Kein Schmerz, keine Rendite — das mentale Modell, das Quality-Investoren rettet

Mai 19, 2026 13 Minuten Lesezeit
Kein Schmerz, keine Rendite — das mentale Modell, das Quality-Investoren rettet | arvy für The Market NZZ

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Kein Schmerz, keine Rendite — das mentale Modell, das Quality-Investoren rettet

Quality-Investoren durchleben eine der unbequemsten Phasen der jüngeren Geschichte. Die breiten Indizes schleifen sich nach oben, getragen von einer Handvoll Mega-Caps. Die Versuchung, Überzeugung aufzugeben und dem nachzulaufen, was gerade funktioniert, war selten grösser. Unsere Original-Analyse für The Market by NZZ — plus die ausführliche Investoren-Sicht für arvy-Leser.

Von Thierry Borgeat · Mit Patrick Rissi, CFA und Florian Jauch, CFA · Erschienen in The Market by NZZ, Mai 2026 · 9 Minuten Lesezeit

Ursprünglich erschienen in
The Market by NZZ — Mai 2026
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In 30 Sekunden — die Kernthese
  • Gleiches Ziel, anderes Wetter. Zwei Investoren starten bei 10'000 $ und enden bei 20'000 $ — gleiche Rendite, gleiche Destination. Doch der eine fühlt sich wie ein Genie, der andere wirft die Strategie über Bord. Das Gehirn bewertet nicht Ergebnisse. Es bewertet Sequenzen.
  • Buffett wurde 1999 für tot erklärt. Berkshire Hathaway verlor 45% in 20 Monaten, während der Nasdaq 290% zulegte. Die Schlagzeilen waren gnadenlos. 2004 lag Berkshire 430% im Plus, der Nasdaq nur 270%. Der grösste Investor der Geschichte musste nur die Reise überleben.
  • Die einzige Frage, die zählt. Hat sich das Ziel verändert — oder nur das Wetter? Disziplin ist nicht Sturheit. Wir haben Software verkauft, weil sich das Ziel veränderte. Wir halten Safran, GE Aerospace und Waste Management, weil das Ziel unverändert ist. Der Unterschied ist die These, nicht der Kursverlauf.

Die Original-Analyse — der Anriss

«Das grosse Geld liegt nicht im Kaufen und Verkaufen, sondern im Warten.» — Charlie Munger, Vize-Chairman von Berkshire Hathaway (1924–2023)

Mentale Modelle. Ich liebe sie. Ob im Leben oder beim Investieren.

Ein gutes mentales Modell ist wie ein Kompass in dichtem Nebel: Es macht das Gelände nicht einfacher, aber es zeigt einem, in welche Richtung man läuft. Und manchmal ist das alles, was man braucht. Hier ist eines, zu dem ich immer wieder zurückkehre. Besonders in Monaten wie denen, die wir gerade hinter uns haben.

Stell dir zwei Investoren vor. Beide investieren 10'000 $. Beide enden nach fünf Jahren bei 20'000 $. Gleicher Startpunkt. Gleiches Ergebnis. Gleiches Ziel. Investor A sieht das: +5%, +8%, +12%, +18%, +35%. Investor B sieht das: +35%, +18%, +12%, +8%, +5%. Gleiches Vermögen nach fünf Jahren. Aber Investor A fühlt sich wie ein Genie. Investor B fühlt, dass etwas nicht stimmt — und ist bereit, seine Strategie über Bord zu werfen genau in dem Moment, in dem sein Portfolio dasselbe Ziel erreicht.

Gleiches Ziel. Völlig unterschiedliches emotionales Erlebnis. Und genau das ist die Wurzel der meisten schlechten Entscheidungen in der Welt des Investierens.

