Thesaurierend oder ausschüttend in der Schweiz


Warum der Steuervorteil ein Mythos ist — und der eigentliche Unterschied trotzdem sechsstellig sein kann.
Die Unternehmen im Fonds zahlen Dividenden. Was damit geschieht, unterscheidet die beiden Typen.
Ausschüttend heisst: Der Fonds überweist dir die Erträge aufs Konto, typischerweise vierteljährlich oder jährlich. Du entscheidest, was damit passiert.
Thesaurierend heisst: Der Fonds legt die Erträge sofort wieder an, intern und ohne dein Zutun. Es kommt nichts auf deinem Konto an, dafür steigt der Anteilswert entsprechend.
In deutschen Foren liest man, thesaurierende Fonds seien steuerlich vorteilhafter, weil keine Ausschüttung fliesst. Für die Schweiz stimmt das nicht.
Die Erträge eines thesaurierenden Fonds sind für dich steuerbares Einkommen — auch wenn du sie nie auf dem Konto siehst. Die Steuerbehörde kennt die wiederangelegten Erträge und rechnet sie dir zu. Du zahlst also Steuern auf Geld, das du nicht bekommen hast.
Das klingt unangenehm, ist aber kein Nachteil: Bei einem ausschüttenden Fonds zahlst du dieselbe Steuer, bekommst das Geld dafür ausbezahlt. Unter dem Strich ist die Steuerlast in beiden Fällen gleich.
Was in der Schweiz tatsächlich zählt: Kapitalgewinne sind für Privatanleger steuerfrei, Erträge nicht. Diese Trennung gilt für beide Fondstypen identisch. Die Details stehen in ETF Sparplan Steuern Schweiz.
Wenn die Steuer gleich ist, wo liegt dann der Vorteil? In der Wiederanlage. Und dort lohnt es sich, ehrlich zu unterscheiden.
| CHF 500 im Monat, 30 Jahre, 7% brutto | Endwert | Differenz |
|---|---|---|
| Thesaurierend, Fonds legt intern an | rund CHF 613'000 | — |
| Ausschüttend, konsequent wiederangelegt | rund CHF 611'000 | −2'000 (0.3%) |
| Ausschüttend, nie wiederangelegt | rund CHF 416'000 | −196'000 (32%) |
Modellrechnung: 2% Dividendenrendite, quartalsweise Ausschüttung, bei der Wiederanlage 0.15% Stempelabgabe plus 0.05% Handelsspanne und im Schnitt anderthalb Monate, in denen das Geld nicht investiert ist. Keine Prognose.
Die erste Erkenntnis ist unbequem für jeden, der thesaurierende Fonds gerne verkauft: Wer diszipliniert wiederanlegt, verliert fast nichts. Rund 0.3% über dreissig Jahre — das ist Reibung, kein Argument.
Die zweite Erkenntnis ist die wichtige: Fast niemand legt konsequent wieder an. Die Ausschüttung kommt als kleiner Betrag aufs Konto, mitten im Monat, ohne Anlass. Sie vermischt sich mit dem Lohn. Und genau dann ist der Zinseszinseffekt unterbrochen — nicht dramatisch in einem Quartal, aber über dreissig Jahre summiert es sich auf ein Drittel des Endwerts.
Damit das Bild vollständig bleibt. Ausschüttende Fonds sind sinnvoll, wenn du die Erträge tatsächlich brauchst — im Ruhestand etwa, wo regelmässige Zahlungen den Lebensunterhalt decken und der Verkauf von Anteilen umständlicher wäre.
Sinnvoll sind sie auch, wenn dir die Sichtbarkeit hilft: Manche Anleger bleiben eher investiert, wenn sie viermal im Jahr etwas ankommen sehen. Das ist kein mathematisches Argument, aber ein reales — Durchhaltevermögen schlägt jede Optimierung.
In der Aufbauphase mit einem Sparplan sprechen beide Punkte nicht für die Ausschüttung.
Nein. Die Erträge sind auch bei thesaurierenden Fonds steuerbares Einkommen, obwohl nichts ausbezahlt wird. Die Steuerlast ist bei beiden Varianten gleich. Der Vorteil liegt ausschliesslich in der automatischen Wiederanlage.
Ja. Die wiederangelegten Erträge gelten als zugeflossen und gehören ins Wertschriftenverzeichnis. Die Werte pro Fonds und Steuerjahr sind über die offiziellen Steuerdaten der Eidgenössischen Steuerverwaltung verfügbar; viele Depotauszüge weisen sie direkt aus.
Bei jeder Wiederanlage fallen Stempelabgabe und Handelsspanne an, dazu die Zeit, in der das Geld unangelegt auf dem Konto liegt. Im Modell sind das über dreissig Jahre rund 0.3% des Endwerts — deutlich weniger, als oft behauptet wird. Teuer wird es erst, wenn die Wiederanlage ausbleibt.
Dann fehlt dem Zinseszins die Grundlage. Im Modell mit CHF 500 monatlich über dreissig Jahre liegt der Endwert rund 32% tiefer als bei automatischer Wiederanlage — fast CHF 200'000. Das ist der eigentliche Unterschied zwischen den beiden Fondstypen.
Am Namenszusatz: «Acc» oder «Accumulating» steht für thesaurierend, «Dist» oder «Distributing» für ausschüttend. Im Factsheet ist die Ertragsverwendung immer ausgewiesen. Manche Fonds gibt es auf denselben Index in beiden Varianten.
Eine thesaurierende. Die Erträge werden im Fonds automatisch wiederangelegt, ohne Stempelabgabe auf deiner Seite und ohne dass du daran denken musst. Steuerlich ändert das nichts — organisatorisch alles.
Der arvy ETF Sparplan nutzt einen thesaurierenden Fonds — 0.39% Verwaltung plus 0.06% Produktkosten.
Dieser Beitrag wurde von Thierry Borgeat, Mitgründer von arvy, verfasst und von Patrick Rissi, CFA, und Florian Jauch, CFA, geprüft.
Disclaimer: arvy AG ist ein von der FINMA bewilligter Verwalter von Kollektivvermögen nach Art. 24 KAG. Dieser Beitrag dient ausschliesslich Informationszwecken und stellt weder eine Anlageberatung noch eine Steuer- oder Rechtsberatung dar. Alle Beträge sind Richtwerte und hängen von Kanton, Gemeinde und persönlicher Situation ab. Die historische Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse.