Säule 3a ab Lehrlingslohn: Lohnt sich’s wirklich — oder lieber Kinderkonto?


3a für Jugendliche und Lehrlinge ist möglich — aber nicht für jeden sinnvoll. Die ehrliche Schweizer Entscheidungshilfe mit Steuer-Math und dem wahren Hebel: Zeit.
Säule 3a setzt AHV-pflichtiges Erwerbseinkommen voraus — Kinder unter 16 fallen ohne Lehrlingslohn oder Gig-Income raus. Ab dem 1. Lehrjahr kann der Lehrling eigenes 3a einrichten. Steuerlich bringt das wenig (Grenzsteuersatz nur ~10% bei Lehrlingslohn). Der echte Hebel ist Compound-Zeit: Start mit 18 vs 25 macht über 47 Jahre bei CHF 300/Monat rund CHF 220'000 Unterschied am Ende.
Schweizer Eltern, die Vorsorge ernst nehmen, stellen sich irgendwann diese Frage: Sobald das Kind in die Lehre startet und einen Lehrlingslohn bekommt — soll es nicht direkt eine Säule 3a eröffnen? Der eigentliche Treiber ist meistens nicht der Lehrling selbst (der hat andere Prioritäten), sondern Eltern oder Grosseltern, die den Vermögensaufbau frühzeitig anstossen wollen.
Die spontane Intuition ist: ja, je früher desto besser. Das stimmt — aber nur teilweise. Säule 3a hat strikte Voraussetzungen, einen marginalen Steuer-Vorteil bei tiefen Einkommen, und einen Lock-up-Effekt, der bei 16-Jährigen schmerzhafter ist als bei 50-Jährigen. Dieser Artikel macht die ehrliche Aufstellung.
Bevor wir auf die Math kommen: die rechtliche Voraussetzung. Eine Säule 3a kann nur eröffnen, wer ein AHV-pflichtiges Erwerbseinkommen in der Schweiz hat. Das heisst konkret:
Für die meisten Schweizer Jugendlichen heisst das praktisch: Säule 3a wird ein Thema mit dem 1. Lehrjahr, typisch ab Alter 15–16 bei beruflicher Grundbildung, oder mit dem Beginn einer Anstellung nach dem Studium bei akademischer Laufbahn (typisch 22–25).
Lehrlingslöhne in der Schweiz sind in den 4 Lehrjahren progressiv aufgebaut. Typische Bandbreiten je nach Branche und Lehrjahr:
| Lehrjahr | Lohn pro Monat (typisch) | Lohn pro Jahr |
|---|---|---|
| 1. Lehrjahr | CHF 600–900 | CHF 7'200–10'800 |
| 2. Lehrjahr | CHF 800–1'100 | CHF 9'600–13'200 |
| 3. Lehrjahr | CHF 1'000–1'400 | CHF 12'000–16'800 |
| 4. Lehrjahr (falls 4-jährige Lehre) | CHF 1'200–1'600 | CHF 14'400–19'200 |
Realistisch kann ein Lehrling pro Jahr 5–15% seines Bruttolohns in 3a einzahlen, ohne sich selbst zu erdrücken — das wären CHF 500–2'500 pro Jahr. Theoretisch ist der gesetzliche Maximalbetrag 2026 CHF 7'258 für Erwerbstätige mit Pensionskasse. Aber dieser Maximalbetrag wird bei Lehrlingslohn meist deutlich überstiegen und ist daher selten praktisch erreichbar.