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Chart 1: Gleiches Ziel, anderes Wetter — beide Pfade enden bei 20'000 $, aber einer fühlt sich wie ein Triumph an, der andere wie ein Misserfolg

Zwei Pfade zum gleichen Ziel — Investor A vs Investor B Renditesequenz

Quelle: @BrianFeroldi, via The Market NZZ


01Die unbequeme Frage hinter dem mentalen Modell

Wenn du den Artikel oben gelesen hast, bleibt eine Frage offen, die in einer 4-Minuten-Kolumne keinen Platz findet — die für deine Anlageentscheidung aber alles ist: warum scheitert dieses Prinzip in der Praxis bei fast jedem Anleger? Jeder, der das Wort «Quality» buchstabieren kann, weiss, dass Geduld wichtig ist. Buffetts Geschichte kennt jeder. Mungers Zitat hängt in tausend Büros an der Wand. Und trotzdem: die meisten Anleger erreichen die Million nie, nicht weil die Gelegenheit nicht da war — sondern weil sie im dritten Jahr die Strategie aufgaben, als die Reise unbequem wurde.

Die Antwort liegt in einem kognitiven Mechanismus, gegen den Wissen allein nichts ausrichtet: der Verfügbarkeitsheuristik. Das Gehirn gewichtet jüngste Erfahrungen lebhafter als weiter zurückliegende. Was letztes Quartal passiert ist, fühlt sich realer an als das, was vor drei Jahren geschah — selbst wenn die statistische Realität das genaue Gegenteil sagt. Es ist die gleiche Heuristik, die uns nach «Der Weisse Hai» Angst vor dem Schwimmen macht, obwohl wir statistisch eher von einem Getränkeautomaten getötet werden (1 zu 112 Millionen Automaten vs. 1 zu 250 Millionen Haie pro Jahr).

Im Investieren ist diese Heuristik verheerend. Sie lässt uns rational fühlen, während wir etwas zutiefst Irrationales tun: auf eine Abfolge jüngster Ereignisse reagieren, die für das Endergebnis irrelevant sein können. Und sie ist nicht abschaltbar. Sie funktioniert auch dann, wenn man das Konzept verstanden hat. Das ist das eigentliche Problem.


02Bequem reisen vs. wohlhabend ankommen

Hier ist die Einsicht, die mich Jahre gekostet hat zu verinnerlichen — und die in der akademischen Finanzliteratur fast nie diskutiert wird, weil sie nicht modellierbar ist: die meisten Investoren optimieren, ohne es zu merken, für die Reise. Dafür, wie sich der Weg Quartal für Quartal anfühlt. Sie wählen die Strategie, die sich besser anfühlt, statt die Strategie, die besser endet. Bequem reisen dominiert ihr Denken, wenn sie stattdessen an Destinationen denken sollten.

Diese Verschiebung von «Destination» zu «Reise» ist subtil und tückisch. Sie passiert nicht in einem einzigen Moment — sie passiert über Jahre, in tausend kleinen Anpassungen, die sich jede für sich vernünftig anfühlen. Eine Position reduzieren, weil sie ein Quartal geschwächelt hat. Eine andere aufbauen, weil sie gerade läuft. Einen Fonds wechseln, weil der bisherige «in der Performance hinterherhinkt». Jede einzelne Entscheidung wirkt rational. Aber die Summe ist eine Strategie, die für emotionalen Komfort optimiert, nicht für Endvermögen.

Die Mathematik ist gnadenlos. Wenn du 100'000 $ in eine Million verwandeln kannst, spielt es eine Rolle, ob das 18 oder 22 Jahre dauert. Aber die meisten Investoren erreichen die Million nie — nicht wegen der Dauer, sondern weil sie auf dem Weg ausgestiegen sind. Sie haben das Ziel für eine bequemere Reise geopfert.

Der Reise-Destination-Trade

Quality-Investing hat einen klaren Trade-off, den man ehrlich aussprechen muss: höhere Endrendite gegen unbequemere Reise. Wer Outperformance über 30 Jahre will, muss Phasen aushalten, in denen der breite Markt schneller läuft. Wer in jeder Periode mithalten will, kann nicht outperformen — das ist mathematisch ausgeschlossen. Die beste Strategie ist nicht die, die sich am besten anfühlt. Es ist die, die am besten endet. Diese beiden Strategien sind selten dieselbe.


