, 40 Jahre US-Aktienmarkt-Historie. Der einzige Unterschied: wann sie kaufen.
Strategie 1: Sparplan (DCA)
Investiere USD 100 jeden Monat. Egal was. Egal wo der Markt steht. 40 Jahre lang.
Kein Timing nötig
Strategie 2: Buy the Dip
Spare USD 100/Monat in Cash. Kaufe nur, wenn der Markt unter dem Allzeithoch liegt. Und — der Clou — du bist allwissend. Du triffst immer den absoluten Tiefpunkt.
Benötigt göttliche Weitsicht
Die Hypothese scheint offensichtlich: Ein allwissender Dip-Käufer muss besser sein. Er kauft ja immer am Tiefpunkt. Wie könnte er gegen jemanden verlieren, der zu zufälligen Preisen jeden Monat kauft?
In rund 70% der rollierenden 40-Jahres-Zeiträume zwischen 1920 und 2018 schlug der simple Sparplan die allwissende Buy-the-Dip-Strategie. Selbst Gott mit perfekter Weitsicht konnte einen Anleger nicht konsistent schlagen, der einfach jeden Monat aufgetaucht ist.
Es klingt unmöglich. Wie kann immer am Tiefpunkt kaufen gegen zufällige Preise jeden Monat verlieren? Es gibt drei klare Gründe.
Grosse Crashs — die einzigen Momente, in denen Buy the Dip einen echten Vorteil hat — sind seltene Ereignisse. Der Markt verbringt die meiste Zeit am oder nahe am Allzeithoch. Zwischen grossen Crashs können Jahre vergehen, ohne dass ein nennenswerter Dip stattfindet. Was macht der Dip-Käufer in dieser Zeit? Er wartet. Sein Cash liegt auf dem Sparkonto und verdient 1–2%, während das Geld des DCA-Anlegers bereits mit 7% arbeitet.
Stell dir vor, du sparst CHF 1'000/Monat, aber wartest 3 Jahre auf einen Dip. Dein Cash-Spargeld wächst bei ~1% Zins auf rund CHF 36'500. Der DCA-Anleger hingegen investiert denselben Betrag direkt in den Markt — der bei 7% auf rund CHF 39'900 wächst. Du startest deinen perfekten Dip-Kauf bereits mit CHF 3'400 Rückstand — und der Dip muss dich erst aus diesem Loch rausbringen, bevor du überhaupt anfängst zu gewinnen.
Zinseszins belohnt Zeit im Markt, nicht Timing. Jeder Monat, in dem dein Geld investiert ist, erzeugt Renditen, die selbst wieder Renditen erzeugen. Wer auf einen Dip wartet, verliert diesen Effekt — und kein Einstiegspunkt, noch so perfekt, kann die verlorenen Jahre vollständig kompensieren.
Ein einfaches Beispiel macht es deutlich. Zwei Anleger über 30 Jahre bei 7% jährlicher Rendite:
| Szenario | Endwert nach 30 Jahren |
|---|---|
| Sparplan: CHF 500/Mt., sofort, 30 Jahre | CHF 610'000 |
| 3 Jahre auf den Dip warten, dann CHF 500/Mt. × 27 Jahre | CHF 479'000 |
| Kosten dieser 3 Jahre Warten | –CHF 131'000 |
7% jährliche Rendite, monatliche Verzinsung. Das vereinfachte Szenario nimmt an, dass der wartende Anleger sein angespartes Cash nicht am Dip einsetzt — der Zweck ist, die reinen Kosten der verlorenen Zeit im Markt zu isolieren.
Drei Jahre Warten kosten CHF 131'000 an verpasstem Zinseszins über den vollen Horizont. Selbst wenn der Dip-Käufer sein angespartes Cash schliesslich am perfekten Tiefpunkt einsetzt, ist diese Lücke extrem schwer aufzuholen — weil der DCA-Anleger 30 Jahre lang ununterbrochen Zinseszins generiert hat, während der Dip-Käufer in der zweiten Hälfte noch immer versucht, den Rückstand aufzuholen.
Selbst mit perfektem Timing gewinnt Buy the Dip nur in 30% der Fälle. Aber was, wenn dein Timing nicht perfekt ist — sondern nur zwei Monate daneben?