Das beliebteste Argument für 3a ist der Steuer-Vorteil. Bei einem 50-jährigen Berufseinsteiger mit CHF 80'000 Jahreseinkommen und 30% Grenzsteuersatz spart der maximale 3a-Beitrag CHF 2'177 Steuern pro Jahr. Bei einem 17-jährigen Lehrling sieht das ganz anders aus:
| Szenario | Jahreseinkommen | Grenzsteuersatz | 3a-Beitrag | Steuerersparnis |
|---|---|---|---|---|
| Lehrling 1. Jahr | CHF 9'000 | ~5–10% | CHF 900 | CHF 45–90 |
| Lehrling 4. Jahr | CHF 16'000 | ~10–15% | CHF 1'600 | CHF 160–240 |
| Berufseinsteiger nach Lehre | CHF 60'000 | ~22–28% | CHF 7'258 | CHF 1'600–2'030 |
| Erfahrener Berufstätiger | CHF 100'000+ | ~30–35% | CHF 7'258 | CHF 2'180–2'540 |
Grenzsteuersätze kantonsabhängig (Zürich, Bern, Genf, Basel höher als Innerschweiz). Effektive Ersparnis je nach Steuerprogression und Familiensituation.
Bei Lehrlingslohn ist der Steuer-Vorteil von 3a oft kleiner als die Eröffnungs- und Verwaltungskosten des Kontos. CHF 45–240 Steuerersparnis pro Jahr klingt nett, aber wenn das 3a-Konto in einer reinen Bank-3a-Lösung (Konto-Gebühren, schwache Rendite) liegt, kann der Nettoeffekt sogar negativ sein. Das Steuer-Argument allein reicht bei Lehrlingen also nicht.
Wenn das Steuer-Argument bei Lehrlingen marginal ist, was bleibt? Die Antwort ist eindeutig: Zeit. 3a hat eine Eigenschaft, die Kinderkonto nicht hat — das Geld bleibt bis zur Pensionierung gebunden. Das ist gleichzeitig der grösste Nachteil und der grösste Vorteil. Nachteil: keine Liquidität. Vorteil: maximaler Compound-Effekt über Jahrzehnte.
Schauen wir uns das in Zahlen an. Annahme: jemand zahlt ab dem Eintrittsjahr CHF 300 pro Monat in 3a ein, hält das bis Alter 65, bei 5% nominaler Rendite (realistisch für Aktien-3a):
| 3a-Start mit Alter | Anlage-Jahre bis 65 | Endwert mit 65 (5% nom.) |
|---|---|---|
| 16 Jahre (1. Lehrjahr) | 49 | CHF 758'125 |
| 18 Jahre (3. Lehrjahr) | 47 | CHF 679'284 |
| 22 Jahre (Erstanstellung) | 43 | CHF 543'355 |
| 25 Jahre (oft realistisch) | 40 | CHF 457'806 |
| 30 Jahre (Spätzünder) | 35 | CHF 340'828 |
Berechnung: Future Value einer monatlichen Annuität bei 5% nominaler Rendite. Renditen vor Steuern (3a-Auszahlung wird im Bezugsalter mit reduziertem Tarif besteuert). Reale Renditen nach Inflation typisch 3–4% bei Aktien-3a.
Die Differenz zwischen Start mit 18 und Start mit 25 ist CHF 221'478 — und das nur wegen sieben zusätzlicher Compounding-Jahre am Anfang. Diese sieben Jahre sind unrückholbar; was du mit 18 nicht angefangen hast, kannst du mit 30 nicht durch höhere Beiträge kompensieren ohne massiv mehr einzuzahlen.
Sieben frühe 3a-Jahre (Start 18 statt 25) sind über die Karriere bis 65 wert: CHF 221'000. Das ist der mit Abstand mächtigste Hebel im Schweizer Vorsorge-System — und er ist nur einmal verfügbar, nämlich am Anfang. Wer dieses Fenster verpasst, holt es später nie wieder ein.