03Der grösste Investor der Geschichte wurde für tot erklärt

Wenn du denkst, das sei alles theoretisch — lass mich das eindrücklichste Beispiel zeigen, das ich kenne. Warren Buffett gilt als der grösste Investor aller Zeiten. Und doch verlor Berkshire Hathaway in den zwanzig Monaten vor dem Höhepunkt der Dotcom-Blase im März 2000 satte 45% an Wert. Im selben Zeitraum legte der Nasdaq 100 um 290% zu. Lies das nochmals. Minus 45% versus plus 290%. In zwanzig Monaten.

Die Schlagzeilen waren gnadenlos. «Hat Warren Buffett seinen Touch verloren?» «Buffetts Orakel-Status infrage gestellt.» «Ehemalige Highflyer nehmen ein Buffetting.» Der grösste Investor der Welt wurde öffentlich lächerlich gemacht — nicht weil seine Unternehmen versagten, sondern weil die Reise furchtbar aussah im Vergleich zu dem, was gerade modisch war. Die Verfügbarkeitsheuristik war in voller Blüte. Die jüngste Nasdaq-Performance fühlte sich realer und relevanter an als Buffetts Jahrzehnte der stetigen Rendite. Und viele kapitulierten genau zum schlechtesten Zeitpunkt.

Du weisst, wie die Geschichte endet. Der Nasdaq crashte 80%. Berkshire erholte sich und stieg stetig weiter. Bis 2004 war Berkshire 430% im Plus seit Beginn der Periode, der Nasdaq lag bei plus 270%. Der langweilige, altmodische, angeblich erledigte Value-Investor hatte den aufregendsten Markt einer Generation geschlagen. Er musste nur die Reise überleben.

Was an dieser Geschichte für heutige Anleger entscheidend ist, ist nicht die Pointe — es ist die Mechanik. Buffetts Berkshire war zu jedem einzelnen Zeitpunkt der 45%-Drawdown-Periode aus fundamentaler Sicht unverändert. Die Geschäfte generierten Cash. Die Burggräben standen. Die Reinvestitionsoptionen waren intakt. Was sich änderte, war ausschliesslich der Marktpreis — und die emotionale Bewertung dieses Marktpreises durch Mr. Market. Eine völlig identische fundamentale Situation produzierte zwei diametral verschiedene Reisen.

Genau das ist der Mechanismus, den jeder Quality-Anleger über die Zeit aushalten muss — nicht einmal, sondern wiederholt. Nicht weil etwas Schlechtes passiert ist im Geschäft. Sondern weil etwas anderes woanders kurzzeitig spektakulärer wirkt.


04Wie unbequeme Reisen wirklich aussehen — zwei konkrete Beispiele aus unserem Portfolio

Wir schreiben das nicht aus einem Elfenbeinturm. Wir schreiben es, weil wir es gerade erleben. Zwei Beispiele aus unserem aktuellen Portfolio machen das mentale Modell konkret.

Beispiel 1 — Safran & GE Aerospace: Das Duopol im Triebwerksbau

Wir halten Safran und GE Aerospace, das Duopol im Triebwerksbau. Zusammen, durch ihr Joint Venture CFM International, treiben sie sowohl den Airbus A320 als auch die Boeing 737 an — die zwei meistverkauften Flugzeuge der Geschichte. Der Auftragsbestand übersteigt 10'000 Triebwerke. Der Burggraben besteht nicht aus Code — er besteht aus Jahrzehnten an Ingenieurwissen, Zertifizierung und installierter Basis. Das Ziel ist glasklar: eine Wachstumsgeschichte über Jahrzehnte, getrieben durch strukturelles Wachstum im Flugverkehr, einen enorm starken Ersatzzyklus und Serviceumsatz, der pro verkauftem Triebwerk 25 Jahre lang planbare Einnahmen generiert.

Die Reise? Pures Chaos. Der Krieg am Persischen Golf liess ab Februar die Ölpreise in die Höhe schiessen. Airlines — die Kunden von Safran und GE Aerospace — sahen ihre Kosten über Nacht explodieren. Die Reisenachfrage wackelte. Die Aktienkurse brachen ein. Analysten stuften herab. Schlagzeilen schrien. Mr. Market hasste die Unsicherheit. Für ein paar Wochen sah die Aerospace-Reise aus wie das untere Bild des Memes: Monster, Explosionen, Ungeheuer. Aber hat sich das Ziel geändert? Nein. Nicht um ein einziges Triebwerk. Der Auftragsbestand war noch da. Das Duopol intakt. Der Ersatzzyklus strukturell. Was sich geändert hatte, war das Wetter auf dem Weg. Wir hielten.

