Vor- und Nachteile von Dividenden — Röhl und Borgeat im Gespräch


Wachstum oder Dividenden? Christian W. Röhl, Herausgeber der jährlichen Dividendenstudie, und Thierry Borgeat, Co-Founder von arvy, diskutieren mit The Market by NZZ über zwei valide Anlage-Perspektiven mit unterschiedlicher Akzentuierung. Hier auf arvy.ch findest du das Original-Interview plus die ausführliche Investoren-Sicht zur Dividenden-vs-Reinvestitions-Frage — mit Respekt für beide Positionen.
Wachstum oder Dividenden? Nach Meinung von Christian W. Röhl, Autor und Vermögensverwalter in eigener Sache, müssen Anlegerinnen und Anleger diese Abwägung bei der Aktienauswahl nicht machen. Kritisch werde es erst, «wenn Investoren hohen Dividendenrenditen hinterherlaufen». Der Herausgeber der jährlich erscheinenden Dividendenstudie schätzt das gute Gefühl, «wenn unabhängig von der Börsenstimmung Geld auf das Konto kommt».
Thierry Borgeat, Gründungspartner der Investmentgesellschaft arvy, betont im Gespräch die langfristigen Vorteile des Zinseszinseffekts, die er als «mächtigste Waffe, die wir als Anleger haben» bezeichnet. Unternehmen, die über Jahrzehnte ihren Gewinn reinvestierten, könnten eine Wertsteigerung erfahren, die sonst nicht möglich wäre.
Röhl, langjähriger Herausgeber einer der renommiertesten Dividendenstudien im deutschsprachigen Raum, betont die Verhaltens-stabilisierende Funktion regelmässiger Cash-Zuflüsse. Eine kontinuierlich steigende Dividende ist nach seiner Lesart auch ein operatives Qualitäts-Signal — Unternehmen, die das über Jahrzehnte schaffen, demonstrieren strukturelle Stärke. Kritisch werde es erst, wenn Anleger blind «hohen Dividendenrenditen hinterherlaufen» und dabei Bewertungs-Disziplin und Geschäftsmodell-Substanz vernachlässigen.
Borgeat akzentuiert die langfristige Hebel-Wirkung der Reinvestition. Quality-Geschäfte mit hohen Kapitalrenditen, die ihren Gewinn intern in den Wettbewerbsvorteil reinvestieren, bauen über Jahrzehnte einen Compound-Effekt auf, der durch Dividenden-Ausschüttung nicht reproduzierbar ist — die Mathematik des Zinseszinses ist hier strukturell dominant. Im Interview diskutieren Röhl und Borgeat auch ihre Aktienfavoriten für die jeweilige Strategie.
Wenige Themen sorgen bei Privatanlegern so verlässlich für Emotionen wie die Dividenden-Frage. Mathematisch ist das überraschend — aus reiner Wertschöpfungs-Perspektive ist eine Dividende «nur» eine Form der Kapitalrückgabe, ökonomisch äquivalent zu einem proportionalen Aktien-Verkauf. Trotzdem hängen viele Anleger emotional an ihrer Dividenden-Strategie und treffen weniger emotionale Entscheidungen bei vergleichbar wichtigen Anlage-Themen. Die Frage findet in einem NZZ-Interview-Format keinen Platz für die nötige Tiefe — sie ist aber der Schlüssel: Dividenden adressieren ein psychologisches Bedürfnis, das über die rein mathematische Rendite-Optimierung hinausgeht.
Drei Mechanismen erklären die emotionale Aufladung der Dividenden-Frage:
Sowohl Röhl als auch Borgeat eint die Quality-Selektions-Disziplin: beide wären sich einig, dass die Aktienauswahl auf strukturell starke Geschäfte konzentriert sein soll. Sie unterscheiden sich in der Akzentuierung der Auszahlungs-Politik: Röhl sieht in einer steigenden Dividende ein operatives Qualitäts-Signal mit positivem Verhaltens-Effekt für den Anleger. Borgeat sieht in der Reinvestition den strukturellen Hebel für maximalen langfristigen Compound-Effekt. Beide haben recht — die Frage ist, welcher Aspekt für welchen Anleger stärker gewichtet werden soll.