Die zwei Optionen haben grundlegend verschiedene Charaktere. Das wird in der direkten Gegenüberstellung am klarsten:
| Eigenschaft | Kinderkonto | Säule 3a |
|---|---|---|
| Voraussetzung | Keine | AHV-pflichtiges Erwerbseinkommen |
| Liquidität | Voll verfügbar (mit Eltern-Mitwirkung < 18) | Gesperrt bis 60 (Ausnahmen: Wohneigentum, Selbstständigkeit, Auswanderung) |
| Steuer-Vorteil bei Einzahlung | Keiner | Vom Einkommen abziehbar (10–35% Grenzsteuer) |
| Vermögenssteuer während Laufzeit | Ja | Nein (3a-Vermögen ist steuerfrei) |
| Maximal-Einzahlung pro Jahr | Unbegrenzt | CHF 7'258 (mit PK, Stand 2026) |
| Bezug bei Notfall | Sofort möglich | Nur in eng definierten Fällen |
| Bezug bei Auswanderung | Trivial | Möglich, aber Quellensteuer-Themen |
| Anlage-Optionen | Sparkonto bis Aktien-Sparplan | Bank-3a bis Aktien-3a |
| Optimaler Anlagehorizont | Mittelfristig (5–15 Jahre) | Sehr langfristig (30–50 Jahre) |
Die wichtigste Erkenntnis aus dieser Tabelle: 3a ist nicht der „bessere" Kinderkonto — sie ist eine andere Vermögens-Kategorie. Wer eine Säule 3a für seinen Lehrling eröffnet und dafür das Kinderkonto auflöst, hat sich vermutlich verlaufen. Die zwei sollen parallel laufen, mit unterschiedlichen Zwecken.
Für wen lohnt sich Säule 3a ab Lehrlingslohn — und für wen nicht? Hier die honest Decision Framework:
Eltern unterstützen Lebenshaltungskosten (Wohnen, Essen), Lehrlingslohn ist im Wesentlichen Sparkapital. Hier kann der Lehrling CHF 100–250 pro Monat in 3a einzahlen, ohne sich einzuschränken — und die Compound-Math arbeitet maximal.
Der Lehrling sieht Schweiz als langfristigen Wohn- und Arbeitsplatz. Auswanderungs-Pläne (z.B. Studium und Karriere im Ausland) machen den 3a-Lock-up problematisch — das Geld nach Auslandwegzug zu beziehen ist möglich, aber steuerlich und administrativ aufwendig.
Wenn Eltern oder Grosseltern bereit sind, die 3a-Einzahlungen mitzufinanzieren oder den Lehrling psychologisch zu unterstützen, wird die Disziplin viel einfacher. Allein-aus-eigener-Motivation-Sparen ist mit 16–17 schwer.
Wenn der Lehrling mit dem Lohn Miete oder eigene Lebenskosten finanziert (z.B. eigene WG-Wohnung), ist Liquidität wichtiger als langfristiger Compound. Erst Notgroschen aufbauen, dann 3a in Betracht ziehen.
Studium im Ausland, internationale Karriere, später wieder Schweiz unklar — diese Pläne kollidieren mit 3a-Lock-up. Bei Auswanderung in EU/EFTA bleibt 3a-Vermögen oft trotzdem in der Schweiz gebunden, mit komplexen Bezugsregeln.
Vor jeder 3a-Einzahlung sollte ein flüssiger Notgroschen von CHF 3'000–5'000 stehen — für Velo-Defekt, Unfall, kleinere Lebens-Überraschungen. Direkter Sprung in 3a ohne diese Basis ist riskant.
Für die meisten Lehrlinge in stabilen Schweizer Familienverhältnissen ist die Antwort weder „nur Kinderkonto" noch „nur 3a", sondern eine Hybrid-Strategie:
Phase 1 (16–18, 1.–2. Lehrjahr): Lehrling baut Notgroschen im eigenen Sparkonto auf (CHF 3'000–5'000). Das bestehende Kinderkonto der Eltern läuft weiter (für künftiges Studium, Auto, Wohnung). Noch keine 3a — Liquidität und Erfahrung sammeln.
Phase 2 (18–20, 3.–4. Lehrjahr und Berufseinstieg): Sobald Notgroschen steht, startet 3a mit kleinen Beträgen: CHF 100–200 pro Monat. Parallel weitersparen aufs eigene Konto für mittelfristige Ziele (Auto mit 18, eigene Wohnung mit 20–22).
