Das perfekte Unternehmen zahlt keine Dividende


"Zinseszins ist das achte Weltwunder. Wer ihn versteht, verdient daran. Wer ihn nicht versteht, bezahlt ihn."
– Albert Einstein
Like this kind of analysis? We send one investment story per week to 12,000+ readers.
Free. No spam. Unsubscribe anytime.
25 Milliarden Franken.
Das ist ungefähr, was Nestlé, Roche und Novartis allein in dieser Dividendensaison an Aktionäre ausgeschüttet haben. Zähl Zurich, Swiss Re, ABB und den Rest des SMI dazu, und die Summe steigt auf über 50 Milliarden Franken. Fliessend von Unternehmensbilanzen in private Bankkonten. Gefeiert. In etwas anderes reinvestiert. Oder einfach ausgegeben.
Die Schweiz liebt Dividenden.
Die «Dividendenaristokraten» des SMI — Unternehmen, die seit Jahrzehnten (25 Jahre) ausschütten — sind das Fundament unzähliger Altersvorsorgepläne. Frag irgendeinen Schweizer Anleger, worauf er bei einer Aktie achtet, und «stabile Dividende» wird unter den drei meistgenannten Antworten sein. Zuverlässig.
Aber hier ist die Frage, die fast niemand stellt: Arbeitet dieses Geld wirklich für dich?
Die Finanzindustrie wird dir sagen: Ja.
Sie zeigt dir Charts mit «Total Return mit reinvestierten Dividenden», die bis 1970 zurückreichen (Chart 1). Sie verkauft dir «High Dividend ETFs» und «Income Strategies». Sie versichert dir, dass eine 3%-Dividende deine Belohnung dafür ist, Qualität zu besitzen.
Und doch — mathematisch — liegt sie falsch. Glaube mir.
Nicht ein bisschen falsch. Fundamental falsch. Denn die Mathematik hinter Dividenden, wenn man sie tatsächlich rechnet, offenbart etwas Unbequemes: Das perfekte Unternehmen zahlt keine. Und die Unternehmen, die über Jahrzehnte am meisten compoundieren — Berkshire Hathaway, Alphabet, Hermès, ASML — zahlen entweder nichts oder kaum etwas.
Diese Woche brechen wir es herunter.
Warum sich Dividenden richtig anfühlen. Warum sie es nicht sind.
Und worauf du stattdessen achten solltest.
|
Chart 1: Der Compounding-Effekt — Reinvestierte vs. ausgegebene Dividenden über 40 Jahre

Schau dir Chart 1 genau an. Er erzählt dir alles.
Von 1970 bis 2025 lieferte der MSCI World Index vier sehr unterschiedliche Ergebnisse — abhängig allein davon, was du mit deinen Dividenden gemacht hast:
Lies diese Zahlen nochmals.
Der Unterschied zwischen «Dividende ausgeben» und «Dividende in Aktien reinvestieren» ist 2.4 Prozentpunkte pro Jahr. Das klingt nach wenig. Ist es nicht. Über 55 Jahre wuchs das reinvestierte Portfolio auf 14'458. Das mit ausgegebenen Dividenden auf nur 4'244.
Gleicher Index. Gleiche Unternehmen. Gleicher Zeithorizont. Dreimal so viel Vermögen — nur weil ein Anleger jeden Franken reinvestierte und der andere nicht.
Anleger lieben die Idee, dass Dividenden die langfristigen Renditen treiben. Aber die Daten unterstützen diese Behauptung nur, wenn die Dividenden sofort reinvestiert werden. In dem Moment, in dem du sie ausgibst, kollabiert das Compounding-Wunder (Chart 2).
Das ist auch ein wesentlicher Grund, warum wir bei arvy uns so weit wie möglich auf Anlagen mit Fokus auf Kapitalwachstum und thesaurierenden Anteilsklassen (automatische Wiederanlage der Dividenden) konzentrieren — um den Compounding-Effekt nicht zu unterbrechen, automatisch im Markt zu bleiben und sich weder emotional noch praktisch Gedanken machen zu müssen, was zu tun ist.
