Sandoz: Das goldene Jahrzehnt der Biosimilars


"Deine Marge ist meine Chance."
– Jeff Bezos
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Patentklippe.
Kaum ein Wort wird an den Gesundheitsmärkten mehr gefürchtet.
Und das Bild ist gut gewählt: Hier geht es nicht um einen sanften, allmählichen Rückgang. Eine Patentklippe ist der plötzliche, steile, oft brutale Umsatzeinbruch, den ein Pharmakonzern erleidet, sobald ein Blockbuster seinen Patentschutz verliert – und eine Flut günstigerer Kopien den Markt überschwemmt.
Nimm Humira, jahrelang das meistverkaufte Medikament der Welt. Als 2023 der US-Exklusivschutz fiel, verdampfte über ein Jahrzehnt sorgsam verteidigter Preismacht innerhalb weniger Quartale. Milliarden an Jahresumsatz – weg, nicht langsam, sondern über die Klippe.
Und jetzt der unangenehme Teil für Big Pharma.
Wir treten in eine der grössten Patentklippen-Phasen aller Zeiten ein. Zwischen 2025 und Anfang der 2030er-Jahre verlieren Blockbuster mit zusammen weit über USD 200 Milliarden Jahresumsatz ihren Schutz. Seien wir ehrlich: Wir beide wissen, dass ich die Hälfte dieser Wirkstoffe nicht einmal richtig aussprechen kann – aber die Liste liest sich wie das All-Star-Team der modernen Medizin, und einer nach dem anderen tritt an den Rand (Chart 1).
Für die CEOs der Originalhersteller ist das der wiederkehrende Albtraum, der die Strategieabteilungen nachts wachhält. Doch jede Klippe hat einen Boden. Und an diesem Boden steht eine Branche mit offenen Armen und fängt jeden Dollar auf, der fällt – eine Branche, von der du sicher schon gehört hast, deren Grösse und deren Aufteilung in zwei sehr unterschiedliche Geschäfte du aber vielleicht nie ganz verstanden hast.
In beiden Geschäften gibt es einen globalen Marktführer. Schweizerisch, natürlich. Und – wie ein gewisser Luftfahrt-Champion, über den wir kürzlich geschrieben haben – ebenfalls einst ein Spin-off.
Warum sollte dich das kümmern – als Patient und als Investor?
Und was genau verkauft dieser Schweizer Liebling überhaupt?
Chart 1: Die Pharma-Patentklippe – welche Blockbuster wann ihren Schutz verlieren

Sandoz wurde im Oktober 2023 von Novartis abgespalten – 140 Jahre Firmengeschichte, die plötzlich auf eigenen Beinen stehen.
Heute verkauft das Unternehmen rund 1’300 Medikamente in über 100 Ländern, erreichte letztes Jahr mehr als eine Milliarde Patientinnen und Patienten und erzielte 2025 einen Nettoumsatz von USD 11,1 Milliarden.
Das Geschäft teilt sich in zwei Bereiche, die ähnlich klingen, aber kaum unterschiedlicher sein könnten (Chart 2):
Für dich als Konsument sind beide unmissverständlich eine gute Nachricht: dasselbe Medikament, zu einem Bruchteil des Preises. Allein Sandoz sorgte 2025 für geschätzte USD 26 Milliarden an Einsparungen im Gesundheitssystem.
Tja, nicht alle Helden tragen einen Umhang, mein geschätzter arvy’s-Weekly-Leser.
Fun Fact: Wenn du in der Schweiz aufgewachsen bist, bist du wahrscheinlich längst Sandoz-Kunde. Diese sprudelnde orange Tablette aus deiner Kindheit? Calcium Sandoz – seit fast einem Jahrhundert auf dem Markt.
Sandoz ist nicht bloss ein Mitspieler dieser Branche – Sandoz hat sie geprägt.
