Time in the Market schlägt Market Timing


«Time in the market beats timing the market» gehört zu den Sätzen, die so oft wiederholt werden, dass sie ihre Bedeutung verlieren. Dabei steckt dahinter eine der wenigen Aussagen über Finanzmärkte, die sich mit Daten belegen lässt — und eine, deren praktische Konsequenz die meisten unterschätzen.
Die grössten Tagesgewinne der Börsengeschichte häufen sich nicht in ruhigen Aufwärtsphasen. Sie treten in Panikphasen auf — meist wenige Tage nach den grössten Tagesverlusten. Das ist kein Zufall, sondern eine Eigenschaft von Volatilität: Wenn die Schwankung explodiert, tut sie das in beide Richtungen.
Für Anleger hat das eine unangenehme Konsequenz. Der natürliche Impuls nach einem schweren Tag lautet: erst einmal raus, dann in Ruhe beobachten. Genau dieser Impuls führt dazu, dass man die stärksten Erholungstage verpasst — und anschliessend zu höheren Kursen zurückkehrt als jenen, zu denen man ausgestiegen ist.
Man muss den Markt nicht dauerhaft falsch einschätzen, um Schaden anzurichten. Es reicht, einige wenige Tage nicht dabei zu sein. Und diese Tage kündigen sich nicht an.
Drei unabhängige Datenreihen messen dasselbe Phänomen mit unterschiedlichen Methoden.
Vanguard beziffert im Rahmen seines Advisor-Alpha-Konzepts den Wert diszipliniertem Verhaltens auf rund 1.5% pro Jahr — in Stressphasen auf bis zu 2. Morningstar kommt in seiner Gamma-Studie auf 1.59%. Dalbar vergleicht seit Jahrzehnten die ausgewiesene Rendite von Fonds mit der tatsächlich von Anlegern erzielten Rendite und misst je nach Zeitraum eine Lücke von 1.5% bis 3%.
Unterschiedliche Ansätze, dieselbe Richtung: Zwischen dem, was ein Investment liefert, und dem, was seine Besitzer davon behalten, klafft eine Lücke. Sie entsteht durch Kaufen nach guten Nachrichten und Verkaufen nach schlechten.
Was 1.5% pro Jahr bedeuten. CHF 500 monatlich über 30 Jahre bei 7% ergeben rund CHF 610'000. Dieselbe Einzahlung bei 5.5% ergibt rund CHF 457'000. Die Differenz von über CHF 150'000 taucht in keiner Gebührenaufstellung auf — sie entsteht ausschliesslich dadurch, wann jemand kauft und verkauft.
Der naheliegende Einwand lautet: Dann steige ich eben rechtzeitig aus und rechtzeitig wieder ein. Das setzt zwei richtige Entscheidungen voraus, nicht eine — und beide müssen präzise sein.
Der Ausstieg ist die leichtere Hälfte. Sich in einer Krise zum Verkauf zu entschliessen, fällt fast allen leicht, weil die Nachrichtenlage die Entscheidung stützt. Der Wiedereinstieg ist die schwere Hälfte: Er müsste stattfinden, während die Schlagzeilen noch schlecht sind und sich nichts sicher anfühlt. Genau dann kauft praktisch niemand.
Deshalb endet Markttiming in der Praxis selten in einer Rundreise, sondern in einer Einbahnstrasse: raus im Abschwung, zurück erst, wenn die Erholung schon gelaufen ist.
Wenn Timing nicht funktioniert und Prognosen nicht helfen, bleibt ein unspektakulärer Ansatz: dabeibleiben und regelmässig nachkaufen.
Automatisieren. Ein Sparplan investiert im März 2020 und im Oktober 2022, ohne zu fragen, wie sich die Lage anfühlt. Diese Gleichgültigkeit ist sein grösster Vorteil.
Den Horizont ernst nehmen. Geld, das du in drei Jahren brauchst, gehört nicht in Aktien. Wer diese Trennung sauber macht, muss in einer Korrektur nicht verkaufen — und kann deshalb aussitzen.
