In Marktturbulenzen: Suchen Sie nach Basketbällen unter Wasser


Marktturbulenzen schaffen Chancen. Halte Ausschau nach Aktien mit relativer Stärke — den «Basketbällen unter Wasser». Sie schnellen nach oben sobald der Druck nachlässt. Unsere Original-Analyse für The Market by NZZ — plus die ausführliche Investoren-Sicht für arvy-Leser.
Der US-Aktienmarkt befindet sich in Aufruhr, und die pessimistische Stimmung nimmt spürbar zu. Da viele Marktteilnehmer prozyklisch agieren, verstärken sie den Abverkauf zusätzlich.
Doch anstatt in Panik zu verfallen, sollten umsichtige Investoren jetzt die Ärmel hochkrempeln, strategisch denken und ihre Hausaufgaben machen. Jetzt gilt es, gezielt nach Gelegenheiten zu suchen: Aktien im eigenen Portfolio, die sich für eine Aufstockung eignen, sowie neue Investmentchancen. Besonders interessant sind Unternehmen, die inmitten der allgemeinen Marktschwäche relative Stärke beweisen — also jene, die sich trotz des turbulenten Umfelds robuster entwickeln als ihre jeweiligen Indizes.
Solche Aktien werden kurzfristig von den Marktbedingungen belastet, verfügen aber über das Potenzial für eine deutliche Erholung, sobald der Verkaufsdruck nachlässt. Relative Stärke ist in dieser Marktphase das entscheidende Qualitätsmerkmal einer aussichtsreichen Aktie — ein Wert, den es zu besitzen lohnt.
In turbulenten Zeiten nenne ich diese Aktien «Basketbälle unter Wasser»: Sie tauchen kurz ab, aber sobald der Druck nachlässt, schnellen sie mit voller Kraft nach oben.
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Chart 1: AAII % Bears («Bearishness») erreicht Höchstwerte

Quelle: NZZ The Market
Die Aussage, dass man in Marktturbulenzen nach relativer Stärke suchen sollte, ist intellektuell fast banal. Trotzdem tut die überwiegende Mehrheit der Privatanleger genau das Gegenteil — sie verkaufen, gerade wenn die besten Chancen auftauchen. Diese Frage findet in einer NZZ-Kolumne keinen Platz für die nötige Tiefe — aber sie ist der Schlüssel zum Verstehen, warum so wenige Anleger Korrekturen erfolgreich nutzen: Marktturbulenzen aktivieren psychologische Mechanismen, die rationaler Handlung systematisch entgegenstehen.
Drei Mechanismen ziehen Anleger systematisch ins prozyklische Verhalten:
Wer in Korrekturen erfolgreich kauft, hat keinen besseren Marktüberblick als andere. Er hat keine besseren Prognosen. Er hat keine bessere Aktienauswahl. Was er hat ist die psychologische Disziplin, gegen die natürlichen Reflexe seines eigenen Gehirns zu handeln. Das ist die seltenste Anleger-Eigenschaft — und genau deshalb wird sie über lange Zeiträume so dramatisch belohnt. Die Mathematik der Renditen folgt aus dieser Disziplin, nicht umgekehrt.
Nicht jede Aktie, die "weniger fällt als andere", ist ein echter Basketball unter Wasser. Manche fallen weniger, weil sie strukturell langweilig sind. Manche fallen weniger, weil ihre Liquidität zu gering für panische Verkäufe ist. Echte relative Stärke — das Qualitätsmerkmal, das in Korrekturen wertvoll wird — zeigt sich an spezifischen Signalen:
Aktie fällt deutlich weniger als ihr Sektor und der breite Index — typisch <50% des Index-Drawdowns über 4-8 Wochen. Robust auch an Tagen mit starkem Indexrückgang.
Operative Geschäftsentwicklung, Margen, Cash-Generierung bleiben stabil oder verbessern sich, während die Aktie mit dem Markt mitfällt. Das ist die Voraussetzung für die Erholung.
An Verkaufstagen kein Spike-Volumen, an Erholungstagen normales bis erhöhtes Volumen. Das zeigt, dass institutionelle Investoren halten oder kaufen, nicht aussteigen.