Maggiullis Daten sind brutal: wenn du den absoluten Tiefpunkt um nur 2 Monate verfehlst, fällt deine Wahrscheinlichkeit, den Sparplan zu schlagen, von 30% auf 3%. Umgedreht formuliert: Der Sparplan schlägt einen Dip-Käufer, der 2 Monate daneben liegt, in 97% der Fälle.
Perfektes Timing: 30% Chance, DCA zu schlagen.
2 Monate daneben: 3% Chance.
6 Monate daneben: praktisch 0%.
Und hier ist der Kicker: Niemand hat perfektes Timing. Nicht du. Nicht dein Bankberater. Nicht CNBC. Nicht der Finance-Twitter-Account mit 500k Followern. Perfektes Timing ist ein theoretisches Konstrukt, das im echten Leben nicht existiert — was bedeutet, dass der Sparplan noch deutlicher gewinnt, als die 70%-Schlagzeile suggeriert.
Das komplette Bild zeigt drei Optionen, nicht zwei. Und die Rangfolge ist klarer, als die meisten denken:
| Strategie | Rendite (historisch) | Timing nötig? | Für wen? |
|---|---|---|---|
| Einmalanlage | Höchste (gewinnt ~67%) | Nein | Wer grosse Summe + Nerven hat |
| Sparplan (DCA) | Sehr hoch (schlägt BTD in 70%) | Nein | 95% aller Anleger |
| Buy the Dip | Tiefste (selbst mit perfektem Timing) | Ja — perfekt | Ein theoretisches Gedankenexperiment |
Die Einmalanlage ist statistisch die stärkste Strategie — weil maximale Zeit im Markt maximalen Zinseszins bedeutet. Vanguard-Analysen zeigen, dass sie den Sparplan in rund zwei Dritteln der Fälle schlägt. Der Haken: Du brauchst heute eine grosse Summe und die Nerven, einen unmittelbaren Crash durchzustehen, ohne zu verkaufen. Die meisten haben beides nicht.
Der Sparplan ist die zweitbeste Strategie — und mit Abstand die beste für normale Menschen mit monatlichem Lohn. Er braucht kein Timing, keine grosse Startsumme und keine Eisennerven. Er schlägt Buy the Dip in 70% der Fälle, selbst wenn der Dip-Käufer perfekte Weitsicht hat, und in 97% der Fälle, wenn der Dip-Käufer zwei Monate daneben liegt.
Buy the Dip ist die schlechteste der drei — selbst mit Kristallkugel. Was einen fragen lässt, warum immer noch jeder darüber redet.
Der beste Zeitpunkt zum Investieren war vor 20 Jahren. Der zweitbeste ist heute. Der schlechteste: auf den perfekten Dip zu warten, der nie kommt.
Sparplan. Automatisch. Dauerauftrag 1–2 Tage nach Gehaltseingang. Fertig. Du schlägst 70% aller theoretisch perfekten Dip-Käufer — und 100% der echten, die den Dip nie richtig timen. Nicht überdenken.
Statistisch optimal: Alles sofort investieren. Psychologisch optimal für die meisten: 50% sofort, 50% verteilt über 6–12 Monate. Nicht optimal: Auf einen Dip warten, der 5 Jahre auf sich warten lassen kann. Jetzt weisst du, warum.
Merke dir: Der Markt steht meistens auf Allzeithoch. Das ist kein Bug — das ist ein Feature. Volkswirtschaften und Unternehmensgewinne wachsen langfristig, was bedeutet, dass neue Höchststände der Normalzustand eines gesunden Marktes sind. Jedes Allzeithoch von heute ist der «Schnäppchenpreis» von morgen — vorausgesetzt, du bleibst lange genug investiert, um das zu sehen.
Wenn du an der Seitenlinie sitzt, weil du einen unmittelbaren Crash fürchtest, löst dieser Artikel dein Problem nicht komplett. Angst ist nicht rational, und Daten allein reichen selten. Lies unseren Begleitartikel Investieren trotz Crash-Angst für die psychologische Seite.
Wenn du nichts anderes aus diesem Artikel mitnimmst, dann das:
Zeit im Markt schlägt Timing des Marktes. Selbst mit perfektem Wissen. Selbst mit Kristallkugel. Selbst als Gott.
Hör auf zu warten. Starte einen Sparplan. Lass den Zinseszins arbeiten. Die Daten sind eindeutig — und sie sind auf deiner Seite.