Phase 3 (ab 22, ab Berufseinsteiger-Position): 3a hochfahren auf 80–100% des Maximalbeitrags (CHF 7'258 pro Jahr 2026), je nach Einkommen und sonstigen Verpflichtungen. Kinderkonto wird zur eigenen Vermögensverwaltung — entweder in Aktien-Sparplan transferiert oder als Liquiditäts-Polster gehalten.
Dieses Phasen-Modell respektiert beide Realitäten: dass Compound-Zeit unbezahlbar ist, und dass ein 16-Jähriger noch nicht für 50 Jahre Lock-up bereit ist.
Ja, sobald er Lehrlingslohn mit AHV-Abrechnung bezieht. Die meisten Banken und Versicherer akzeptieren Lehrlinge ab dem ersten Lehrlingslohn. Bei Aktien-3a-Anbietern (VIAC, Frankly, finpension, viac etc.) ist die Eröffnung in 10–20 Minuten online machbar.
5–15% des Bruttolohns ist realistisch, ohne sich selbst zu erdrücken. Bei CHF 1'000 Lehrlingslohn pro Monat: CHF 50–150 monatlich in 3a, also CHF 600–1'800 pro Jahr. Maximalbeitrag 2026 ist CHF 7'258 (für Erwerbstätige mit PK) — wird bei Lehrlingslohn fast nie erreicht.
Marginal. Bei Lehrlingseinkommen ist der Grenzsteuersatz typisch nur 5–15%, die Steuerersparnis pro Jahr also CHF 30–270. Der eigentliche Hebel ist nicht Steuer, sondern Compound-Zeit: 7 frühe 3a-Jahre (Start 18 vs 25) sind über die Karriere ~CHF 220'000 wert.
Praktisch ja, rechtlich indirekt. Die 3a muss auf den Namen des Kindes (Lehrlings) laufen und das Kind muss eigenes Erwerbseinkommen haben. Aber Eltern können das Geld dem Kind schenken, das dann in 3a einzahlt. Das ist die übliche Praxis bei finanziell unterstützenden Familien.
Das 3a-Vermögen kann bei Wegzug aus der Schweiz bezogen werden — aber je nach Wohnsitzland mit Quellensteuer und administrativen Komplikationen. EU/EFTA-Wohnsitz hat andere Regeln als USA oder Asien. Bei klaren Auslandsplänen sollte 3a-Eröffnung nochmals geprüft werden.
Aktien-3a klar — bei 47+ Jahren Anlagehorizont ist die Aktienquote der entscheidende Renditefaktor. Bank-3a verliert über Jahrzehnte gegen die Inflation. Anbieter wie VIAC, Frankly, finpension bieten 100% Aktien-3a ab tiefen Mindestbeträgen.
Nein. Die zwei haben unterschiedliche Zwecke: Kinderkonto = mittelfristige Liquidität (Auto, Studium, Wohnung), 3a = langfristige Vorsorge (Pension). Beide parallel laufen lassen, mit unterschiedlichen Beträgen je nach Lebensphase.
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Verfasst von Thierry Borgeat, Mitgründer von arvy. Geprüft von Patrick Rissi, CFA und Florian Jauch, CFA. Steuerangaben basieren auf Schweizer Bundessteuer und durchschnittlichen kantonalen Steuersätzen (Stand 2026). Individuelle Steuer-Situation kann abweichen — Beratung durch qualifizierten Steuerberater empfohlen.
Disclaimer: Dieser Artikel dient allgemeinen Bildungszwecken und stellt keine persönliche Anlage- oder Vorsorgeberatung dar. Renditen sind nicht garantiert; historische Performance ist kein Indikator für zukünftige Ergebnisse. arvy AG ist von der FINMA als Verwalterin von Kollektivvermögen nach KAG Art. 24 zugelassen. Impressum & Rechtliche Hinweise.