Nike: Just Sell It?

September 24, 2026 6 Minuten Lesezeit

«Sei ängstlich, wenn andere gierig sind, und sei gierig, wenn andere ängstlich sind.»

– Warren Buffett, «Buy American. I Am.», The New York Times, Oktober 2008

arvy's Teaser: Das berühmteste Häkchen der Welt ist gerade aus dem S&P 100 geflogen, hat Mbappé an eine Laufschuhmarke aus Zürich (Guess who 😉?) verloren und notiert dort, wo es vor zwölf Jahren stand. Diese Woche: wie aus einem Business, das sich verdreifacht hat, eine Aktie wurde, die 80% verloren hat, wer den Swoosh umzingelt — und die drei gefährlichsten Wörter beim Investieren.

Nike.

Oder, wie ihn dein halber Kleiderschrank nennt: der Swoosh.

Schau kurz nach unten. Die Chancen stehen gut, dass du gerade einen an den Füssen trägst.

«Florian, ich trage die Dinger buchstäblich gerade. Wo ist das Problem?»

Das Problem ist: Bei unserer geliebten Sportmarke läuft es gerade gar nicht rund. Und mir blutet das Herz.

Letzte Woche hat Kylian Mbappé dem Swoosh nach zwanzig Jahren (20!) den Rücken gekehrt. Für On. Ja, On — die Laufschuhmarke aus Zürich, an der Roger Federer beteiligt ist, ein paar Tramstationen von unserem Büro entfernt. Er ging für eine Beteiligung und eine globale Rolle.

Die nächste Generation war da schon weg. Lamine Yamal, der Teenager, den alle wollen, entschied sich mit fünfzehn für Adidas statt Nike — genau wie ein gewisser Lionel Messi im Jahr 2006.

Die Aktie liegt dieses Jahr rund 44% im Minus, auf einem Zwölfjahrestief. Und achtzig (80!) Prozent unter ihrem Allzeithoch (Chart 1).

Dann wurde die Demütigung amtlich.

Nach achtzehn Jahren flog Nike aus dem S&P 100 — dem Klub der hundert grössten Unternehmen Amerikas. Im Dow Jones ist Nike dieses Jahr der schwächste Titel überhaupt. Und die Gerüchte haben begonnen: nächster Halt, raus aus dem Dow.

Das ist die Marke an Jordans Füssen und an deinen beim Sonntagslauf. Und der Markt behandelt sie wie einen Totalausverkauf.

Bleibt die naheliegende und leicht ketzerische Frage.

Just sell it?

Chart 1: Nikes maximaler Drawdown — rund 80% unter dem Allzeithoch, der tiefste der Börsengeschichte

Nikes maximaler Drawdown — rund 80% unter dem Allzeithoch, der tiefste der Börsengeschichte
Quelle: Fiscal AI


Nikes Bewertung war egal — bis sie es nicht mehr war

Hier kommt der Teil, der am meisten weh tut.

Mit dem Unternehmen ist nichts Katastrophales passiert.

Schau dir die beiden Hälften an (Chart 2). Links das Business: Der Umsatz hat sich seit 2006 grob verdreifacht, von 15 Milliarden Dollar auf einen Höchststand von 51 Milliarden — und liegt heute noch immer bei rund 46 Milliarden. Das ist keine Firma, die auseinanderfällt. Das ist eine Firma, die dreimal so gross geworden ist.

Jetzt schau nach rechts. Der Börsenwert hat sich verzehnfacht, von 21 auf 212 Milliarden Dollar — und seither vom Hoch bis heute 80% wieder abgegeben (Chart 1). Dieselben zwei Jahrzehnte. Zwei völlig verschiedene Fahrten.

Also: Was ist kaputtgegangen, wenn nicht das Business?

Die Bewertung.

Genauer gesagt: die Geschichte, die in der Bewertung steckte.

2006 kostete Nike das 15-Fache des Gewinns — ein fairer Preis für einen grossartigen Compounder. 2021 hatte die Euphorie das auf das 37-Fache getrieben. Der Umsatz hat sich verdreifacht, das Multiple obendrauf mehr als verdoppelt. Der Markt bezahlte nicht mehr für das Nike, das es gab. Er bezahlte für ein Nike, das ewig wachsen würde — in einem Tempo, das kein Sportartikelkonzern mit 50 Milliarden Umsatz halten kann.