Die Debatte ist keine «Wer hat recht?»-Frage, sondern eine «Was passt zu welchem Profil?»-Frage. Eine strukturierte Gegenüberstellung beider Positionen mit ihren jeweiligen Stärken:
Was diese Gegenüberstellung zeigt: beide Positionen haben strukturelle Vorteile in unterschiedlichen Anleger-Kontexten. Der ideologisch geprägte «Reinvestition immer besser»- oder «Dividenden immer besser»-Anleger ignoriert die Kontext-Abhängigkeit. Disziplinierte Anleger fragen: was passt zu meinem Lebenshorizont, meiner psychologischen Konstitution, meiner Steuer-Situation, meinem Geldfluss-Bedarf?
Sowohl Röhl als auch Borgeat warnen explizit vor «hohen Dividendenrenditen hinterherlaufen» (Röhl) und vor strukturlosem Reinvestitions-Glaube ohne Quality-Filter (impliziert in Borgeats Skin-in-the-Game-Logik). Eine Aktie mit 12% Dividendenrendite ist meist kein Schnäppchen, sondern ein Geschäft in fundamentaler Schwäche. Ein Geschäft, das «reinvestiert» ohne dabei sinnvoll zu wachsen, verbrennt Kapital. Beide Strategien funktionieren nur mit strenger Geschäftsmodell-Disziplin als Voraussetzung. Ohne diese Disziplin werden beide zur Falle.
Die Dividenden-vs-Reinvestitions-Frage ist nicht binär, sondern ein Spektrum. Drei strategische Implikationen:
| Implikation | Was zu tun wäre |
|---|---|
| 1. Quality-Filter zuerst, Auszahlungs-Politik zweit | Bevor du dich entscheidest «Dividende oder Reinvestition», stelle sicher, dass jede Position ein strukturell starkes Geschäft ist (Burggraben, hohe Kapitalrenditen, Skin in the Game). Beide Strategien funktionieren nur mit Quality-Substrat. Dividenden auf schwache Geschäfte sind Kapital-Vernichtung. Reinvestition in schwache Geschäfte ist auch Kapital-Vernichtung. |
| 2. Mischung als Default für die meisten Anleger | Die meisten Anleger profitieren von einer Mischung: 40-70% Reinvestoren-Geschäfte (langfristiger Compound-Effekt) plus 30-60% Dividenden-Zahler (Verhaltens-Stabilität, Cash-Flow). Das exakte Verhältnis hängt vom Profil ab — Lebensphase, Risiko-Toleranz, psychologische Konstitution. |
| 3. Strategie-Konsistenz wichtiger als Strategie-Wahl | Wer ständig zwischen Dividenden- und Reinvestitions-Strategie hin- und herwechselt, verliert in beiden. Wähle eine Strategie, die zu deinem Profil passt, und halte sie 10+ Jahre konsequent. Beide Strategien funktionieren — aber nur mit Konsistenz. |
| Anleger-Profil | Empfohlene Akzentuierung | Begründung |
|---|---|---|
| 20-40 Jahre alt, Anspar-Phase, lange Horizont | Reinvestitions-Akzent (60-80%) | Compound-Effekt maximieren, Dividenden-Steuer-Last minimieren |
| 40-60 Jahre alt, mittlere Lebensphase | Ausgewogene Mischung (50/50) | Übergang von Anspar- zu Bezugs-Phase, Strategie-Stabilität wichtig |
| 60+ Jahre alt, Bezugs-Phase | Dividenden-Akzent (50-70%) | Cash-Flow für Lebenshaltung, Verhaltens-Stabilität in Bear-Phasen |
| Anleger mit emotionaler Bear-Anfälligkeit | Dividenden-Akzent unabhängig vom Alter | Cash-Flow als Verhaltens-Stabilisator, verhindert panisches Verkaufen |
Die langfristigen Renditen beider Strategien sind statistisch ähnlich, wenn beide diszipliniert auf Quality-Geschäfte angewendet werden. Drei plausible Pfade:
Über sehr lange Zeitspannen (20-40 Jahre) und bei strikter Quality-Selektion liefert Reinvestition strukturell die höchsten absoluten Renditen — das ist die mathematische Wirkung des Zinseszinses. Anleger mit langer Anlage-Disziplin und psychologischer Bear-Resilienz profitieren maximal. Beispiel-Compounder wie Berkshire Hathaway demonstrieren das historisch.
