Honeywell Aerospace: Spin-off der Kronjuwelen


"Spin-offs haben eine hervorragende, wirklich hervorragende Erfolgsbilanz. Wenn Unternehmen ausgegliedert werden, scheint sich bei ihnen etwas zu verändern. Sie werden besser geführt – obwohl sie schon zuvor gut geführt wurden."
– Peter Lynch
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Spin-offs.
Du erinnerst dich an unsere Sicht auf sie. Falls nicht, lies sie nochmals nach. Und dann beobachte diesen hier ganz genau.
Woher die Besessenheit? Weil einige der grössten Unternehmen unserer Zeit genau durch diese Tür hereingekommen sind (Chart 1).
ASML als Ausgliederung aus dem niederländischen Elektronikkonzern Philips und ASM International. Ferrari war einst tief in Fiat Chrysler vergraben, wurde 2016 abgespalten und entwickelte sich zu einem der grossen Luxus-Compounder der Welt. PayPal war bis 2015 eine Division von eBay. Zoetis, Pfizers stille kleine Tiergesundheitssparte, wurde nach der Abspaltung 2013 zum grössten Tiergesundheitsunternehmen der Welt und hängte Pfizer selbst ab. Und näher bei uns: Givaudan, der stille Riese der Aromen und Düfte wurde 2000 von Roche losgelöst. Accelleron, das Turbolader-Juwel von ABB, ist seit 2022 ein stiller Schweizer Star.
Ein Muster zeigt sich. Das ungewollte Kind, befreit vom Konglomerat, wächst oft über den Mutterkonzern hinaus. Lynch sah es schon vor Jahrzehnten: Mit diesen Unternehmen geschieht etwas, sobald sie endlich auf eigenen Beinen stehen dürfen.
Jetzt kommt der nächste Grosse.
Honeywell, das 140-jährige amerikanische Konglomerat, der ursprüngliche «Gemischtwarenladen», der alles baut, von Thermostaten bis zu Triebwerken, teilt sich in drei. Die Spezialchemie-Sparte, Solstice Advanced Materials, hat das Haus bereits im Oktober 2025 verlassen. Was bleibt, wird zu Honeywell Technologies, dem Automationsgeschäft.
Aber wir sind nicht wegen der Reste hier.
Wir sind wegen des Kronjuwels hier. Des zweiten Spin-offs. Jenes, das diesen kommenden Montag, am 29. Juni, zum allerersten Mal gehandelt wird.
Chart 1: Die Ruhmeshalle der Spin-offs: ASML, Ferrari, PayPal, Zoetis, Givaudan, Accelleron gegen ihre einstigen Mutterkonzerne

Ein Geständnis: Aerospace ist vielleicht meine liebste Industrie auf der Welt. Nicht wegen der Romantik des Fliegens, sondern wegen der Ökonomie.
Denk einmal darüber nach, was es braucht, um ein einziges Teil für ein Triebwerk zu verkaufen.
Du brauchst jahrzehntelange Ingenieurstradition. Du brauchst Zertifizierungen von Aufsichtsbehörden, die deine gesamte Produktlinie mit einer einzigen Unterschrift am Boden halten können. Du musst in eine Plattform hineinkonstruiert sein, eine 737, eine A320, die danach dreissig Jahre lang fliegt. Und sobald du auf dieser Plattform bist, bist du fast nicht mehr zu ersetzen, denn das Teil eines Konkurrenten neu zu zertifizieren kostet mehr, als es je einsparen könnte. Rechne nach: Eine Auxiliary Power Unit, die kostet ein paar hunderttausend bis eine Million Dollar; der Schmalrumpfjet, in dem sie steckt, rund 100 Millionen. Das Teil ist ein Rundungsfehler auf dem Flugzeug, und doch fest in die Konstruktion eingeplant und mit einer lebensrettenden Funktion betraut. Zu billig, um den Wechsel zu wagen. Zu kritisch, um es je zu riskieren.
Das ist das Gegenteil eines freien Marktes. Es ist eine Festung.
Das Ergebnis ist eine der schönsten Oligopolstrukturen der gesamten Wirtschaft: eine Handvoll Akteure, himmelhohe Eintrittsbarrieren und Kunden, die buchstäblich nicht vergleichen können. Die Namen, die wir darin bewundern, sind kein Zufall: GE Aerospace und Safran bei den Triebwerken, HEICO und TransDigm bei den Teilen, Airbus am Himmel selbst. Das sind keine Unternehmen, die man hin und her handelt. Es sind solche, die man sehr lange hält.
