Qualität ist tot, es lebe die Qualität: Fünf Aktien für Ihre Kaufliste


Quality-Aktien sind aktuell unbeliebt — doch die Geschäfte florieren. Verlässliche Cashflows, starke Marken, stetiges Wachstum machen sie heute unterbewertet — und attraktiver als zu jedem anderen Zeitpunkt der jüngeren Vergangenheit. Unsere Original-Analyse für The Market by NZZ — plus die ausführliche Investoren-Sicht für arvy-Leser.
Die These im Video — 1 Minute
Quality-Aktien: Die akademische Forschung zeigt seit langem, dass hochwertige Geschäfte langfristig outperformen.
Aber es gibt einen Haken: Du musst der Zeit die Schwerarbeit überlassen — und dem Zinseszinseffekt seine stille Magie wirken lassen. Warum performen Quality-Geschäfte? Weil ein Unternehmen, um eines zu sein, zuerst überleben muss. Es braucht eine starke Bilanz, muss in einem Markt mit strukturellem Rückenwind agieren, um Preissetzungsmacht und hohe Margen zu erzielen, und sein Top- und Bottom-Line vor allem organisch wachsen lassen. Füge ein ehrliches, kompetentes Management-Team hinzu, das das Schiff durch jeden kommenden Sturm steuern kann, und du hast die Zutaten für etwas Dauerhaftes.
Die Kirsche obendrauf? Ertragsstabilität und -visibilität.
Dann blickst du auf ein echtes Quality-Geschäft — die Art, die wir gerne compounding tortoise (kompoundierende Schildkröte) nennen. Langsam. Vorhersehbar. Unaufhaltsam. Und mit der Zeit nicht zu stoppen. Aber selbst Schildkröten haben ihre Probleme. Zwei sogar.
Sie tendieren dazu, zu höheren Bewertungen zu handeln, weil jeder weiss, dass sie gut sind.
Sie tendieren dazu, in Marktphasen der Euphorie zu underperformen, wenn Investoren das Glänzende jagen und das Stetige vergessen.
Und das Lustige daran — wir sehen aktuell beide dieser Muster invertiert.
Einige der weltbesten Quality-Geschäfte handeln zu eher günstigen Bewertungen — gerade weil sie für Mr. Markets Geschmack zu langweilig waren. In seiner aktuellen «Dotcom-Déjà-vu»-Stimmung hat Mr. Market sie mit einem Enthusiasmus abverkauft, der 1999 erröten lassen würde.
→ Den vollständigen Artikel mit den fünf konkreten Aktien-Picks auf The Market by NZZ lesen
Chart 1: High Quality Stocks Underperformance auf 1999er-Extremen

Quelle: NZZ The Market
"Quality ist gerade unbeliebt" — diese Aussage ist statistisch oft. Quality underperformt regelmässig in Phasen euphorischer Marktstimmung, weil Anleger dann das Spannende kaufen und das Stetige langweilig finden. Was die aktuelle Situation aber besonders macht — und worauf die NZZ-Analyse den Finger legt — ist die Tiefe der Underperformance. Wir sind auf 1999er-Niveau, also auf den Extremwerten der Dotcom-Blase. Solche Konstellationen treten selten auf. Wenn sie auftreten, sind sie historisch nicht der Beginn eines weiteren Quality-Niedergangs gewesen — sondern oft der Aufbau der nachfolgenden Mehrjahres-Outperformance.
Die Frage, die in einer NZZ-Kolumne kompakt bleiben muss, ist: was muss passieren, damit aus dieser statistischen Konstellation tatsächlich Outperformance wird — und was kann sie verhindern? Genau das wollen wir in den nächsten Sektionen aufschlüsseln. Denn "Quality ist günstig" ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für die Renditen, die der historische Vergleich verspricht.
1999 erlebten Quality-Aktien wie Coca-Cola, Johnson & Johnson, Procter & Gamble eine ähnliche relative Schwäche, während TMT-Aktien explosiv stiegen. Was dann passierte, ist Investitionsgeschichte: in den drei Jahren nach März 2000 verloren die meisten "Hot-Story"-Aktien 70–95% ihres Werts. Quality-Aktien lieferten in derselben Periode positive Renditen. Der Punkt ist nicht "Quality wird in den nächsten drei Jahren zwingend so outperformen" — der Punkt ist, dass die Bewertungs-Asymmetrie auf einem Niveau liegt, auf dem die historische Wahrscheinlichkeitsverteilung deutlich zugunsten von Quality verschoben ist.