Auch wenn der Sektor aus der Mode kommt, hält die Aktie ihre relative Stärke gegenüber Sektor-Peers. Das deutet auf unternehmensspezifische Stärke hin, nicht nur Sektor-Glück.
Wenn alle vier Signale zusammenkommen, hat man einen echten Basketball-Kandidaten vor sich. Die Mehrheit der Aktien, die "in der Korrektur weniger fielen", erfüllt nicht alle vier — sie erfüllen vielleicht eines oder zwei, was nicht reicht. Disziplinierte Anleger arbeiten Korrektur-Phasen systematisch durch, identifizieren die wenigen Geschäfte mit allen vier Signalen, und positionieren sich entsprechend.
Der AAII Bearishness-Index misst den Anteil der amerikanischen Privatanleger, die in den nächsten 6 Monaten einen fallenden Markt erwarten. Historisch korreliert dieser Index negativ mit den nachfolgenden 12-Monats-Marktrenditen — wenn die Bearishness extrem hoch ist (wie im März 2025 dokumentiert), waren die nachfolgenden 12 Monate statistisch überdurchschnittlich. Das ist kein Garant, aber ein robuster historischer Befund. Stimmungs-Extreme sind probabilistisch Wendepunkte — Disziplin in solchen Phasen wird langfristig belohnt.
Die Basketbälle-Logik ist eine zeitlose Linse, nicht ein Tages-Setup. Sie wird in den nächsten 30 Jahren mehrfach hochrelevant — bei jeder breiteren Marktkorrektur, bei jedem geopolitischen Schock, bei jeder Rezessions-Sorge. Wer das Konzept einmal verinnerlicht hat, hat einen strukturellen Vorteil, der unabhängig vom spezifischen Auslöser einer Korrektur funktioniert.
Drei strategische Implikationen für Quality-Anleger:
| Strategischer Schritt | Was zu tun wäre |
|---|---|
| 1. Watchlist-Vorbereitung in ruhigen Zeiten | Eine kuratierte Liste von 20-30 Quality-Champions mit den fünf Quality-Kriterien (vgl. Quality-Companion). In der Korrektur reicht es dann, diese Liste auf relative Stärke zu prüfen — nicht den ganzen Markt. |
| 2. Dry Powder bewusst halten | 5-15% Cash als strategische Opportunitätsreserve. Diese Quote dramatisch zu erhöhen je nach Marktphase wäre Markt-Timing — aber eine Basis-Reserve für Basketbälle-Käufe ist Risiko-Belohnungs-Optimierung. |
| 3. Schrittweise einsteigen, nicht Allgleichzeitig | Bei identifizierten Basketbällen 20-25% der Position aufbauen, dann beobachten. Wenn die Korrektur weitergeht, weitere Tranchen. So minimiert sich das Risiko, zu früh zu kaufen — und maximiert sich die Möglichkeit, zu mehreren günstigen Bewertungs-Niveaus aufzubauen. |
| Anleger-Profil | Verhalten in Korrekturen | Was zu prüfen wäre |
|---|---|---|
| "Ich verkaufe in Drawdowns immer wieder" | Strukturell falsch positioniert | Realistisch akzeptieren: passiver Index-Aufbau ist langfristig besser als emotional getriebene Trades |
| "Ich halte einfach durch Korrekturen" | Solide Basis, verpasst aber Opportunitäten | Watchlist-Vorbereitung + Dry-Powder-Strategie für die nächste Korrektur erwägen |
| "Ich kaufe in Korrekturen schon ein bisschen" | Gute Disziplin, oft nicht systematisch | Basketbälle-Identifikations-Framework systematisieren statt intuitiv kaufen |
| "Ich nutze Korrekturen aktiv für Aufbau" | Strukturell überlegen positioniert | Disziplin halten, Position-Sizing prüfen, nicht in einer einzelnen Korrektur zu konzentriert werden |
Niemand kann Korrektur-Auflösungen timen. Aber die historische Häufigkeit der drei Pfade hilft Anlegern, Erwartungen zu kalibrieren:
Die Korrektur löst sich schnell und scharf auf, oft innerhalb von 4-8 Wochen. Die Basketbälle, die während der Korrektur relative Stärke zeigten, führen die Erholung typisch zuerst an, weil institutionelle Investoren zuerst in qualitativ überzeugende Geschäfte umschichten. Wer in der Korrektur diszipliniert eingestiegen ist, sieht überproportionale Gewinne in den ersten 3-6 Monaten der Erholung. Statistisch das häufigste Szenario nach extremen Bearishness-Lesungen.