Beispiel 2 — Waste Management: Der unglamouröseste Compounder

Oder nimm Waste Management, unseren liebsten unglamourösen Compounder. Marktführer in der Abfallentsorgung in den USA mit 24% Marktanteil in einem Oligopol. Drei Burggräben in einem: unersetzliche Deponiestandorte, Routendichte und ein reifer Markt mit turmhohen Eintrittsbarrieren. 75% wiederkehrende Erlöse. Inflationsindexierte Verträge. Versuche mal, an einer Dinnerparty zu erklären, dass deine beste Investition eine Müllfirma ist. Die Reise ist spektakulär unglamourös. Aber das Ziel — ein Unternehmen, das über Jahrzehnte seine Erträge steigert, in einem Sektor, der buchstäblich nicht disruptiert werden kann — ist so sicher wie es nur geht.

Beide Positionen haben eines gemeinsam: ihre Reise sieht zu bestimmten Zeitpunkten unattraktiv aus, ihre Destination ist mehrjährig planbar. Genau dieses Profil ist das, was Quality-Investing strukturell sucht — und das, was passive oder narrative Strategien typischerweise abstossen, wenn die Reise schmerzt.

Die Asymmetrie, die Quality ausnutzt

Hochwertige Compounder erzeugen einen strukturellen Vorteil dadurch, dass viele Marktteilnehmer ihre Reise nicht aushalten. Wenn jeder die Geduld hätte, würden die Bewertungen entsprechend bepreist — und der Vorteil verschwände. Genau weil die meisten Anleger im dritten unbequemen Jahr aussteigen, bleibt die Prämie für die wenigen, die durchhalten. Dieser Mechanismus heisst in der Forschung «behavioural alpha» — und er ist nach Vanguard, Morningstar und Dalbar konsistent in der Grössenordnung von 1.5 bis 3 Prozentpunkten pro Jahr. Über 20 Jahre macht das den Unterschied zwischen einer Verdoppelung und einer Vervierfachung des Endvermögens.


05Disziplin ist nicht Sturheit — die einzige Frage, die zählt

Hier muss ich einen Vorbehalt anbringen, denn es gibt eine gefährliche Version dieses mentalen Modells. Disziplin bedeutet, zu halten, wenn das Ziel intakt ist und die Reise unbequem. Sturheit bedeutet, zu halten, wenn sich das Ziel verändert hat und man es nicht wahrhaben will. Der Unterschied? Die These.

Als wir unsere Software-Positionen verkauften, war das kein Versagen der Disziplin. Es war Disziplin in ihrer höchsten Form. Das Ziel hatte sich verändert — grosse Sprachmodelle erodierten strukturell den Burggraben von Softwareunternehmen. Die Unsicherheit war nicht vorübergehend. Sie war permanent. In dieser Situation zu halten, wäre nicht geduldig gewesen. Es wäre leichtsinnig gewesen.

Die einzig richtige Frage ist nicht «soll ich halten oder verkaufen?». Sie lautet immer:

SituationDiagnoseDisziplinierte Antwort
Kurs fällt, Fundamentaldaten intaktNur das Wetter ändert sichHalten oder nachkaufen
Kurs fällt, Burggraben strukturell erodiertDas Ziel hat sich verändertVerkaufen, neu allokieren
Kurs steigt, Fundamentaldaten verbessern sichReise und Ziel im EinklangHalten, ggf. zukaufen
Kurs steigt, Bewertung läuft den Fundamentaldaten davonReise voraus, Ziel unverändertDisziplin in der Positionsgrösse

Was diese Matrix ausdrückt, ist die einzige Frage, die Quality-Investing in der Praxis stellt: hat sich das Ziel verändert — oder nur das Wetter? Wer diese Frage diszipliniert beantworten kann, hält die richtigen Positionen lange genug und trennt sich von den falschen Positionen früh genug. Wer sie nicht beantworten kann, oszilliert zwischen Panik-Verkauf und stures Festhalten — und macht beide Fehler gleichzeitig.