Und hier ist der Haken, den die meisten Privatanleger übersehen: Sehr wenige reinvestieren tatsächlich. Sie nehmen das Cash. Sie fühlen sich belohnt. Sie kaufen sich etwas Schönes. Oder es liegt auf einem Sparkonto und verdient 0.0% in Franken.
Mathematisch haben sie sich gerade aus der mächtigsten Kraft der Finanzwelt verabschiedet.
Die Regel ist einfach: Wenn du Dividendenaktien besitzt, reinvestiere jeden einzelnen Franken in dem Moment, in dem er auf dem Konto landet. Kein «Ich mache das nächsten Monat». Sonst lässt du 2–3% pro Jahr auf dem Tisch liegen — jedes Jahr, für den Rest deines Anlegerlebens.
Aber warum ist Reinvestieren überhaupt so schwer?
Weil Dividenden nie dafür gedacht waren, reinvestiert zu werden. Sie waren dafür gedacht, sich gut anzufühlen.
Hier kommt die psychologische Falle.
Chart 2: Unterbrich niemals das Compounding

💡 Every week we analyse an industry or company — and explain whether it fits our quality criteria. One deep dive, every Friday, for 12,000+ readers.
Join 12k+ readers →Dividenden fühlen sich sicher an. Das ist ihre ganze Anziehungskraft — und ihre ganze Falle.
Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach, so der Volksmund. Und nirgendwo ist das emotional wahrer als beim Dividendeninvestieren. Wenn die Börse volatil ist, wenn dein Portfolio 20% im Minus ist, wenn die Schlagzeilen Rezession schreien — deine Dividende kommt trotzdem. In den USA quartalsweise. In der Schweiz jährlich. Aber immer, zuverlässig. 3'000 Franken von Nestlé. 2'500 Franken von Novartis. Cash auf deinem Konto, egal was der Markt macht.
Es fühlt sich an wie Einkommen. Es fühlt sich an wie eine Belohnung. Es fühlt sich an wie etwas, das du verdient hast.
Aber hier ist der Teil, den das Dividenden-Marketing nie erwähnt: Dieses Geld war bereits deins. An dem Tag, an dem Nestlé 3 Franken pro Aktie ausschüttet, fällt die Aktie um 3 Franken. Du hast nichts gewonnen. Du hast einfach Kapital von einer Tasche (deinen Aktien) in eine andere (dein Bankkonto) verschoben. Nettoveränderung: null.
Jetzt wird es dir den Nuggi raushauen.
Warum?
Jetzt kommen die Steuern.
In der Schweiz werden Dividenden als Einkommen zu deinem Grenzsteuersatz besteuert. Für die meisten Anleger sind das 25–35%. Also diese 3-Franken-Dividende? Sie wird zu 2 Franken auf deinem Konto. Der verbleibende 1 Franken ist für immer weg — zuerst vom Unternehmen in der Unternehmenssteuer bezahlt (Nestlé hat bereits Schweizer Steuern auf seine Gewinne bezahlt, bevor es sie ausgeschüttet hat), dann nochmals von dir in der Einkommenssteuer.
Doppelbesteuerung. Im System eingebaut.
Vergleich das mit einem Unternehmen, das seine Gewinne einbehält und reinvestiert. Keine Dividende. Kein Steuerereignis. Die vollen 3 Franken bleiben im Unternehmen, compoundieren steuerfrei, bis du irgendwann verkaufst — zu welchem Zeitpunkt du Kapitalgewinnsteuer zahlst.
Aber in der Schweiz? Null für Privatanleger.
Lies das nochmals.
Null.
Für Privatanleger. In der Schweiz.
Die Mathematik wird noch brutaler, wenn du verfolgst, wohin das Geld geht (Chart 3).