Nur in engen Umständen: Wenn du bereits voll investiert bist, überschüssiges Cash hast und bereit bist, es während schwerer Drawdowns (20%+) aggressiv einzusetzen. Selbst dann ist es eine Ergänzung zu deinem Sparplan, kein Ersatz. Als primäre Strategie — im Cash auf den perfekten Moment warten — verliert es in 70% aller 40-Jahres-Zeiträume gegen DCA, selbst mit perfekter Weitsicht.
Es ist dasselbe. Dollar Cost Averaging (DCA) ist der amerikanische Begriff; in der Schweiz nennen wir es Sparplan. Beides bedeutet: einen fixen Betrag in regelmässigen Abständen (meist monatlich) investieren, unabhängig vom Marktniveau.
Nein. Genau das ist die Falle, die die Studie aufdeckt. Jeder «unmittelbar bevorstehende Crash» der letzten 100 Jahre wurde entweder widerlegt oder irgendwann von der Erholung überholt. Den Sparplan während einer Angstphase zu stoppen bedeutet, das automatische Dip-Kaufen zu verpassen — also genau den Vorteil, den der Sparplan dir gibt.
Maggiullis Originalanalyse nutzte US-Marktdaten, aber das Prinzip — Zeit im Markt schlägt Timing — gilt über alle grossen entwickelten Märkte hinweg. Jedes global diversifizierte Aktienportfolio, auch CHF-basierte Anleger in Schweizer oder globale Aktien, profitiert von derselben Dynamik.
Dann investiere, was du kannst, wann du kannst. Einen Monat auszulassen, weil die Heizung kaputt ist, ist okay. Auf einen Dip zu warten, weil du denkst, du seist klüger als der Markt, ist es nicht. Konsistenz über Jahre zählt mehr als Perfektion in einem einzelnen Monat.
Statistisch ja — in rund zwei Dritteln der historischen Fälle. Der Haken: Einmalanlage benötigt eine grosse Summe heute und die psychische Stärke, einen unmittelbaren Crash durchzuhalten. Für die meisten Menschen ist der Sparplan der realistische Weg. Ein häufiger Hybrid: 50% deiner Summe sofort investieren, die restlichen 50% über 6–12 Monate per DCA.
So viel, wie du 30 Jahre lang ohne Unterbruch durchhalten kannst. CHF 100 reicht zum Start. CHF 500 ist super. CHF 1'000 ist ideal. Der Betrag zählt weniger als die Regelmässigkeit. Lieber CHF 200 nachhaltig als CHF 1'000, die du nach sechs Monaten aufgibst.
Ja. Maggiullis Simulation rechnet der Buy-the-Dip-Strategie TIPS-Renditen (inflationsgeschützte Anleihen) auf dem wartenden Cash an. Selbst mit dieser grosszügigen Annahme gewinnt DCA in 70% der Fälle. Würde das Wartegeld nichts verdienen, wäre DCAs Gewinnrate noch höher.
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Du hast die Forschung gelesen. Du verstehst, warum Zeit im Markt Timing des Marktes schlägt. Du weisst, dass selbst ein perfekter Dip-Käufer in 70% der Fälle verliert. Du weisst, dass die Kristallkugel nicht existiert — und selbst wenn sie existierte, würde sie nichts ändern.
Eine Sache bleibt zu tun.
Dieser Artikel basiert auf der Analyse von Nick Maggiulli, «Even God Couldn't Beat Dollar-Cost Averaging» (Of Dollars and Data, 2019), Autor des Buches Just Keep Buying. Geschrieben von Thierry Borgeat, Co-Founder von arvy, und überprüft von Patrick Rissi, CFA und Florian Jauch, CFA. Alle drei investieren ihr eigenes Geld in die arvy-Portfolios. Zuletzt aktualisiert April 2026.
Disclaimer: Dieser Artikel dient allgemeinen Informationszwecken und stellt keine persönliche Anlageberatung dar. Historische Renditen sind keine Garantie für zukünftige Ergebnisse. Maggiullis Analyse nutzt US-Aktienmarktdaten von 1920–2018 und nimmt TIPS-Renditen (inflationsgeschützte Anleihen) auf wartendem Cash an. Tatsächliche Renditen für Schweizer Anleger können abweichen. Investitionen sind mit Risiken verbunden, inkl. dem Verlust des eingesetzten Kapitals. arvy ist ein FINMA-beaufsichtigter Vermögensverwalter. Rechtliche Hinweise & Disclaimer