Jahrelang liess dieser Optimismus die Bullen wie Genies aussehen. Dann blieb die Zukunft schlicht hinter dem Preis zurück.

Die Bewertung spielt keine Rolle… bis sie es tut, wie man an der Börse sagt. Und wenn sie beschliesst, eine Rolle zu spielen, schickt sie die Rechnung für jedes Jahr, in dem man sie ignoriert hat.

Und wie du weisst: Jede gute Geschichte braucht einen Bösewicht. In dieser ist es nicht Adidas. Es ist das Multiple, das KGV.

Heute liegt es bei rund 21 — näher an der Vernunft von 2006 als an der Euphorie von 2021.

Nun kommt der Gedanke: Warnung oder Einladung?

Das hängt an einer einzigen Frage: Kann Nike auf dem Platz noch gewinnen?

Schauen wir uns das Spielfeld an.

Chart 2: The business tripled; the stock went up 10x, then fell 68%. The price simply assumed a future the company did not deliver

Das Business hat sich verdreifacht; die Aktie verzehnfacht, dann fiel sie um 80%. Der Preis nahm eine Zukunft vorweg, die das Unternehmen nicht geliefert hat
Quelle: Nike 10-K-Berichte


Nikes Swoosh ist überall — und umzingelt

Dreissig Jahre lang hatte Nike genau einen echten Rivalen: Adidas. Ein Riese, ein Herausforderer — und dahinter viel Luft.

Diese Welt gibt es nicht mehr.

Nike ist noch immer die grösste Marke auf dem Platz — rund ein Drittel des globalen Sneaker-Markts, fast 29% der US-Sportschuhe (Chart 3). Bei der Grösse kommt niemand heran.

Aber schau, wer sich heranschiebt — jeder greift auf genau einer Spur an, die früher Nike gehörte. Adidas, der alte Zwilling, ist zurück. On und Hoka haben das Premium-Running — einst Nikes Kathedrale — in einen Zweifrontenkrieg verwandelt. New Balance hat es vom belächelten «Dad Shoe» zu einem der grössten Marktanteilsgewinner geschafft, getragen von Supermodels in London und Familienvätern in Ohio. Lululemon und Alo Yoga besitzen den Athleisure-Hype, dem Nike hinterherrennt. Und in China, dem Wachstumsmarkt, der eigentlich Nike gehören sollte, hat der lokale Champion Anta Nike schlicht überholt.

Keiner von ihnen wird Nike vom Thron stossen. Darum geht es nicht. Hundert kleine Schnitte, jeder auf einer anderen Spur, summieren sich — und ein Riese muss um Terrain kämpfen, das ihm früher einfach gehörte.

Jetzt das Gegenargument der Bullen — und es ist ein starkes.

Nike besitzt nach wie vor die stärkste Marke im Sport und hat über fünf Jahre im Schnitt eine Kapitalrendite von rund 24% erzielt. Ein paar Prozentpunkte Marktanteil zu verlieren, ist kein struktureller Niedergang. Angeschlagen heisst: Die «Good Story» ist noch nicht zu Ende erzählt.

Und der Preis spiegelt jetzt die Wunde, nicht die Marke.

Über zehn Jahre lag Nikes medianes KGV bei 29,4 und die mediane Free-Cash-Flow-Rendite bei 2,8%. Heute: rund das 21-Fache der erwarteten Gewinne, 4,2% Free-Cash-Flow-Rendite und 4,3% Dividendenrendite.

Moment!?

Hier meine liebste Ironie des Jahres.

Nike hat die Dividende 24 Jahre in Folge erhöht. Noch eine Erhöhung, und Nike wird Kandidat für die Dividend Aristocrats. Aus dem einen Eliteklub geflogen — eine Erhöhung entfernt vom nächsten.

Schnäppchen oder Value Trap?

Genau darum dreht sich die Debatte. Eine wunderbare Marke also. Aber du kennst unsere Regel: Ein wunderbares Business ist nicht automatisch ein wunderbares Investment.

Also, was sagt Mr. Market? Und ist er schon zu weit gegangen?

Zeit für den «Good Chart».