Bevor man über günstige Bewertungen redet, muss man präzise sein, was eine echte Quality-Schildkröte ist. Es gibt fünf Kriterien, die zusammenkommen müssen. Jedes einzelne ist ein gutes Zeichen — alle fünf zusammen produzieren die Art von Geschäft, das Jahrzehnte überdauert und Vermögen aufbaut.
Niedrige Verschuldung, hohe Liquidität, robuste Cash-Generierung. Die Bedingung, um durch jede Krise zu kommen ohne Notverkäufe oder Verwässerung der Aktionäre.
Tätig in Märkten mit langfristigem Rückenwind — Demografie, Digitalisierung, Konsumtrends. Keine Wette auf Sub-Sektoren mit unsicherer Halbwertszeit.
Marken, Patente, Wechselkosten oder Skalenvorteile, die das Unternehmen vor Margenkompression schützen. Operative Marge stabil oder steigend.
Wachstum, das aus dem eigenen Geschäft kommt — nicht aus Akquisitionen oder finanzieller Konstruktion. Im 7–20%-Bereich (vgl. Bäume wachsen nicht in den Himmel).
Skin in the Game, langfristige Orientierung, kapital-disziplinierte Allokation. Das menschliche Element, das die anderen vier Kriterien über Zeit aufrechterhält.
Vorhersehbare, stetige Cashflows aus wiederkehrenden Umsätzen. Das macht aus einem guten Geschäft ein investierbares gutes Geschäft.
Wenn alle diese Kriterien erfüllt sind, hat man die Mechanik einer kompoundierenden Schildkröte: ein Geschäft, das nicht spektakulär wächst, aber Jahr für Jahr Substanz aufbaut, Marktanteile gewinnt, Preise leicht erhöht, Cash generiert und reinvestiert. Über zwanzig Jahre kompoundiert das in eine Reichtumsbildungs-Maschine, die nicht durch Glanz besticht, sondern durch mathematische Verlässlichkeit.
Die NZZ-Analyse nennt sie offen: Quality-Geschäfte handeln typisch zu höheren Bewertungen (weil jeder weiss dass sie gut sind), und sie underperformen in Euphoriephasen (weil das Spannende mehr Anleger anzieht). Was aktuell besonders ist: beide Probleme sind invertiert. Bewertungen sind ungewöhnlich tief und Underperformance ist ungewöhnlich extrem. Diese Doppel-Inversion ist der Setup, von dem die NZZ-Analyse spricht.
Die praktische Frage: was tut man konkret in dieser Konstellation? Hier wird die ehrliche Antwort wichtig, denn pauschale Antworten ("kauf Quality jetzt!") verpassen die wesentlichen Differenzierungen. Drei strukturelle Unterscheidungen, die jeder Anleger machen sollte:
Erste Differenzierung — wo ist Quality tatsächlich günstig? Nicht jeder defensiv klingende Name ist ein Quality-Bargain. Echte Quality-Schildkröten erkennt man daran, dass sie alle fünf Kriterien gleichzeitig erfüllen. Manche Konsumgüter-Marken handeln aktuell günstig, weil ihre strukturelle Marktposition durch Eigenmarken erodiert. Das ist kein Quality-Discount — das ist ein berechtigt verändertes Geschäftsmodell. Disziplin bedeutet: günstig + Quality, nicht "günstig + bekannter Name".
Zweite Differenzierung — Geographie und Sektor matter. Quality ist heute global ungleich verteilt. Europäische Konsumgüter-Champions handeln teils zu deutlichen Discounts gegenüber US-Pendants, weil USA-Anleger Premium-Bewertungen für US-Aktien zahlen. Pharma und Med-Tech haben über die letzten fünf Jahre eigene strukturelle Schwächephasen durchlaufen (vgl. Health Care Companion). Industrieller Mittelstand mit globaler Präsenz oft übersehen. Wer "Quality kaufen" sagt, sollte konkretisieren — welche Geographien, welche Sub-Sektoren, welche Geschäftsmodelle.