Die Korrektur löst sich nicht scharf, sondern in einer mehrmonatigen Bodenbildung. Der Markt testet Tiefststände mehrfach, bevor sich eine echte Erholung etabliert. Schrittweise Käufe in den verschiedenen Test-Phasen liefern bessere Durchschnittspreise als ein einzelner Einstieg. Disziplin und Geduld sind in diesem Szenario besonders wertvoll. Unser Basisszenario.
Die "Korrektur" entwickelt sich zu einem strukturellen Bärenmarkt mit weiteren 20-30% Verlust über die folgenden 12-18 Monate. Selbst Basketbälle fallen weiter, aber typisch deutlich moderater als der breite Markt. Wer schrittweise eingestiegen ist, hat in dieser Phase psychologisch zu kämpfen — die Käufe wirken im Nachhinein zu früh. Aber die strukturellen Geschäfte funktionieren weiter, und nach Erholung entstehen die besten Renditen für die diszipliniertesten Käufer.
Diese Übung gilt nicht nur für die nächste Korrektur — sondern als generelle Vorbereitung. Vier konkrete Prüfungen:
1. Watchlist-Aufbau in ruhiger Phase. Hast du eine kuratierte Liste von 20-30 Quality-Champions, die du in einer Korrektur sofort prüfen würdest? Wenn nein, ist die Vorbereitung jetzt wichtiger als irgendwelche aktuellen Käufe oder Verkäufe. In der Korrektur fehlt die Zeit für gründliche Analyse — sie muss vorher stattgefunden haben.
2. Cash-Reserve-Strategie definieren. Hast du eine bewusste Cash-Quote für strategische Opportunitäten in Korrekturen? 0% Cash bedeutet, dass du in der nächsten Korrektur Quality-Champions zu vernünftigen Bewertungen verpasst, nicht weil du nicht willst, sondern weil du nicht kannst. 5-15% strategische Reserve ist für die meisten Quality-Anleger ein vernünftiger Boden.
3. Drawdown-Verhalten ehrlich einschätzen. Wenn der Markt morgen 25% verliert, was tust du wirklich? Verkaufst du in Panik, hältst du iron-handed, oder kaufst du strategisch nach? Die ehrliche Antwort entscheidet, ob die Basketbälle-Strategie überhaupt für dich funktioniert. Wer in Drawdowns systematisch verkauft, kann in dieser Strategie nicht gewinnen — egal wie gut die Aktienauswahl ist.
4. Identifikations-Disziplin trainieren. Schau dir aktuelle Charts an: welche Aktien zeigen relative Stärke gegenüber ihren Sektoren über die letzten 4-8 Wochen? Diese Übung in ruhigen Marktphasen zu machen trainiert das Mustererkennen, das in turbulenten Phasen schnell und disziplinengerecht greifen muss.
Sie verkaufen nicht panisch — sie haben sich vorher psychologisch und strategisch vorbereitet. Sie öffnen ihre Watchlist und prüfen die identifizierten Quality-Champions auf relative Stärke. Sie aktivieren ihre Cash-Reserve schrittweise, in 3-5 Tranchen über die Korrektur. Sie bleiben informiert, aber ohne sich von den apokalyptischen Schlagzeilen lähmen zu lassen. Über volle Marktzyklen — typisch alle 5-10 Jahre eine grössere Korrektur — wird diese Disziplin systematisch belohnt. Die meisten Anleger werden es nicht so machen. Genau deshalb funktioniert es für die wenigen, die es tun.