06Der einzige Burggraben, der über Jahrzehnte steigende Renditen liefert

Es gibt drei Arten von Wettbewerbsvorteilen beim Investieren — und nur eine davon ist langfristig nachhaltig:

VorteilsartWas es bedeutetStatus heute
InformationellMan weiss etwas, das sonst niemand weissExistiert kaum noch — Informationsasymmetrien sind in Sekunden weg
AnalytischMan verarbeitet öffentliche Information besserNoch relevant, aber die Vorteile schrumpfen mit jeder KI-Generation
PsychologischMan hält eine korrekte These durch unbequeme ReisenPermanent, nicht arbitrierbar, wächst über die Zeit

Die ersten zwei Vorteile sind temporär. Sie werden wegarbitriert. Aber der dritte ist permanent — und liefert über Jahre starkes Wachstum. Psychologische Disziplin kann nicht kopiert, heruntergeladen oder ausgelagert werden. Sie wird durch Erfahrung geschmiedet — durch das Narbengewebe, das entsteht, wenn man Positionen gehalten hat, die quartalsweise falsch aussahen, bevor sie sich als richtig erwiesen.

Bei arvy haben wir hier einen strukturellen Vorteil: unser eigenes Geld ist neben dem unserer Kunden investiert, und wir besitzen unsere eigene Investmentgesellschaft. Wenn das eigene Vermögen auf dem Spiel steht, jagt man keinem Quartalskomfort hinterher. Man denkt in Destinationen. Wie wir in unserer «Voyage» sagen — was übrigens das ist, wofür das «vy» in arvy steht — die Reise wird geteilt, aber das Ziel ist, was zählt.

Was disziplinierte Anleger jetzt tun

Sie reagieren nicht auf das jüngste Wetter. Sie prüfen, ob sich das Ziel verändert hat. Wenn die Unternehmen, die sie halten, ihre Erträge langfristig weiter steigern, noch Marktanteile gewinnen, noch Cash generieren, noch ihre Burggräben erweitern — dann ist die jüngste Sequenz von Renditen Rauschen. Wunderschönes, furchteinflössendes, verführerisches Rauschen. Aber bloss Rauschen. Die besten Investoren der Welt haben die schlechtesten Quartale. Nicht weil sie Pech haben, sondern weil sie bereit sind, unbequem zu reisen auf ein Ziel zu, das die meisten nie erreichen werden. Weil die meisten die Reise abbrechen, lange bevor sie ankommen.


07Häufig gestellte Fragen

Wie unterscheide ich konkret eine «unbequeme Reise» von einer «veränderten Destination»?

Drei Tests helfen: (1) Generiert das Geschäft noch Cash? Operativer Cashflow ist die ehrlichste Zahl — er lässt sich schwer manipulieren. (2) Hält der Burggraben? Marktanteil, Pricing Power, Kundenbindung — sind diese Metriken stabil oder erodieren sie? (3) Bestätigen unabhängige Quellen die These? Wenn nur dein Glaube an das Unternehmen das Halten rechtfertigt, ist das ein Warnsignal. Wenn fundamentale Daten und externe Beobachter die These stützen, ist es nur Wetter. Wenn alle drei Tests positiv ausfallen, halte. Wenn auch nur einer kippt, ist es Zeit für eine ehrliche Re-Evaluation.

Heisst das, ich muss jeden Drawdown aushalten? Was ist mit Risikomanagement?

Nein. Disziplin heisst nicht, blind zu halten. Sie heisst, bewusst zu unterscheiden zwischen «das ist Wetter» und «das ist eine Veränderung». Risikomanagement passiert über Positionsgrösse, Diversifikation und Bewertungsdisziplin — also bevor der Drawdown kommt. Wenn eine Position so gross ist, dass ein 50%-Drawdown dich emotional aus dem Markt drückt, war sie von Anfang an zu gross. Die Lösung ist nicht zu verkaufen, wenn der Drawdown da ist. Die Lösung ist, die Position vorher richtig zu dimensionieren.