Die Dividende hat dich 33% gekostet. In einem Jahr. Bevor das Compounding überhaupt einsetzt. Vergiss nicht: Das Unternehmen kann die Gewinne reinvestieren (vorausgesetzt natürlich, es hat die Möglichkeit dazu) und sie intern noch weiter vermehren.
«La cerise sur le gâteau», würden meine Verwandten sagen, während sie einen Schluck Fendant trinken.
Und doch feiern Schweizer Anleger weiterhin, wenn ihre Hochdividendenaktien ausschütten. Die Finanzindustrie pusht weiter «Dividend Income Strategies» mit hohen Renditen und tiefem Wachstum. Banken verdienen an den Transaktionen. Steuerbehörden verdienen an den Ausschüttungen. Und Anleger verdienen weniger, als sie denken.
Es fühlt sich richtig an. Aber mathematisch gesehen ist es falsch.
Aber genug der Kritik an diesem Freitagmorgen.
Dividenden können ziemlich gut sein.
Schauen wir mal, wann.
Chart 3: Kapitalflüsse innerhalb und ausserhalb des Unternehmens

Seien wir fair. Dividenden sind nicht böse. Sie haben ihren Platz.
Und ein perfektes Unternehmen gibt es nicht.
Das ist klar.
Eine über Jahrzehnte steigende Dividende ist ein echtes Zeichen für Geschäftsqualität. Sie sagt dir, dass ein Unternehmen den Cashflow, die Disziplin und das Management hat, um Aktionäre konsistent über Zyklen hinweg zu belohnen. Sie kann ein Zeichen von Widerstandsfähigkeit sein. Sie kann dem Management Disziplin auferlegen, das sonst Kapital für schlechte Übernahmen verschwenden würde. Eine wachsende Dividende spiegelt Widerstandsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit wider.
Das stimmt. Aber es übersieht das grössere Bild.
Die besten Unternehmen — diejenigen, die wir besitzen wollen — brauchen keine Dividende, um ihre Qualität zu beweisen. Idexx Labs zahlt keine. Heico zahlt einen symbolischen Betrag. Hermès zahlt bescheiden. Berkshire Hathaway (das wir nicht besitzen) hat in 60 Jahren nie eine bezahlt. Das sind keine Unternehmen niedriger Qualität. Es sind die aussergewöhnlichsten Compounder unserer Generation. Weil sie jeden Franken intern reinvestieren — zu Renditen, die kein Aktionär extern erreichen könnte.
Hier ist das arvy-Framework:
Wenn diese Dividendensaison deine Nestlé-Ausschüttung auf deinem Konto landet, stell dir eine Frage: Hätte ich lieber heute 3'000 Franken in Cash oder in 20 Jahren 12'000 Franken in compoundiertem Wert?
Die Mathematik steht nicht zur Debatte. Nur die Psychologie.
«Zinseszins ist das achte Weltwunder», sagte Einstein. «Wer ihn versteht, verdient daran. Wer ihn nicht versteht, bezahlt ihn.»
Und weil Sportanalogien beim Investieren erstaunlich gut funktionieren — und wir kürzlich den Super Bowl erlebt haben — ein passendes Zitat zum Schluss. Es stammt von Vince Lombardi, der NFL-Trainerlegende, die 1967 mit den Green Bay Packers den ersten Super Bowl gewann. Die Trophäe trägt seither seinen Namen:
«Perfektion ist nicht erreichbar. Aber wer nach Perfektion strebt, erreicht Exzellenz.»
Wir werden nie ein perfektes Unternehmen finden. Aber ein exzellentes finden wir immer wieder.
Und das reicht völlig, um aus dem achten Weltwunder Kapital zu schlagen.
|
Chart 4: Dividendenwachstum vs. Hohe Dividende vs. Ultra-Hohe Dividende (Qualität > Höhe der Dividende)