Dritte Differenzierung — Bewertungsmetrik richtig wählen. Standard-KGV ist für viele Quality-Geschäfte keine sinnvolle Bewertungsmetrik. Free-Cashflow-Yield, Earnings-Yield versus Anleihenrenditen, oder Sum-of-the-Parts bei Konglomeraten geben oft genauere Bilder. Wer auf P/E starrt und erwartet dass alles unter 20x "günstig" sei, übersieht oft die eigentlichen Schnäppchen.
| Anleger-Profil | Aktuell typische Quality-Allokation | Was zu prüfen wäre |
|---|---|---|
| "Ich folge dem MSCI World" | Mix mit deutlichem US-Tech-Tilt | Wie viel davon ist Quality vs. Hyperwachstum? Versteckte Konzentration? |
| "Ich konzentriere auf US-Quality" | Microsoft, Visa, Apple etc. — Premium-bewertet | Geographische Quality-Diversifikation prüfen — Europa, Schweiz, ausgewählte Emerging Markets |
| "Ich kaufe Schweizer Standards" | Nestlé, Roche, Novartis etc. — typisch hochkonzentriert | Diversifikation über Sektoren und Geschäftsmodelle hinweg, nicht nur Schweizer Mega-Caps |
| "Ich vermeide Quality wegen 'zu langweilig'" | Niedrig — meist im Hypergrowth oder Tech | Strukturelle Lücke in der Reichtumsbildungs-Zone — bewusst aufbauen oder nicht? |
Wann sich Bewertungs-Asymmetrien aufschliessen, kann niemand timen — auch wir nicht. Aber wir können die plausibelsten Pfade beschreiben:
Eine Marktkorrektur oder die Konvergenz von Hyperwachstums-Wachstumsraten löst eine breite Re-Allokation in Quality aus. Die aktuelle 1999er-Extremstellung kehrt sich um, Quality-Champions liefern über 24–36 Monate spürbare Mehrrendite gegenüber breiten Indizes. Wer heute selektiv eingestiegen ist — nicht in Konsumgüter-Verlierer, sondern in echte Quality-Schildkröten zu vernünftigen Bewertungen — kommt strukturell besser durch als breite Index-Anleger.
Die Bewertungslücke schliesst sich graduell, ohne dramatischen Bruch. Innerhalb von Quality wird stark differenziert — die echten Schildkröten gewinnen, die "Quality im Namen, aber nicht in der Substanz"-Aktien bleiben zurück. Selektion entscheidet über Performance, nicht pauschales Sektor-Engagement. Unser Basisszenario.
Die KI-Capex-Welle hält länger an als erwartet, Hyperwachstums-Champions liefern weiter spektakuläre Renditen. Quality-Aktien hinken weitere 12–18 Monate hinterher, die Bewertungsasymmetrie wird noch extremer. In diesem Szenario ist die Versuchung gross, die Quality-Disziplin aufzugeben — gerade dann ist sie am wertvollsten. Historisch waren genau die Phasen, in denen "diese Strategie funktioniert nicht mehr" zur dominanten Überzeugung wurde, die besten Einstiegszeitpunkte für die nächsten 5–10 Jahre.
Eine ehrliche Selbsteinschätzung dauert 30 Minuten und ist der wertvollste Schritt, den ein Anleger in einer Quality-Discount-Phase machen kann. Vier konkrete Prüfungen:
1. Quality-Anteil-Inventur. Wie viel Prozent deines Portfolios sind in echten Quality-Geschäften (alle fünf Kriterien erfüllt) versus in "scheinbaren Quality"-Aktien (bekannter Name, aber Geschäft erodiert) versus in "Hot Story"-Aktien? Bei den meisten Privatanlegern ist die echte Quality-Quote niedriger als gedacht.
2. Mr.-Market-Test. Wenn du heute 100% deines Portfolios cash hättest, würdest du ähnlich allokieren wie aktuell? Oder würdest du in der heutigen Konstellation deutlich mehr Quality-Compounder kaufen? Der Unterschied zwischen deiner heutigen Allokation und dem, was du theoretisch jetzt aufbauen würdest, ist die Lücke, die du schrittweise schliessen solltest.
3. Bewertungs-Disziplin. Auch in einer Quality-Discount-Phase gilt: nicht alles, was günstig ist, ist Quality. Hast du klare Bewertungs-Schwellen für die Aktien auf deiner Watchlist? Oder kaufst du auf "Bauchgefühl" weil es "günstig wirkt"? Disziplinierte Käufe brauchen disziplinierte Bewertungs-Trigger.
4. Geduld-Check. Quality-Investing belohnt mehrjährige Halteperioden. Wenn du jetzt aufstockst und der Markt erstmal weitere 12 Monate gegen dich läuft, hältst du durch oder kapitulierst du? Die ehrliche Antwort entscheidet, ob du in dieser Strategie überhaupt gewinnen kannst — nicht die Aktienauswahl.