Dann ist da der Teil, über den niemand spricht: der Aftermarket.
Wenn ein Hersteller ein Triebwerk verkauft, tut er das oft mit dünner Marge, manchmal mit Verlust. Das wahre Geld kommt später, über die Jahrzehnte, die das Triebwerk im Einsatz steht und Ersatzteile sowie vorgeschriebene Überholungen zu fetten Margen verschlingt. Es ist das Rasierer-und-Klingen-Modell, nur dass der Rasierer dreissig Jahre hält und die Klingen gesetzlich vorgeschrieben sind. Fast die Hälfte des Umsatzes von Honeywell Aerospace stammt aus genau diesem Bereich: dem margenstarken Commercial Aftermarket (Chart 2).
Und nun lege die Rückenwinde obendrauf.
Der globale Flugverkehr wächst weiter, voraussichtlich um rund 4% pro Jahr bis 2030, während die Auslieferungen von Flugzeugen um etwa 7% zulegen. Fluggesellschaften, die von einem verstopften Boeing und Airbus nicht genug neue Jets bekommen, fliegen ihre alten Maschinen länger, was mehr Wartung, mehr Teile, mehr Aftermarket bedeutet. Allein in einem einzigen jüngsten Quartal wuchs die Nachfrage im kommerziellen Aerospace-Aftermarket um 19% gegenüber dem Vorjahr. Der Auftragsbestand für neue Flugzeuge reicht inzwischen weit in die 2030er-Jahre hinein: Bestellst du heute einen Schmalrumpfjet, erreicht er dich frühestens Ende der 2030er. Kein Witz. Die internationalen Verteidigungsausgaben klettern um rund 7% pro Jahr. Alles in allem soll sich der Aerospace-Markt bis 2033 auf 662 Milliarden Dollar fast verdoppeln.
Eine Festung, mit einem Burggraben, auf steigender Flut.
Das ist die Aerospace-Industrie.
Jetzt das Unternehmen.
Chart 2: Der Aerospace-Aftermarket: Jahrzehnte margenstarker Teile und Überholungen pro Plattform

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Join 12k+ readers →Hier ist die Zahl, die dich innehalten lässt: Rund 90% aller Flugzeuge der Welt tragen irgendwo an Bord Technologie von Honeywell Aerospace. Etwa 80% der Satelliten im Orbit enthalten Komponenten des Unternehmens.
Auxiliary Power Units. Cockpit-Avionik. Flugsteuerungssysteme. Sensoren. Hydraulik. Die unglamouröse, missionskritische Hardware, ohne die ein Flugzeug rechtlich gar nicht fliegen darf. Honeywell baut nicht den ganzen Jet, sondern das Nervensystem darin, und ist seit Generationen in der globalen Flotte verankert (Chart 3).
Fun Fact: dieses hohe Sirren, dass du beim Einsteigen hörst, bevor die Haupttriebwerke anlaufen? Das ist fast immer eine Auxiliary Power Unit (APU, hinteres, mittleres Hilfstriebwerk - siehe Titelbild) von Honeywell, die dem Flugzeug Leben einhaucht.
Du willst mehr?
Honeywell hat den APU-Markt nicht nur gewonnen, sondern erfunden und mit dem GTCP85 in den 1950er-Jahren die erste APU überhaupt lanciert. Mehr als siebzig Jahre später dominiert es ihn noch immer. Das ist ein Unternehmen mit einer 100-jährigen Ahnenreihe von Premieren: der erste Autopilot eines Flugzeugs 1914, die entscheidenden Steuerungsgeräte, die 1969 mithalfen, Apollo 11 zu landen, das Power-and-Thermal-System der F-35.
Die Firma, die mithalf, Menschen auf den Mond zu bringen, landet gleich an der Nasdaq.
Und du?
Du bist dein ganzes Leben lang ihr Kunde gewesen, nur konntest du die Aktie nie kaufen.