Los geht’s.

Chart 3: Nike führt bei der Grösse weiterhin — ~34% der globalen Sneaker, ~29% der US-Sportschuhe —, doch das Feld dahinter war noch nie so dicht

Nike führt bei der Grösse weiterhin — ~34% der globalen Sneaker, ~29% der US-Sportschuhe —, doch das Feld dahinter war noch nie so dicht
Quelle: Euromonitor, Heuritech, arvy


Nikes «Good Chart»: Verzweiflung — oder ein Boden, der sich nur so anfühlt?

Es gibt einen Chart, den sich jeder Anleger irgendwo hin tätowieren sollte, wo er ihn täglich sieht.

Die Phasen einer Blase (Chart 4).

Take-off. Mediale Aufmerksamkeit. Enthusiasmus. Dann die Übertreibung an der Spitze — Wahn, das «neue Paradigma», Verleugnung — gefolgt vom langen Abstieg auf der anderen Seite: Angst, Kapitulation und ganz unten, in kleinen Buchstaben, die Verzweiflung (EN: Despair).

Jetzt leg Nikes Zwanzigjahreschart darüber.

Er passt wie ein Schweizer Uhrwerk.

Der Take-off durch die 2010er-Jahre. Die Manie bis 2021, der Gipfel des «neuen Paradigmas». Die Bullenfalle, die Rückkehr zur «Normalität», die keine war. Angst. Kapitulation. Und jetzt — der Rauswurf aus dem S&P 100, die Dow-Gerüchte, das Zwölfjahrestief — wird das letzte Wort in Echtzeit auf den Chart geschrieben. In Rot. Von mir, zugegeben. Mit Fragezeichen: «Despair?»

Wenn die Geschichte ein Wegweiser ist, ist die Verzweiflung nicht das Ende dieses Charts. Sie ist die letzte Station vor der Rückkehr zum Mittelwert.

Aber Verzweiflung allein ist kein Signal.

Wir brauchen einen Katalysator.

Ein Zeichen der Hoffnung.

Irgendwas?

Letzte Woche ist Alexandre Arnault — Sohn von Bernard Arnault, dem Mann, der LVMH zum grössten Luxuskonzern der Welt gemacht hat — in Nikes Verwaltungsrat eingezogen. Die Familie, die Louis Vuitton, Dior und Tiffany in Maschinen der Preissetzungsmacht verwandelt hat, sitzt jetzt mit am Tisch einer gefallenen Marke. Das ist noch kein Turnaround. Aber es lohnt sich, genau hinzuschauen, wer hereinkommt, während alle anderen hinausgehen.

Also: Ist es so schlimm, dass es schon wieder gut ist?

Das bringt uns zu den drei Wörtern aus dem Teaser. Templeton brauchte vier für den gefährlichsten Satz beim Investieren: «This time it’s different». Dieser hier braucht nur drei. Am Tiefpunkt der Verzweiflung ausgesprochen, haben sie Anleger mehr gekostet als jede Blase.

«Just sell it.»

Wohlgemerkt: Ich weiss nicht, ob das der Boden ist. Der Turnaround ist unbewiesen, und «günstig» kann immer noch günstiger werden. Buffetts Satz ganz oben auf dieser Seite ist beim Investieren am leichtesten zitiert — und am schwersten gelebt.

Durch unsere beiden Linsen betrachtet: Die «Good Story» ist angeschlagen, aber sie atmet. Der «Good Chart» ist noch nicht da. Für uns liegt Nike auf dem Stapel «zu schwierig, genau beobachten».

Womit «Just sell it?» die falsche Frage ist — und vermutlich ohnehin zu spät gestellt. Die Verzweiflung ist eingepreist. Die Optimisten haben kapituliert.

Bleibt nur noch die Frage, wer ihre Kapitulation still und leise aufkauft.

Nike — die Bühne gehört dir.

You can still do it.

So, just do it.

Chart 4: Nikes Aktie folgt den Lehrbuch-Phasen einer Blase — von der Euphorie des «neuen Paradigmas» bis zu «Despair?»

Nikes Aktie folgt den Lehrbuch-Phasen einer Blase — von der Euphorie des «neuen Paradigmas» bis zu «Despair?»

Quelle: TradingView, arvy

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