Sie verkaufen nicht panisch ihre Hyperwachstums-Positionen, um in Quality umzuschichten — das wäre Strategie-Hopping. Sie schauen sich ihre Quality-Lücke ehrlich an und bauen schrittweise auf, indem sie neue Investitionen oder Sparplan-Beträge in echte Quality-Schildkröten lenken. Über 18–24 Monate verschiebt sich die Allokation graduell. Das ist langweilig, weniger spannend zu erzählen, und mathematisch genau das, was funktioniert. Die Geschichte belohnt nicht den, der am dramatischsten umschichtet — sondern den, der seine Strategie diszipliniert über lange Zeiträume durchhält.
Die fünf konkreten Picks und die Begründungen dafür findest du im NZZ-Originalartikel — wir verlinken bewusst dorthin, weil das vertraglich der Place ist, an dem diese Empfehlungen erscheinen. Was wir hier auf arvy.ch leisten ist die Quality-Mechanik dahinter — die Kriterien, nach denen wir Quality-Geschäfte bewerten. Wer die Picks lesen will, kann das im NZZ-Original tun.
Die genaue Sektor- und Einzeltitel-Allokation kommunizieren wir transparent in unseren vierteljährlichen Strategiebrieten. Was wir generisch sagen können: arvys Strategie ist seit jeher auf Quality-Kompoundierer ausgerichtet — die fünf Kriterien aus Sektion 02 sind unsere Standard-Linse für Aktienauswahl. Welche konkreten Positionen das aktuell ergibt, dokumentiert der arvy Quartalsbericht Q1 2026.
Das ist der Bear Case aus Sektion 04 und ein realer Risikofaktor. Niemand kann garantieren, dass historische Muster sich wiederholen. Was die historische Statistik aber zeigt: in über 95% der Fälle, in denen Quality-Aktien diese Extreme der relativen Underperformance erreichten, folgten 24–60 Monate später deutliche Outperformance-Phasen. Das ist keine Garantie, sondern eine probabilistische Aussage. Disziplinierte Anleger handeln nach Wahrscheinlichkeitsverteilungen, nicht nach Garantien.
Wir geben keine pauschalen Einzeltitel-Empfehlungen — die Antwort hängt zu sehr von individueller Bewertung, Sektor-Spezifika und persönlichem Portfolio-Kontext ab. Was wir generisch sagen können: Schweizer Quality-Champions sind unterschiedlich strukturell positioniert. Manche operieren in Märkten mit echtem Rückenwind und stabiler Margenstruktur, andere haben strukturelle Herausforderungen. Die fünf Kriterien aus Sektion 02 als individuelle Linse anzulegen ist der bessere Weg als pauschale "Schweizer Standards = Quality"-Annahmen.
Weiterlesen — die thematischen Anker dieser Analyse
Die provokante Überschrift "Qualität ist tot, es lebe die Qualität" ist mehr als ein Wortspiel. Sie beschreibt präzise eine Marktphase, in der eine Anlagestrategie für tot erklärt wird — gerade in dem Moment, in dem ihre nächste grosse Periode beginnt. Genau das ist der historische Mechanismus, der Quality-Investing zu der langfristig outperformenden Strategie gemacht hat: Phasen breiter Skepsis sind oft Phasen tiefer Bewertungen, und tiefe Bewertungen sind die Grundlage für die nächste Phase überdurchschnittlicher Renditen.
Nicht jede Schildkröte ist eine Quality-Schildkröte. Nicht jede günstige Aktie ist ein Quality-Bargain. Die Disziplin, die fünf Kriterien anzulegen — Bilanz, Marktposition, Preissetzungsmacht, organisches Wachstum, Management — und die Geduld, das Compounding wirken zu lassen, sind die zwei Eigenschaften, die langfristig erfolgreiche Quality-Investoren von der Mehrheit der Marktteilnehmer trennen. Beides ist im Moment der Übertreibung am schwersten — und am wertvollsten.
Original verfasst von Thierry Borgeat, Co-Founder von arvy, für The Market by NZZ. Die ausführliche arvy-Erweiterung wurde überprüft von Patrick Rissi, CFA und Florian Jauch, CFA. Datenquellen: NZZ The Market, eigene Analysen, akademische Literatur zu Quality-Faktor-Investing. Letztes Update: April 2026.
Disclaimer: Dieser Artikel dient allgemeinen Bildungszwecken und stellt keine persönliche Anlageberatung dar. Die genannten Wertpapier-Bezeichnungen sind illustrativ und keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung. Vergangene Performance ist keine Garantie für zukünftige Ergebnisse. Szenarien sind Einschätzungen, keine Prognosen. arvy ist ein von der FINMA beaufsichtigter Vermögensverwalter mit KAG-Lizenz (Art. 24). Impressum & Rechtliche Hinweise.