Das ist ein Geschäft mit 17,4 Milliarden Dollar Umsatz, eine installierte Basis, die ein Jahrhundert braucht, um aufgebaut zu werden, und die sich nicht mit Geld kaufen lässt. Es sitzt auf rund 19 Milliarden Dollar Auftragsbestand und hat allein in den letzten vier Jahren über 90 Milliarden Dollar an neuen Vertragsabschlüssen verbucht. Die Sparte Defense & Space, 41% des Umsatzes, wurde durch die 1,9-Milliarden-Dollar-Übernahme von CAES eben noch stärker, genau in dem Moment, in dem die westlichen Verteidigungsausgaben in einen mehrjährigen Boom eintreten. Und hier wird der Burggraben sichtbar: Von seinem jährlichen Forschungsbudget von 1,8 Milliarden Dollar werden rund 60% von Kunden finanziert.
Lies das nochmals: Seine Kunden bezahlen es dafür, genau jene Technologie zu bauen, die sie an es bindet.
Die Fundamentaldaten kennen wir ehrlich gesagt bereits. Die «Good Story» erzählt sich fast von selbst: eine dominante Stellung, Oligopol-Ökonomie, wiederkehrendes Aftermarket-Cash, strukturelle Rückenwinde und ein frisches Management-Team in Phoenix, das neuerdings jeden Dollar allein in Aerospace stecken darf.
Worauf also müssen wir tatsächlich achten?
Denn ein wunderbares Geschäft und ein wunderbares Investment sind nicht dasselbe. Und ein Spin-off, so glänzend das Juwel auch sein mag, hat einen Haken, der nichts mit dem Unternehmen selbst zu tun hat.
Er versteckt sich an dem einen Ort, den wir noch nicht angeschaut haben.
Chart 3: Umsatzmix von Honeywell Aerospace: Electronic Solutions 39%, Engines & Power Systems 31%, Control Systems 30%

Hier ist das Seltsame daran, Honeywell Aerospace als Investment zu beobachten.
Es gibt keinen Chart.
Am Montag startet HONA in den Handel: ohne Historie, ohne eigenständigen Leistungsausweis, ohne ein Jahrzehnt höherer Hochs, auf das man zeigen könnte. Den «Good Chart», den wir immer verlangen, jenen, der bestätigt, dass der Markt der Geschichte zustimmt, gibt es schlicht noch nicht. Er wird geboren, live, vor unseren Augen.
Und der Hauptpunkt, auf den es zu achten gilt?
Während eines Grossteils der letzten zwei Jahrzehnte wuchs Honeywells organisches Verkaufsvolumen kaum. Die Gewinne kamen aus Preiserhöhungen, Aktienrückkäufen und Margen, nicht daraus, spürbar mehr zu verkaufen. Doch hier ist das verräterische Zeichen, und es schneidet nach beiden Seiten: Während das Konglomerat stagnierte, wuchs das Juwel in seinem Inneren still und leise weiter.
Aerospace steigerte den Segmentumsatz von 11,5 Milliarden Dollar 2020 auf 17,5 Milliarden 2025, ein Tempo von 10% pro Jahr, und wuchs im jüngsten Jahr organisch um 12%. Aerospace war nicht bloss eines von vielen Triebwerken. Es war das Triebwerk, das ein Unternehmen trug, dessen andere Triebwerke abgestorben waren. Die eigentliche Frage ist also nicht, ob Aerospace wunderbar ist. Das ist es. Sie lautet, ob ein Kronjuwel, endlich frei, jeden verdienten Franken zu behalten, schnell genug wachsen kann, um die Geduldigen zu belohnen.
Aber wir fliegen nicht blind. Wir haben den langen Aerospace-Leistungsausweis des Mutterkonzerns. Wir haben die Konkurrenten, GE Aerospace, Safran, HEICO, TransDigm, deren Charts eine Augenweide sind: unermüdliche, langweilige, aufwärts gerichtete Compounder. Wir haben ein tiefes Auftragsbuch und Margen, die drehen.
Also gut: Die Geschichte ist da. Die Festung ist real. Das Juwel ist echt.
Aber eine «Good Story» braucht einen «Good Chart», und dieser hier hat seine erste Linie noch nicht gezogen. Wird der Markt das Kronjuwel also vom ersten Tag an richtig bepreisen? Oder kommt ein besserer Moment erst noch?
Am Montag beginnt der Chart, sich selbst zu zeichnen. Und wir werden jeden einzelnen Strich beobachten.
Guten Flug, Kind. Jetzt bist du auf dich allein gestellt.
Honeywell Aerospace, ready for departure!
Chart 4: Honeywell (HON) und der erste Spin-off Solstice Advanced Materials (SOLS)