Eine Mischung aus reinvestierenden Quality-Geschäften und Dividenden-Quality liefert leicht niedrigere Theorie-Renditen, aber höhere realisierte Renditen — weil die Verhaltens-Stabilität das panische Verkaufen in Bear-Phasen reduziert. Über die durchschnittliche Anleger-Realität ist diese Mischung das pragmatisch optimale Resultat. Unser Basisszenario.
«Dividenden-Hetzjäger», die hohe Dividendenrenditen ohne Quality-Filter kaufen, erleben strukturell Underperformance und Dividenden-Kürzungen. «Reinvestoren», die in strukturell schwache Geschäfte investieren ohne Skin-in-the-Game-Disziplin, sehen Kapital-Vernichtung statt Compound-Effekt. Beide Strategien scheitern ohne disziplinierte Quality-Voraussetzung.
Eine Strategie-Klarheit-Inventur dauert 60-90 Minuten. Vier konkrete Prüfungen:
1. Anleger-Profil-Analyse. Lebensphase, Geldfluss-Bedarf, Risiko-Toleranz, psychologische Bear-Resilienz — diese vier Dimensionen bestimmen die optimale Akzentuierung. Ehrliche Selbst-Analyse statt ideologischer Vorab-Entscheidung.
2. Aktuelle Portfolio-Struktur prüfen. Welcher Anteil deines Portfolios ist in echten Reinvestoren-Geschäften (niedrige bis keine Dividende, hohe Reinvestitions-Quote, hohes RoIC)? Welcher Anteil ist in Dividenden-Quality (steigende Dividende über 10+ Jahre, ausschüttungs-disziplinierte Geschäfte)? Welcher Anteil ist in problematischen «Hochdividenden-ohne-Substanz»-Geschäften?
3. Steuer-Situation einbeziehen. Dividenden-Besteuerung variiert stark nach Wohnsitz (Schweiz, Deutschland, andere). Reinvestoren-Geschäfte stunden Steuern auf nicht-realisierte Gewinne. Diese Steuer-Optimierung kann pro Jahr 0.3-1.0% zusätzliche Netto-Rendite ausmachen — über 30 Jahre substantiell.
4. Strategie-Konsistenz schriftlich festlegen. Definiere für die nächsten 10 Jahre eine klare Zielallokation (z.B. «60% Reinvestoren, 30% Dividenden-Quality, 10% Cash»). Schriftliche Festlegung verhindert reaktive Strategie-Wechsel in Markt-Stress-Phasen.
Sie ideologisieren nicht «Dividenden vs. Reinvestition» — sie wählen pragmatisch nach Profil. Sie halten in beiden Strategien-Komponenten ausschliesslich Quality-Geschäfte als Voraussetzung. Sie vermeiden den Hochdividenden-Reflex genauso konsequent wie den blinden Reinvestoren-Glauben. Sie wechseln ihre Strategie nicht reaktiv, sondern halten sie 10+ Jahre konsequent. Sie passen die Akzentuierung graduell an Lebensphasen an, nicht sprunghaft. Diese Disziplin respektiert beide validen Positionen — Röhls und Borgeats — und übersetzt sie in pragmatische Portfolio-Realität. Das ist letztlich der Synthese-Ansatz, den beide Experten in unterschiedlicher Akzentuierung in ihrer eigenen Praxis leben.
