Physisch oder synthetisch: wie ein ETF den Index abbildet

Mai 27, 2026 5 Minuten Lesezeit
arvy's Teaser: Es gibt zwei Wege, einen Index abzubilden. Der eine kauft die Aktien. Der andere tauscht die Indexrendite mit einer Bank. Der zweite ist steuerlich effizienter — bei einem Weltindex um rund 0.13% pro Jahr, also mehr als das Doppelte der Produktkosten. Wir nehmen ihn trotzdem nicht. Hier steht, warum.

Physisch oder synthetisch: wie ein ETF den Index abbildet

Der steuerliche Vorteil der synthetischen Variante ist real. Der Preis dafür ebenfalls.

Von Thierry Borgeat · Geprüft von Patrick Rissi, CFA und Florian Jauch, CFA · 8 Minuten Lesezeit

Die Kurzfassung
  • Physisch heisst: Der Fonds kauft die Aktien wirklich. Synthetisch heisst: Er hält Sicherheiten und tauscht deren Rendite mit einer Bank gegen die Indexrendite.
  • Synthetisch kann US-Quellensteuer vollständig vermeiden. Bei einem Weltindex mit rund 70% US-Anteil sind das grössenordnungsmässig 0.13% pro Jahr, die ein physischer Fonds abgibt.
  • Der Preis ist ein Gegenparteirisiko und weniger Transparenz darüber, was der Fonds tatsächlich besitzt.
  • Auch physische Fonds sind nicht risikofrei, weil sie Titel verleihen dürfen. Wer etwas anderes behauptet, hat den Prospekt nicht gelesen.

01Die drei Bauweisen

Vollständig physisch. Der Fonds kauft jede Aktie des Index in der richtigen Gewichtung. Am transparentesten, weil das Portfolio dem Index eins zu eins entspricht. Bei sehr breiten Indizes mit tausenden Titeln wird das aufwendig.

Physisch mit Stichprobe. Der Fonds kauft nur einen repräsentativen Teil der Titel, meist die grossen, und lässt die kleinsten weg. Günstiger im Handel, dafür entsteht eine kleine Abweichung zum Index.

Synthetisch. Der Fonds hält irgendein Wertpapierportfolio als Sicherheit und schliesst mit einer Bank ein Tauschgeschäft ab: Er gibt die Rendite seiner Sicherheiten ab und erhält dafür die Indexrendite. Was im Fonds liegt, hat mit dem Index oft wenig zu tun — entscheidend ist der Vertrag.

02Warum synthetisch steuerlich vorne liegt

Hier wird es interessant, und die meisten Ratgeber lassen es weg.

Ein physischer Fonds hält US-Aktien und erhält deren Dividenden. Darauf behalten die USA Quellensteuer ein. Mit irischem Fondsdomizil sind es dank Doppelbesteuerungsabkommen 15% statt 30% — das ist der Vorteil, den wir an anderer Stelle ausführlich beschreiben. Aber 15% bleiben.

Ein synthetischer Fonds hält die US-Aktien gar nicht. Er erhält keine Dividenden, sondern eine vertraglich vereinbarte Zahlung. Unter bestimmten Voraussetzungen fällt darauf keine US-Quellensteuer an.

Was das in Zahlen bedeutet

Ein Weltindex besteht zu rund 70% aus US-Aktien. Bei einer Dividendenrendite um 1.2% bis 1.5% und den verbleibenden 15% Quellensteuer gibt ein irischer physischer Fonds jährlich etwa 0.13% ab. Das ist mehr als das Doppelte der Produktkosten von 0.06%.

Anders gesagt: Der grösste einzelne Kostenblock eines physischen Weltaktien-ETF ist nicht die Gebühr. Es ist eine Steuer, die ein anderer Fondstyp nicht zahlt.

03Was die synthetische Variante kostet

Gegenparteirisiko. Der Indexertrag kommt aus einem Vertrag mit einer Bank. Fällt die Bank aus, greifen die hinterlegten Sicherheiten — aber es ist eine zusätzliche Ebene, die beim physischen Fonds nicht existiert. Die UCITS-Regeln begrenzen dieses Risiko, sie beseitigen es nicht.

Weniger Transparenz. Wer einen physischen Weltaktien-ETF besitzt, besitzt Weltaktien. Wer einen synthetischen besitzt, besitzt ein Sicherheitenportfolio plus einen Vertrag. Beides kann funktionieren. Nur ist das eine in einem Satz erklärbar und das andere nicht.

Erklärbarkeit im Crash. Das ist kein technisches Argument, aber ein praktisches. Wenn der Markt 30% fällt und jemand wissen will, was er eigentlich besitzt, ist «die vierzehnhundert grössten Unternehmen der Welt» eine Antwort, die trägt. «Ein Sicherheitenportfolio und ein Tauschvertrag mit einer Bank» ist es nicht.

04Warum wir trotzdem physisch wählen

Wir könnten rund 0.13% pro Jahr günstiger sein. Wir tun es nicht, und das ist eine bewusste Entscheidung mit einem Preis.

