1929

October 14, 2025 5 min read
📚 arvy's Book Club

arvy's Teaser: September 1929. Der Dow hat sich in fünf Jahren verdreifacht. Zeitungen schreiben von einer «neuen Ära». Schuhputzer handeln Aktien auf Kredit. Alle wissen: Es kann nur nach oben gehen. Drei Wochen später hat der Markt ein Drittel seines Werts verloren — und die Weltwirtschaft stürzt in die schlimmste Depression der Geschichte. Andrew Ross Sorkins «1929» rekonstruiert diesen Kollaps mit filmischer Präzision. Aber das hier ist keine Geschichtslektion. Es ist ein Warnhandbuch für jetzt.


Das Buch auf 60 Sekunden

Sorkin rekonstruiert die Monate vor dem Schwarzen Dienstag mit akribischer Recherche und packender Erzählung. Die Besetzung: Banker, die ihrem eigenen Hype glaubten, Politiker, die wegsahen, Regulatoren, die es noch nicht gab, und Millionen gewöhnlicher Menschen, die sich Geld liehen, um Aktien zu kaufen, die sie nicht verstanden. Das ist keine Chronik von Zahlen. Es ist eine Chronik menschlichen Verhaltens unter dem Einfluss von Gier, Verdrängung und dem gefährlichsten Satz der Finanzwelt: «Diesmal ist es anders.»

Andrew Ross Sorkin
2025
Marktgeschichte, Verhaltensfinanz

Idee 1: Jede Blase hat denselben Soundtrack — «Diesmal ist es anders»

Sorkins stärkster Beitrag sind nicht neue Daten. Es ist, zu zeigen, wie rationale Menschen sich in irrationale Positionen hineingeredet haben — und wie diese Sprache unheimlich vertraut klingt.

1929 lautete das Argument: Neue Technologien (Radio, Automobil, Elektrifizierung) haben die Wirtschaft permanent verändert. Alte Bewertungsregeln gelten nicht mehr. Aktien können nur steigen, weil Amerika in eine «neue Ära» ewigen Wachstums eingetreten ist.

Klingt das bekannt?

1929 2024–2026
«Radio und Elektrizität haben alles verändert» «KI hat alles verändert»
«Aktien haben ein dauerhaft hohes Plateau erreicht» (Irving Fisher) «Diesmal sind die Bewertungen durch zukünftige Gewinne gerechtfertigt»
Schuhputzer handeln auf Margin TikTok-Trader kaufen 0DTE-Optionen
Massiver Hebel durch Margin-Kredite Massiver Hebel durch Optionen, Crypto, BNPL
Index dominiert von einer Handvoll Aktien (RCA, GM) Index dominiert von einer Handvoll Aktien (Magnificent 7)
Die Parallelen sind keine Prognosen. Sie sind Muster. Und Muster garantieren keine Ergebnisse — aber sie verdienen Respekt.

Sorkins Punkt ist nicht, dass 2026 zu 1929 wird. Sondern dass die psychologischen Mechanismen identisch sind — und dass sie zu ignorieren genau so ist, wie Crashs passieren.


Idee 2: Hebel ist der Brandbeschleuniger — er verwandelt Korrekturen in Katastrophen

Der Crash von 1929 geschah nicht, weil Aktien überbewertet waren. Er geschah, weil die Überbewertung auf geliehenem Geld aufgebaut war.

1929 war Margin Lending explodiert. Gewöhnliche Anleger konnten Aktien mit nur 10% Eigenkapital kaufen — der Broker lieh den Rest. Als die Kurse fielen, erzwangen Margin Calls Verkäufe. Zwangsverkäufe verursachten weitere Kursrückgänge. Weitere Rückgänge lösten weitere Margin Calls aus. Die Spirale war mechanisch und unaufhaltbar.

Sorkin zeigt: Der Crash selbst — ein Rückgang von 48% vom Hoch bis November 1929 — war nicht die eigentliche Katastrophe. Die eigentliche Katastrophe war die hebelgetriebene Kettenreaktion, die eine Marktkorrektur in eine Bankenkrise verwandelte, die in eine Kreditklemme mündete, die zur Grossen Depression wurde. Es war nicht der Sturz, der tötete. Es waren die Schulden, die auf dem Weg nach unten jeden Knochen brachen.

Die moderne Parallele

Der heutige Hebel ist in der Form anders, aber nicht in der Funktion. Optionshandel ist explodiert — 0DTE-Optionen (null Tage bis Verfall) machen über 40% des S&P 500-Optionsvolumens aus. Crypto-Hebel. Buy Now Pay Later. Unternehmensverschuldung auf Allzeithoch. Die Vehikel ändern sich. Das Prinzip — dass Hebel handhabbare Verluste in katastrophale verwandelt — ändert sich nie.


Idee 3: Regulierung kommt immer nach dem Crash

Eine der ernüchterndsten Beobachtungen Sorkins: Die Institutionen, die wir heute als selbstverständlich betrachten — SEC, Einlagensicherung, Margin-Anforderungen — existierten vor 1929 nicht. Sie wurden wegen 1929 geschaffen.

Vor dem Crash gab es keine Börsenaufsicht. Keine Pflicht, Finanzberichte offenzulegen. Keine Grenzen für Insiderhandel. Keine Einlagensicherung. Das Finanzsystem funktionierte auf Vertrauen — und als das Vertrauen verdampfte, war nichts darunter.

Die SEC wurde 1934 gegründet. Der Glass-Steagall Act trennte Geschäfts- und Investmentbanking. Margin-Anforderungen wurden eingeführt. Jede grosse Finanzregulierung des 20. Jahrhunderts war eine Reaktion auf eine Krise — nie eine Prävention.

Die Investoren-Lektion

Verlasse dich nicht auf Regulatoren, die dich vor einer Krise schützen. Per Definition reagieren sie auf die letzte Krise, nicht auf die nächste. Dein Schutz ist deine eigene Disziplin: Kein Hebel, Diversifikation in Qualitätsunternehmen, Notgroschen halten, und nie Geld investieren, das du in den nächsten 7 Jahren brauchst. Das System wird dich nicht retten. Dein Verhalten schon.


Was das für Schweizer Anleger bedeutet

Die Schweiz war 1929 nicht immun — und wird es auch in der nächsten Krise nicht sein. Aber es gibt strukturelle Vorteile:

Schweizer Regulierung. FINMA gehört zu den strengsten Aufsichtsbehörden der Welt. Die Lehren von 1929 — und 2008 — wurden hier tiefer verinnerlicht als in den meisten Ländern. Aber Regulierung schützt nur gegen bekannte Risiken.

Weniger Hebel. Schweizer Anleger nutzen tendenziell weniger Leverage als ihre amerikanischen Pendants. Kein Lombard-Kredit-Aktienhandel im grossen Stil. Säule 3a ist strukturell langfristig. Sparpläne sind inhärent diszipliniert. Das sind Verhaltensvorteile, die Sorkins Buch zeigt: mehr wert als jede Handelsstrategie.

Qualität als Crash-Versicherung. 1929 überlebten Unternehmen mit echten Gewinnen, niedriger Verschuldung und essentiellen Produkten. Unternehmen, die auf Spekulation und Hebel gebaut waren, nicht. Das ist dasselbe Prinzip, das arvy leitet: Investieren in 25–35 Qualitätsunternehmen mit nachgewiesenen Cashflows, niedriger Verschuldung und dauerhaften Wettbewerbsvorteilen. Nicht weil Crashs nicht passieren werden — sondern weil Qualitätsunternehmen sie überleben.


arvy's Take

Was hält: Sorkins Rekonstruktion ist filmisch und tief recherchiert. Die menschlichen Geschichten — die Banker, die Politiker, die gewöhnlichen Menschen, die alles verloren — machen die Mechanik eines Crashs greifbar, nicht abstrakt. Das beste Buch, das wir über die Frage gelesen haben, warum Crashs passieren, nicht nur wie.

Was fehlt: Das Buch konzentriert sich ausschliesslich auf die USA. Die globale Dimension — wie der Crash auf Europa übergriff, wie er Schweizer Banken und Exporte betraf — wird kaum beleuchtet. Ergänzend empfehlen wir Liaquat Ahameds «Lords of Finance».

Was wir ergänzen: Die wichtigste Lektion von 1929 ist nicht «investiere nicht.» Es ist: «Spekuliere nicht mit geliehenem Geld auf Dinge, die du nicht verstehst.» Diszipliniertes, langfristiges Investieren in Qualitätsunternehmen — ohne Hebel, mit Geduld, durch den Zyklus — hat jeden Crash der Geschichte überstanden. Einschliesslich 1929.


3 Sätze zum Merken

1. Jede Blase hat denselben Soundtrack: «Diesmal ist es anders.» Ist es nie. Die Psychologie ist immer dieselbe.

2. Es ist nicht der Sturz, der tötet — es ist der Hebel. Schulden verwandeln Korrekturen in Katastrophen.

3. Regulierung kommt immer nach dem Crash. Dein echter Schutz ist deine Disziplin: Qualitätsunternehmen, kein Hebel, langer Horizont.

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1929 — Andrew Ross Sorkin: Amazon (English)


Jeden Crash überleben. In Qualität investieren.

25–35 Qualitätsunternehmen mit niedriger Verschuldung, echten Cashflows und dauerhaften Burgmauern. Keine Spekulation. Kein Margin. Nur Zinseszins.

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Investieren trotz Crash-Angst

Dieser Artikel wurde geschrieben von Thierry Borgeat, Co-Founder von arvy, und geprüft von Patrick Rissi, CFA, und Florian Jauch, CFA.

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