Beide Experten nennen ihre konkreten Aktienfavoriten für die jeweilige Strategie im vollständigen Interview. Wir publizieren die spezifischen Namen hier nicht, weil unser Fokus auf der übertragbaren Strategie-Mechanik liegt. Die genannten Geschäfte zum damaligen Zeitpunkt sind heute möglicherweise andere — die Selektions-Methodik beider Experten bleibt aber gültig.
Buybacks sind ökonomisch ähnlich zu Dividenden — Kapitalrückgabe an Aktionäre, nur in anderer Form. Steuerlich oft günstiger (in vielen Jurisdiktionen). Das Verhaltens-«Cash-auf-Konto»-Element entfällt aber. Disziplinierte Anleger sehen Buybacks als sinnvolles Element des Auszahlungs-Spektrums, vor allem wenn sie zu vernünftigen Bewertungen erfolgen. Buybacks bei extrem hohen Bewertungen sind hingegen Kapital-Vernichtung.
Klassische Vertreter der Röhl-Position: Geschäfte mit jahrzehntelang steigenden Dividenden, die operativ-strukturell Quality demonstrieren. Disziplinierte Dividenden-Anleger konzentrieren sich genau auf solche Geschäfte. Wichtig: nicht jede «Dividenden-Aristokratie» ist heute noch Quality — periodische Überprüfung der Geschäftsmodell-Substanz ist essenziell.
arvy folgt einer Reinvestitions-akzentuierten Quality-Strategie, hält aber auch Dividenden-Quality-Positionen. Konkrete Strategie-Mechanik und Sektor-Allokation findest du transparent dokumentiert im arvy Quartalsbericht Q1 2026.
Weiterlesen — die thematischen Anker dieser Analyse
Was das Co-Interview mit Röhl und Borgeat besonders wertvoll macht, ist die Klarheit, dass beide Positionen valide sind und sich in ihren Stärken ergänzen, statt einander auszuschliessen. Röhls Dividenden-Akzent adressiert die Verhaltens-Stabilität und das operative Qualitäts-Signal. Borgeats Reinvestitions-Akzent adressiert die mathematische Hebel-Wirkung des Zinseszinses. Beide Akzentuierungen sind richtig — die Frage ist, welche zu welchem Anleger-Profil besser passt.
Was disziplinierte Anleger vom durchschnittlichen unterscheidet, ist nicht die ideologische Festlegung auf eine der beiden Positionen, sondern die ehrliche Profil-Analyse und die konsequente Umsetzung der gewählten Akzentuierung. Beide Strategien funktionieren langfristig — aber nur mit Quality-Geschäftsmodell-Disziplin als Voraussetzung und mit Strategie-Konsistenz über 10+ Jahre. Anleger, die zwischen den Strategien hin- und herwechseln, je nachdem welche aktuell besser performt, verlieren in beiden. Anleger, die ihre gewählte Strategie konsequent leben — egal ob Reinvestoren-akzentuiert oder Dividenden-akzentuiert — bauen über Jahrzehnte den langfristigen Compound-Effekt auf, den beide Experten in unterschiedlicher Akzentuierung beschreiben. Beide haben recht. Was zählt ist, dass du eine wählst und dabei bleibst.
Original-Interview von der NZZ-Redaktion mit Christian W. Röhl (Autor und Vermögensverwalter, Herausgeber der jährlichen Dividendenstudie) und Thierry Borgeat (Co-Founder arvy) als gemeinsame Experten. Die ausführliche arvy-Erweiterung wurde verfasst von Thierry Borgeat und überprüft von Patrick Rissi, CFA und Florian Jauch, CFA — mit Respekt und Anerkennung für Christian W. Röhls Pro-Dividende-Position. Letztes Update: April 2026.
Disclaimer: Dieser Artikel dient allgemeinen Bildungszwecken und stellt keine persönliche Anlageberatung dar. Vergangene Performance ist keine Garantie für zukünftige Ergebnisse. arvy ist ein von der FINMA beaufsichtigter Vermögensverwalter mit KAG-Lizenz (Art. 24). Impressum & Rechtliche Hinweise.