Was war konkret der Auslöser, bei Software das Ziel als «verändert» zu erklären?

Drei Schichten der strukturellen Verschlechterung: Wachstumsverlangsamung, Margenkompression durch KI-Standardisierung und steigende Kapitalintensität. Jede einzelne wäre ein Warnsignal gewesen. Drei zusammen sind eine fundamentale Verschiebung, die durch eine Bewertungs-Erholung nicht reparierbar ist. Die volle Analyse findest du in unserer Companion-Analyse «Die Good Story der Softwarebranche — und warum sie nicht gut genug ist».

Wenn psychologische Disziplin der einzige nachhaltige Vorteil ist — wie baue ich sie auf?

Sie ist nicht trainierbar wie ein Muskel im Studio. Sie wird durch Erfahrung geschmiedet — durch das Narbengewebe, das entsteht, wenn man Positionen gehalten hat, die quartalsweise falsch aussahen, bevor sie sich als richtig erwiesen. Drei praktische Hebel: (1) Schreibe deine These auf, bevor du kaufst — wenn der Kurs später fällt, hast du eine objektive Referenz. (2) Trenne Beobachtungs- von Handlungszyklen: prüfe Fundamentaldaten quartalsweise, nicht täglich. (3) Investiere alongside Profis, die Skin in the Game haben — die Entscheidungen einer Strategie sind wertvoller, wenn die Entscheider selbst betroffen sind.

Wie geht arvy konkret durch die aktuelle Phase?

Wir halten unsere Positionen mit ungebrochener Disziplin, weil das Ziel intakt ist. Safran und GE Aerospace bleiben Kernpositionen — der Auftragsbestand und das Duopol haben sich nicht verändert. Waste Management bleibt Kernposition — Deponiegenehmigungen und Routendichte sind unverändert. Wir haben Software vollständig verlassen, weil sich das Ziel veränderte. Wir prüfen alle Positionen vierteljährlich gegen die «hat sich das Ziel geändert?»-Frage. Die volle Dokumentation findet sich im Quartalsbericht Q1 2026.



Wenn dein Portfolio das nächste Mal ein schlechtes Quartal hat

Wenn du das nächste Mal dein Portfolio öffnest und eine Zahl siehst, die dir den Magen zusammenzieht — und dieser Moment wird kommen, das verspreche ich dir — widerstehe dem Impuls zu reagieren. Stell dir stattdessen eine einzige Frage. Hat sich das Ziel verändert? Oder nur das Wetter?

Wenn die Unternehmen, die du besitzt, ihre Erträge langfristig weiter steigern, wenn sie noch Marktanteile gewinnen, noch Cash generieren, noch ihre Burggräben erweitern — dann ist die jüngste Abfolge von Renditen Rauschen. Wunderschönes, furchteinflössendes, verführerisches Rauschen. Aber bloss Rauschen. Die besten Investoren der Welt haben die schlechtesten Quartale. Nicht weil sie Pech haben. Sondern weil sie bereit sind, unbequem zu reisen — auf ein Ziel zu, das die meisten nie erreichen werden. Weil die meisten die Reise abbrechen, lange bevor sie ankommen.

Investieren ist einfach. Aber es ist nicht leicht. Das Ziel ist, was zählt. Alles andere ist Wetter.

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Original verfasst von Thierry Borgeat, Co-Founder von arvy, für The Market by NZZ. Die ausführliche arvy-Erweiterung wurde überprüft von Patrick Rissi, CFA und Florian Jauch, CFA. Datenquellen: TradingView, Financial Times, Barron's, eigene Analysen. Berkshire/Nasdaq-Performance-Daten 1998–2004. Charlie-Munger-Zitat aus öffentlichen Interviews. Letztes Update: Mai 2026.

Disclaimer: Dieser Artikel dient allgemeinen Bildungszwecken und stellt keine persönliche Anlageberatung dar. Die genannten Wertpapier-Bezeichnungen sind illustrativ und keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung. Vergangene Performance ist keine Garantie für zukünftige Ergebnisse. arvy ist ein von der FINMA beaufsichtigter Vermögensverwalter mit KAG-Lizenz (Art. 24). Impressum & Rechtliche Hinweise.