Weniger nachschauen. Die Wahrscheinlichkeit, ein Aktienportfolio an einem beliebigen Tag im Minus zu sehen, liegt bei fast der Hälfte. Über zehn Jahre ist sie historisch sehr klein. Die Beobachtungsfrequenz bestimmt, welche Realität du wahrnimmst.
Der praktische Kern: Nicht dabeibleiben, weil du optimistisch bist. Dabeibleiben, weil du im Voraus entschieden hast, dass Marktphasen keine Entscheidungsgrundlage sind. Wer diese Regel vor der Krise aufstellt, muss sie während der Krise nicht neu erfinden.
Nein. Verkaufen ist sinnvoll, wenn sich dein Ziel, dein Horizont oder deine Lebenssituation ändert. Nicht sinnvoll ist Verkaufen als Reaktion auf Kursbewegungen oder Nachrichten.
Bewertungen haben eine gewisse Aussagekraft für sehr lange Zeiträume, aber praktisch keine für die nächsten ein bis zwei Jahre. Teure Märkte können jahrelang teurer werden. Als Ausstiegssignal taugt Bewertung deshalb nicht.
Als Faustregel gelten für Aktien mindestens zehn Jahre. Kürzere Horizonte sind möglich, verlangen aber eine tiefere Aktienquote — sonst entscheidet der Zufall des Ausstiegszeitpunkts über das Ergebnis.
Er hilft erheblich, weil er die Entscheidung automatisiert. Vollständig immun macht er nicht: Wer den Sparplan im Crash pausiert oder das Depot auflöst, umgeht den Mechanismus. Der Schutz liegt in der Regel, nicht in der Technik.
Erstaunlich wenige. Die stärksten Tage konzentrieren sich auf kurze Zeiträume, meist unmittelbar nach schweren Verlusttagen. Schon das Verpassen einer Handvoll dieser Tage über Jahrzehnte reduziert das Endergebnis erheblich — und vorher erkennbar sind sie nicht.
Für den Markt als Ganzes ist die Aussage robust, für Einzelaktien nicht. Ein einzelnes Unternehmen kann dauerhaft scheitern, ein breiter Index hat sich historisch immer erholt. Dabeibleiben ist ein Argument für Diversifikation, nicht gegen sie.
In begrenztem Umfang ja. Eine Reserve, die ausdrücklich für Nachkäufe reserviert ist, unterscheidet sich von Geld, das aus Unentschlossenheit auf dem Konto liegt. Wichtig ist eine im Voraus definierte Regel, ab welchem Rückgang sie eingesetzt wird.
Für die meisten genügt eine jährliche Überprüfung von Sparrate, Zielen und Aufteilung. Tägliches Nachschauen erhöht vor allem die wahrgenommene Schwankung und damit den Druck, etwas zu unternehmen.
Wie regelmässiges Investieren aufgebaut ist, von Kosten bis Steuern.
Wie sich Portfolios in historischen Krisen tatsächlich entwickelt haben.
Der arvy ETF Sparplan investiert wöchentlich — auch dann, wenn die Nachrichten schlecht sind.
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Zum ETF Sparplan →Dieser Beitrag wurde von Thierry Borgeat, Mitgründer von arvy, verfasst und von Patrick Rissi, CFA, und Florian Jauch, CFA, geprüft.
Disclaimer: arvy AG ist ein von der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht FINMA bewilligter Verwalter von Kollektivvermögen nach Art. 24 des Kollektivanlagengesetzes (KAG). Dieser Beitrag dient ausschliesslich Informationszwecken und stellt weder eine Anlageberatung noch eine Steuer- oder Rechtsberatung noch ein Angebot oder eine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Die dargestellten Berechnungen sind Modellrechnungen auf Basis der genannten Annahmen und keine Prognose; sie unterstellen eine konstante Rendite und eine monatliche Verzinsung zum nominellen Jahreszins. Die historische Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse. Anlagen in Aktien unterliegen Kursschwankungen; Verluste bis zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals sind möglich. Steuerliche Auswirkungen sind kantonal und individuell unterschiedlich — kläre deine Situation mit einer Fachperson ab.