Europas grösster Generika-Anbieter. Das Unternehmen, das 2006 das weltweit erste Biosimilar überhaupt (Omnitrope) und 2015 das erste US-Biosimilar (Zarxio) lancierte – Jahrzehnte, bevor der Begriff in den Wortschatz der Investoren einzog.
Und hier der Gedanke fürs Portfolio: Sandoz ist der natürliche Hedge zu Big Pharma. Genau die Patentklippe, die Aktionäre von Roche, Novartis, Pfizer, Merck, Novo Nordisk, Eli Lilly und AbbVie erschaudern lässt, ist das Auftragsbuch von Sandoz. Die Pipeline ist, ganz wörtlich, eine Liste der Bestseller der Konkurrenz.
Wer innovative Pharma und Sandoz besitzt, besitzt beide Seiten der Klippe.
Und wie sieht dieses Auftragsbuch nun aus?
Es war nie voller als genau jetzt.
Chart 2: Was macht Sandoz? Zwei Pipelines, die je auf rund USD 200 Milliarden Originalumsatz zielen

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Motor eins, die Generika, ist das attraktiv langweilige Fundament: stabile Volumen, verlässlicher Cashflow, Wachstum im tiefen einstelligen Bereich – der Motor, der alles andere bezahlt. Motor zwei, die Biosimilars, ist der Kicker: allein im ersten Quartal 2026 plus 18 %, mit acht Quartalen in Folge beschleunigendem Wachstum.
Und Motor zwei steuert gerade in den reichsten Höhenkorridor seiner Geschichte. Der globale Off-Patent-Markt dürfte von USD 233 Milliarden (2023) auf USD 443 Milliarden (2032) wachsen. Darin explodiert das Biosimilar-Stück von USD 25 Milliarden auf USD 122 Milliarden – ein jährliches Wachstum von 19 %, angetrieben von genau jener Parade fallender Blockbuster aus Chart 1.
Mein lieber Leser, der du noch immer im Sprudeln jener orangen Brausetablette schwelgst: Das ist das goldene Jahrzehnt der Biosimilars (Chart 3).
Sandoz steht am Boden der Klippe mit 32 Biosimilars in der Entwicklung, die auf Originalpräparate mit zusammen rund USD 200 Milliarden Umsatz zielen – darunter ein Pembrolizumab-Programm, das auf den US-Patentablauf von Keytruda 2028 abzielt, den grössten Umsatztopf, der je vom Patent gefallen ist. Dazu eine frisch ausgeweitete Partnerschaft mit Samsung Bioepis, eine Marge, die bis 2028 von unter 22 % Richtung 24–26 % geführt wird, und eine Bilanz in Schweizer Qualität, deren Ausblick S&P soeben auf positiv angehoben hat.
Der Markt ist kein Narr.
Seit dem Spin-off handelte Sandoz zu einem mittleren Forward-P/E von rund 14. Heute sind es 22. Das ist Multiple Expansion in Reinform – Investoren preisen die glänzende Zukunft ein, bevor sie eintrifft. Und doch verrät dir eine einzige Zahl, dass hier keine reine Euphorie am Werk ist: Im selben Zeitraum stieg die Free-Cashflow-Rendite auf 2,8 %, deutlich über ihrem eigenen historischen Schnitt von rund 2 %.
Lies das nochmals.
Der Kurs stieg kräftig – und dennoch wurde das Unternehmen auf Cashflow-Basis günstiger, weil das Cash noch schneller wuchs als der Preis.
Marktteilnehmer nennen das «in die Bewertung hineinwachsen». Es ist eine der besten Kombinationen, die ein Investor finden kann.
Trotzdem, seien wir wie immer ehrlich zueinander: Ein wunderbares Geschäft ist nicht automatisch ein wunderbares Investment. Biosimilar-Preise erodieren zweistellig, sobald sich die Konkurrenz häuft. Pfizer und Amgen betreiben ihre eigenen Biosimilar-Sparten.
Pfizer und Amgen? Big Pharma selbst?
Mhm, ja, und falls du dich fragst: Warum betreibt nicht einfach jeder Generika und Biosimilars gleich selbst? Beides unter einem Dach zu mischen (innovative Pharma – ihr Kerngeschäft – mit Generika/Biosimilars) erzeugt kulturelle und operative Reibung: andere Anreize, andere Talente, andere Kapitalallokation, anderer Management-Fokus. Was das eine erfolgreich macht, schadet oft dem anderen.
Kurz: Die Kannibalisierung schadet mehr, als sie nützt. Eine eigene, günstigere Version zu lancieren, frisst genau die margenstarken Markenumsätze weg, die man ohnehin schon macht. Warum freiwillig die eigenen Gewinne kappen, wenn unabhängige Generikahersteller das ohnehin tun?
Bleibt also nur der Umstand, dass jede einzelne Lancierung einen Hinterhalt vor Gericht durch den Originalhersteller einlädt. Und bei einem 22-fachen Gewinn steckt ein guter Teil des goldenen Jahrzehnts bereits im Kurs. Erwartungen sind eine Schuld, die die Zukunft erst zurückzahlen muss.
Was uns zum letzten und wichtigsten Zeugen bringt.
Was sagt Mr. Market höchstpersönlich dazu?
Hat er seine Stimme bereits abgegeben?
Chart 3: Der Off-Patent-Markt verdoppelt sich bis 2032 fast – Biosimilars wachsen 19 % p. a.

Das hat er – und zwar laut.
Stan Weinstein, einer der grossen Meister der Stage-Analyse, beschrieb den idealen Fortsetzungskauf vor Jahrzehnten: Eine Aktie in bestätigtem Aufwärtstrend, komfortabel über ihrem steigenden 30-Wochen-Durchschnitt, legt eine Pause ein.
Sie läuft wochenlang seitwärts.
Entscheidend: Das Volumen trocknet während dieser Konsolidierung aus – das verräterische Zeichen, dass die Verkäufer erschöpft sind. Wer verkaufen wollte, hat verkauft. Dann, eines Tages, bricht die Aktie über die Konsolidierung auf ein neues Hoch aus – auf einem Volumenschub. Frische, entschlossene Käufer. Genau diesen Moment markierte Weinstein mit dem Buchstaben «A»: der ideale Kauf für einen Trader.
Und nun schau dir Sandoz an (Chart 4).
Ein Lehrbuch-Stage-2-Aufwärtstrend seit dem Spin-off. Eine mehrwöchige Konsolidierung knapp unter CHF 67 bei sichtbar schrumpfendem Volumen. Und im Juni 2026: der Ausbruch auf hohem Volumen zu einem neuen Allzeithoch über CHF 67 – Punkt A, in Echtzeit gezeichnet. Keine Ermüdungserscheinungen, keine Distribution, kein Drama.
Der Weg des geringsten Widerstands zeigt nach oben.
Eine «Good Story»: der strukturelle Gewinner der grössten Patentablaufwelle der Pharmageschichte, bei dem ein langweiliger Cash-Motor einen schnell wachsenden finanziert. Ein «Good Chart»: ein frisches Allzeithoch nach einer Bilderbuch-Konsolidierung. Wenn beides zusammenfällt, werden wir hellhörig.
Wenn du also das nächste Mal die Worte «Patentklippe» liest und dir einen Pharma-CEO vorstellst, der bang über den Rand starrt, dann denk daran, wer am Boden steht, die Arme offen, und auffängt, was fällt.
Für den grössten Teil der Branche ist die Klippe der Ort, an dem die Geschichte endet.
Für Sandoz ist sie der Ort, an dem das Geschäft beginnt.
Chart 4: Sandoz Wochenchart – Konsolidierung auf tiefem Volumen, Ausbruch auf hohem Volumen zu einem neuen Allzeithoch. Weinsteins «Ideal Buy» in Echtzeit