Diesen Artikel kannst du nach Marktverlauf abgleichen. Die Original-Analyse ging davon aus, dass die extreme Bearishness im März 2025 historisch ein Wendepunkt-Signal war. Die Folgewochen entwickelten sich entsprechend — der spezifische Marktverlauf in den ersten Monaten nach März 2025 zeigte typische Erholungsmuster. Was unabhängig vom Einzelfall gültig bleibt: extreme AAII-Bearishness-Lesungen sind probabilistisch Wendepunkte. Das gilt heute genauso wie damals.
Eine berechtigte Frage. Markt-Timing wäre: "Ich verkaufe alles im April und kaufe alles im Oktober." Was Basketbälle-Identifikation ist: "Ich halte meine bestehende Quality-Allokation, identifiziere innerhalb der laufenden Korrektur die Geschäfte mit relativer Stärke und nutze meine bewusste Cash-Reserve für schrittweise Aufstockungen". Das ist nicht Timing — das ist diszipliniertes Risiko-Belohnungs-Management innerhalb einer langfristigen Strategie.
Ehrliche Antwort: dann ist die Basketbälle-Strategie für dich aktuell nicht voll umsetzbar. Du kannst trotzdem gewinnen, indem du laufende Sparplan-Beträge oder neues Investitionskapital gezielt in identifizierte Basketbälle lenkst — das ist eine schwächere Form der Strategie, aber besser als nichts. Für die nächste Korrektur kannst du jetzt schrittweise eine Cash-Reserve aufbauen, ohne die bestehenden Positionen zu verkaufen.
Liquiditäts-bedingte "relative Stärke" zeigt sich an niedrigem Tagesvolumen, oft Mid- oder Small-Caps mit niedrigem Free Float. Echte relative Stärke zeigt sich bei Aktien mit normalem Liquiditätsprofil, die trotzdem relativ besser performen. Faustregel: prüfe das Tagesvolumen relativ zu vergleichbaren Sektor-Peers. Wenn das Volumen normal und die Performance besser, ist es echte relative Stärke. Wenn das Volumen ungewöhnlich niedrig, ist es eher Liquiditäts-Effekt.
Weiterlesen — die thematischen Anker dieser Analyse
Die Basketbälle-Metapher ist mehr als ein bildlicher Vergleich. Sie beschreibt eine Realität jeder Marktkorrektur: nicht alle Aktien fallen gleich. Die qualitativ überlegenen Geschäfte fallen weniger und erholen sich schneller. Das war in 2008 so, in 2020 so, im März 2025 so — und es wird in jeder zukünftigen Korrektur so sein. Die Mathematik der Quality-Outperformance über volle Marktzyklen ist keine Zufallserscheinung. Sie ist die strukturelle Konsequenz davon, dass robuste Geschäftsmodelle robuste Aktienkurse produzieren — selbst wenn der breite Markt panisch agiert.
Was den disziplinierten Anleger vom panischen Privatanleger unterscheidet, ist nicht die Fähigkeit, Korrekturen vorherzusagen. Es ist die Vorbereitung — die Watchlist, die Cash-Reserve, das Identifikations-Framework, das psychologische Training. Wer das alles vor einer Korrektur aufgebaut hat, kann während der Korrektur disziplinengerecht handeln, statt panisch zu reagieren. Über 30 Jahre Anlegerleben begegnest du 4-6 grösseren Marktturbulenzen. Wer in jeder davon die Basketbälle-Disziplin nutzt, baut einen Vorsprung auf, den die Mehrheit der Anleger nie aufholt — nicht weil sie weniger intelligent sind, sondern weil sie nicht vorbereitet sind.
Original verfasst von Thierry Borgeat, Co-Founder von arvy, für The Market by NZZ. Die ausführliche arvy-Erweiterung wurde überprüft von Patrick Rissi, CFA und Florian Jauch, CFA. Datenquellen: NZZ The Market, eigene Analysen, AAII Investor Sentiment Survey (öffentlich). Letztes Update: April 2026.
Disclaimer: Dieser Artikel dient allgemeinen Bildungszwecken und stellt keine persönliche Anlageberatung dar. Vergangene Performance ist keine Garantie für zukünftige Ergebnisse. Szenarien sind Einschätzungen, keine Prognosen. arvy ist ein von der FINMA beaufsichtigter Vermögensverwalter mit KAG-Lizenz (Art. 24). Impressum & Rechtliche Hinweise.