Der Grund ist nicht, dass synthetische Fonds schlecht wären. Viele institutionelle Anleger nutzen sie genau für den US-Teil, und sie haben gute Argumente. Der Grund ist, dass unsere ganze Konstruktion darauf beruht, dass du verstehst, was du besitzt — und dass du deshalb dabeibleibst, wenn es unangenehm wird. Die Verhaltenslücke kostet nach den vorliegenden Untersuchungen rund 1% bis 1.5% pro Jahr. Das ist das Acht- bis Zwölffache dessen, was die synthetische Variante einbringt.

Wir tauschen also einen sicheren, kleinen Steuervorteil gegen etwas, das sich nicht ausrechnen lässt. Das kann man für falsch halten. Aber es ist die Abwägung, die dahintersteht, und du solltest sie kennen.

05Was auch physische Fonds tun

Ein Punkt, den kaum ein Anbieter erwähnt: Physisch heisst nicht risikofrei.

Physische Fonds dürfen Titel gegen Sicherheiten verleihen und verdienen daran. Der von uns eingesetzte Fonds darf das ebenfalls: Bei Aktienindexfonds sind laut Prospekt bis zu 50% des Portfolios gleichzeitig verliehen, und mindestens 80% der Bruttoerträge fliessen dem Fonds zu, während der Leiheagent bis zu 20% für den operativen Aufwand erhält.

Das ist eine Nebeneinnahme, die einen Teil der Produktkosten ausgleicht. Es ist gleichzeitig der Punkt, an dem auch ein physischer Fonds eine Gegenpartei hat. Abgesichert durch Sicherheiten, aber nicht null.

Wer «physisch repliziert, also kein Risiko» schreibt, hat den Prospekt nicht gelesen. Wir schreiben es hier hin, weil du es sonst nirgends findest.

06Woran du die Bauweise erkennst

Im Basisinformationsblattsteht, ob der Fonds die Indexwerte hält oder tauscht
Im Namen«Swap» oder «Synthetic» bei manchen Anbietern, aber nicht zuverlässig
Im ProspektAbschnitte zu Tauschgeschäften, Sicherheiten und Wertpapierleihe
In der Positionslistestehen beim synthetischen Fonds andere Titel als im Index

07Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen physisch und synthetisch?

Ein physischer Fonds kauft die Aktien des Index wirklich. Ein synthetischer hält ein Sicherheitenportfolio und tauscht dessen Rendite mit einer Bank gegen die Indexrendite. Das Ergebnis soll dasselbe sein, der Weg dorthin ist ein völlig anderer.

Ist synthetisch gefährlich?

Nicht per se. UCITS-Regeln begrenzen das Gegenparteirisiko und verlangen Sicherheiten. Aber es existiert eine Vertragsbeziehung, die beim physischen Fonds nicht existiert — und es ist schwerer nachzuvollziehen, was der Fonds tatsächlich besitzt.

Warum ist synthetisch steuerlich günstiger?

Weil der Fonds keine US-Aktien hält und deshalb keine Dividenden erhält, auf die US-Quellensteuer anfällt. Stattdessen erhält er eine Vertragszahlung, die unter bestimmten Voraussetzungen nicht besteuert wird. Bei einem Weltindex geht es grössenordnungsmässig um 0.13% pro Jahr.

Was ist besser für langfristiges Sparen?

Beide funktionieren. Physisch ist einfacher zu verstehen und hat kein Tauschgeschäft, synthetisch ist bei US-lastigen Indizes steuerlich effizienter. Wer die Konstruktion nicht erklären kann, sollte sie nicht besitzen — das spricht für physisch.

Verleihen physische ETF Wertpapiere?

Viele ja, und sie verdienen daran. Beim hier eingesetzten Fonds fliessen mindestens 80% der Bruttoerträge zurück in den Fonds. Die Leihe ist besichert, erzeugt aber ebenfalls eine Gegenpartei. Die tatsächlichen Beträge stehen im Jahresbericht.

Welche Bauweise nutzt der arvy ETF Sparplan?

Eine physisch replizierende, in jedem Baustein. Die Fonds halten die Aktien tatsächlich, statt den Index über ein Tauschgeschäft abzubilden. Das kostet uns rund 0.13% pro Jahr an Quellensteuer, die eine synthetische Konstruktion sparen würde — eine bewusste Entscheidung zugunsten von Nachvollziehbarkeit.

Du sollst wissen, was du besitzt

Vollständig physisch repliziert, thesaurierend, irisches Fondsdomizil — 0.39% Verwaltung plus 0.06% Produktkosten.

Dieser Beitrag wurde von Thierry Borgeat, Mitgründer von arvy, verfasst und von Patrick Rissi, CFA, und Florian Jauch, CFA, geprüft.

Disclaimer: arvy AG ist ein von der FINMA bewilligter Verwalter von Kollektivvermögen nach Art. 24 KAG. Dieser Beitrag dient ausschliesslich Informationszwecken und stellt weder eine Anlageberatung noch eine Steuer- oder Rechtsberatung dar. Alle Beträge sind Richtwerte und hängen von Kanton, Gemeinde und persönlicher Situation ab. Die historische Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse.

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